Der Tacho zeigt über 50 Stundenkilometer. Klingt nicht schnell, aber direkt vor mir auf der rutschigen Fahrbahn stehen vier Verkehrskegel. Kurz vor dem Hindernis lenke ich stark nach links, trotzdem trifft das Auto den äußersten Kegel. Von drinnen kriege ich gar nicht mit, wie er durch die Luft fliegt. Schnell lenke ich wieder nach rechts, um das Auto zurück auf die Spur zu bringen – auch das gelingt nicht mehr richtig. Mit quietschenden Reifen bringe ich den Wagen zum stehen. „Da merkt man, dass ein kleiner Geschwindigkeitsunterschied viel ausmacht“, sagt Hanspeter Albrecht. Kurz davor hatte ich dasselbe Hindernis noch etwas langsamer umfahren – ohne Probleme.

Wir sind auf dem Verkehrsübungsplatz in Neu-Ulm. Zwei Fahrschüler in gelben Warnwesten drehen auf Motorrädern ihre Runden. Albrecht, Vorsitzender der örtlichen Verkehrswacht, gibt hier Fahrsicherheitstrainings. Für Fahranfänger, aber auch für fortgeschrittene Fahrer bis hin zu Senioren. Normalerweise findet das Training in Gruppen von acht bis zwölf Personen statt, diesmal macht Albrecht eine Ausnahme.

Fahrsicherheitstraining in Neu-Ulm Fahrsicherheitstraining in Neu-Ulm: So schleudert ein Auto ohne ABS herum

Kopfstütze kann Leben retten

Jedes Sicherheitstraining beginnt mit der Gefahrenbremsung. Bei 50 Stundenkilometern soll ich voll ins Bremspedal treten. Davor muss ich den Bremsweg schätzen. Die Markierung lege ich zögernd bei etwa neun Metern ab.

Bevor ich losfahre, stellt der Fahrtrainer meine Kopfstütze nach oben. „Die sitzt bei vielen zu tief“, sagt Albrecht ruhig aber bestimmt. Das könne fatale Folgen haben: „So wie die Wucht bei einem Auffahrunfall nach vorne geht, geht sie danach nach hinten.“ Da die Lehne von Autositzen immer leicht geneigt ist, schiebt sich der Körper beim Rückprall den Sitz nach oben. Ist die Kopfstütze zu niedrig eingestellt, bricht im schlimmsten Fall das Genick.

Mit korrekt eingestellter Kopfstütze fahre ich an den Anfang der Strecke und wende. Etwas nervös blicke ich auf die Gerade vor mir, dann gebe ich Gas. Bei der Vollbremsung fliegen Block und Stift quer durch den Wagen, der knapp hinter der Markierung stehen bleibt. Albrecht zeigt sich zufrieden: „Viele trauen sich nicht, beim Bremsen voll reinzusteigen.“ Außerdem essentiell: die Reifen. „Das sind die wichtigsten Teile am Fahrzeug, aber sie werden oft vernachlässigt.“

Gefahrenbremsung mit Tempo 70

Zum Vergleich zeigt der Sicherheitstrainer eine Gefahrenbremsung mit 70 Stundenkilometern. Der Bremsweg verdoppelt sich in etwa. 20 km/h Unterschied seien beim Bremsen „einfach gigantisch viel“, erklärt der 66-Jährige. Da, wo das Auto beim ersten Versuch zum Stehen gekommen sei, sei es beim zweiten noch über 50 Stundenkilometer gefahren. „Wenn da ein Hindernis steht, knallt man fast ungebremst rein.“

Hanspeter Albrecht ist seit über 40 Jahren Fahrlehrer. Anfang der 2000er machte er eine Ausbildung zum Fahrsicherheitstrainer. Seitdem bietet er bei der Verkehrswacht Neu-Ulm Trainings an. Fahranfänger bekommen im Landkreis Neu-Ulm zum Führerschein einen Gutschein für ein kostenloses Training dazu. Doch das Angebot nutzen nur wenige. „Die freuen sich über ihren Führerschein, und der Gutschein landet irgendwo in der Ecke“, sagt Albrecht. Verstehen könne er das nicht.

Gelassen baut der Trainer eine Übung nach der anderen auf. Seine Ruhe wirkt auf mich ansteckend, sie gibt mir das Gefühl, dass ich in einem sicheren Umfeld Grenzen ausloten kann – die des Autos und meine eigenen als Fahrer.

Hanspeter Albrecht bringt seit über 40 Jahren Anfängern das Autofahren bei.
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Gefahr durch Ablenkung ist groß

Bei der nächsten Bremsübung rollen die rechten Reifen über glatten, die linken über trockenen Asphalt. „Viele haben Angst, dass sie auf der rutschigen Fahrbahn ins Schleudern kommen“, sagt Albrecht. Doch das Auto bricht bei der Vollbremsung nicht aus. Zum Vergleich macht der Sicherheitstrainer die gleiche Übung mit einem Schulungsfahrzeug ohne Zulassung, bei dem er die Assistenzsysteme abstellt. Beim Bremsen schleudert es den Wagen herum. Aber: Auch dieses Auto bleibt auf der Fahrbahn, weil der Fahrer das Lenkrad ruhig hält.

Es folgt der Slalom. Links und rechts stehen abwechselnd zwei Hütchen, zwischen denen ich durchfahren soll. Obwohl ich langsam fahre, müssen zwei Kegel dran glauben. „Wenn eine Gruppe hier durchfährt, liegen am Ende meist alle Innenkegel“, sagt Albrecht. Der Grund: „Die meisten schauen den Kegel an, an dem sie vorbeikommen wollen.“ Stattdessen müsse man auf den äußeren Kegel schauen. „Dann juckt mich der innere gar nicht mehr.“

Danach fahre ich erneut Slalom. Gleichzeitig soll ich die Radiofrequenz 101,0 suchen, zur Ablenkung. Unruhig drehe ich am Knopf, schaue abwechselnd aufs Display und die Straße. Obwohl ich quälend langsam durch den Parcours fahre, bin ich völlig überfordert und finde den Sender nicht. „Entweder man schleicht durch oder man fährt die Kegel um“ sagt Albrecht. Der gesuchte Sender: Bayern Klassik. „Den haben die wenigsten programmiert“, sagt der Fahrlehrer und lacht.

Auf dem Heimweg fahre ich etwas langsamer als davor. In kurzer Zeit habe ich gelernt, wie entscheidend selbst kleine Geschwindigkeitsunterschiede sind. Trotzdem fühle ich mich sicher. Das Auto, soviel weiß ich jetzt, kann teils mehr, als ich ihm zutraue. Man darf es nur nicht überschätzen.

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