Projekt Ausstellung in Schule: „Wir sind alle Migranten“

Neu-Ulm / Julia Rimmele, Sophie Kletke, Klasse 12 11.02.2019

Am Lessing-Gymnasium haben kürzlich zehn Schülerinnen und ein Schüler der zwölften Klasse ihre Ausstellung „Wir sind alle Migranten“ eröffnet. Erarbeitet wurde die Ausstellung im Rahmen eines sogenannten Projektseminars. In so einem P-Seminar entwickeln Schüler und Schülerinnen der Oberstufe in Kleingruppen in einem Zeitraum von eineinhalb Jahren ein Projekt. Festgelegt ist zu Beginn nur das Thema, die Entscheidung über das Endprodukt ist der Gruppe selbst überlassen.

In unserem Fall fiel die Wahl auf eine Ausstellung, in der wir die Migrationshintergründe der gesamten Schule und unsere eigenen Familiengeschichten darstellen. Unsere Arbeit bestand aus mehreren Phasen. Einerseits machten wir eine Umfrage unter allen Schülern und Schülerinnen unserer Schule. So konnten wir Statistiken über die Art des Migrationshintergrundes, der Religion und der Muttersprachen der Eltern und Großeltern erstellen. Es überraschte uns sehr, wie multikulturell unsere Schule ist und wo all die Wege begannen, die jetzt hier am Lessing-Gymnasium enden.

Die zweite – für uns selbst sehr spannende – Phase bestand darin, den Migrationshintergrund unserer eigenen Familien zu erforschen. Zusammen mit unseren Verwandten gruben wir alte Fotoalben aus und sprachen über eine längst vergangene Zeit. Vielen von uns fiel das sehr leicht, wir stießen auf offene Türen, da die Familienangehörigen positive Erinnerungen hatten, die sie gern mit uns teilten. Stolz erzählten sie uns von kleinen Anfängen und großen Hürden, von überwundenen Misserfolgen und zäher Durchhaltekraft, von einfachen Behelfslösungen und unglaublichen Zufällen, von Umwegen und Auswegen, von Glück und Gottvertrauen.

Wir stießen aber auch auf scheues Schweigen, auf den Wunsch nach Vergessen und auf Sprachlosigkeit. Mit den Erinnerungen an Flucht und Vertreibung lernten wir behutsam umzugehen. Uns wurde klar, dass besonders schlimme Ereignisse der Vergangenheit oftmals verdrängt wurden. In jedem Fall erlebten wir Momente von berührender Emotionalität und hatten oftmals das Gefühl, bisher uns verborgen gebliebene Schätze zu heben.

Die (wieder) gewonnenen Erinnerungen, die gesammelten Fotomaterialien und Erinnerungsstücke wollten wir im nächsten Schritt vor dem Vergessen bewahren. Jede von uns puzzelte die Mosaikstücke ihrer Recherche zu einer Chronik zusammen, die gleichsam als Erbstück weitergereicht werden kann.

Der Höhepunkt unseres Seminars ist nun die Ausstellung. Zur Eröffnung am 23. Januar konnten wir unsere Erinnerungen an viele Gäste weiterreichen. Geboten wurde virtuose Klaviermusik am Flügel von Khanh Nguyen, Klasse 11, eine Begrüßung und Einführung von Jennifer Lechner und Sophie Kletke, Klasse 12, professionell gelayoutete Plakate, gespeist aus unseren Chroniken, dazu Erinnerungsstücke wie verschlissene Dokumente.

Gastarbeit, Flucht, Vertreibung, Arbeitsmigration, Familiennachzug, Auslandsstudium werden in unserer Ausstellung abgebildet. Aus ganz Europa, aus fernen Ländern wie Tadschikistan oder sogar aus Südkorea stammen wir. Diese Vielfalt zeigten wir unseren Gästen auch mit landestypischen kulinarischen Kostproben und passender Musik.

Die größte Herausforderung unseres Projektes waren das Planen der Ausstellung und die Koordination aller Aufgaben. Aber wir hatten ja unsere Seminarleiterin Frau Regina Maier an der Seite. Der größte Gewinn waren für uns die Gespräche, die Interviews, die überraschende Erkenntnis, was uns bisher alles verborgen geblieben ist – in der eigenen Familie. Unseren Eltern und (Ur-)Großeltern ist durch ihre Geschichte Willkommenskultur wertvoll geworden, dieses Erbe wollen wir weitertragen.

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