Münsingen Zum Manöver mit dem Panzer auf die Schiene

Münsingen / JOACHIM LENK 08.05.2012
Der Verladebahnhof Oberheutal besteht jetzt seit 40 Jahren. Mehr als drei Jahrzehnte lang wurden dort bis ins Jahr 2004 Militärfahrzeuge verladen. Seit 2010 dienen die Verladerampen wieder dem Holztransport.

Die älteren Bewohner von Münsingen und Auingen erinnern sich noch gut daran. Wenn Soldaten zum Üben auf den Schießplatz anreisten, kamen sie in der Regel mit der Eisenbahn nach Münsingen. Von dort aus bretterten sie zu jeder Tages- und Nachtzeit mit ihren schweren Panzern und anderen Militärfahrzeugen durch die engen Straßen der Stadt.

Mehr als 70 Jahre lang mussten die Bewohner mit diesem Krach leben. Das änderte sich erst 1972 als die Militärs den neuen Verladebahnhof in Oberheutal einweihten. Die Bevölkerung konnte es kaum glauben. Dauerte es doch rund drei Jahrzehnte lang, bis der Ausladebahnhof samt Panzerstraße Richtung Herzog-Albrecht-Kaserne und Truppenübungsplatz letztendlich gebaut wurden.

Seit diesem Zeitpunkt trafen die deutschen, französischen, kanadischen, amerikanischen und britischen Soldaten, bis auf ein paar Ausnahmen, nur noch im Oberheutal ein. Auch die drei in der Herzog-Albrecht-Kaserne stationierten Verbände, das Panzerartilleriebataillon 285 sowie die beiden Panzerbataillone 304 und 283, nutzen den Militärbahnhof. Von dort aus reisten sie bequem zu Manövern und Truppenübungsplatzaufenthalten in Deutschland, Frankreich und Spanien.

Bis Mitte der 1970er-Jahre trafen die Militärgütertransporte mit einem Gewicht bis zu 1700 Tonnen mit den Dampfloks der 50er-Baureihe auf der Mittleren Alb ein. Danach verkehrten nur noch dieselhydraulische Maschinen der Baureihe 215, 216 und 218 auf dieser Strecke.

Bis zu 160 Verladungen im Jahr zählten die Fahrdienstleiter Ende der 1970er-Jahre. In Spitzenzeiten trafen bis zu vier an einem Tag ein, ist alten Zugmeldebüchern zu entnehmen. Manchmal mussten sich die Bahnbediensteten gleichzeitig um zwei Züge kümmern. Be- und Entladungen nachts und am frühen Morgen waren keine Seltenheit. Nach Auskunft der Bundeswehr hätten theoretisch zehn Züge innerhalb von 24 Stunden abgefertigt werden können.

Offiziell konnten in Oberheutal nur sogenannte Ganzzüge einfahren, die vom Verlade- zum Entladepunkt als Einheit ohne Zwischenhalte verkehrten. Einzeltransporte, wie zum Beispiel ein Panzer, der zur Inspektion musste, durfte laut Anweisung nur im Münsinger Bahnhof verladen werden. Gegen diese Anweisung lief die Stadtverwaltung Sturm. Der damalige Bürgermeister Heinz Kälberer beschwerte sich bei der Transportleitung in Stuttgart. Das zeigte Wirkung. Die Beamten regelten die Angelegenheit auf dem kleinen Dienstweg rasch und unbürokratisch. Offiziell fuhren die Züge weiterhin von Schelklingen direkt nach Münsingen. So war es auch im Zugmeldebuch vermerkt. Aber nur ein paar Eingeweihte der Deutschen Bundesbahn wussten, dass Einzeltransporte in Windeseile in Oberheutal be- und entladen wurden. Mit Duldung von ganz oben.

Vor acht Jahren gab es in Oberheutal die letzte Verladung eines Militärzuges. Die vierte Batterie des Panzerartilleriebataillons 295 reiste nach Münsingen, um auf dem Truppenübungsplatz den letzten scharfen Schuss mit einem Panzer abzufeuern. Kurz danach traten die Soldaten am 27. April 2004 ihren Heimweg nach Immendingen an. Diese zwölfte Verladung in diesem Jahr war die letzte überhaupt, erinnert sich Fahrdienstleiter Mauro Fabro, als er damals um 12.24 Uhr den letzten Militärgüterzug auf die Reise schickte. Damit endete die 32-jährige militärische Geschichte des Verladebahnhofes Oberheutal. Ein Jahr später die des Truppenübungsplatzes Münsingen.

Seit dem Sommer 2010 ist der Bahnhof zwischen Münsingen und Mehrstetten wieder in Betrieb: als einziger eingetragener Gütertarifpunkt der Bahn im Landkreis Reutlingen. Alles ist noch vorhanden: Anlieferung, Rampen und Lagerplatz. Vor allem die Zwischenlagerareale, die einst für die Panzer gebaut wurden, sind zum Beispiel für Holztransporte ideal. Der Bahnhof ist ein sogenannter Tarifpunkt und kann montags, mittwochs und freitags von Güterzügen angefahren werden.

Möglich macht das die Kooperation der Schwäbischen Alb-Bahn-Gesellschaft (SAB) mit der Deutschen Bahn (DB), die noch ein flächendeckendes Einzelwagensystem anbietet. Geschäftsführer Bernd-Matthias Weckler hat den Deal vor zwei Jahren eingefädelt. "Jetzt sind wir ins europäische Gütersystem eingetaktet, und der Verladebahnhof hat eine neue Verwendung", freut er sich. Weil die SAB für solche Großunternehmen nicht die komplette Infrastruktur alleine auf die Beine stellen kann, arbeitet sie mit der Erms-Neckar-Bahn (ENAG) zusammen. Für den Güterverkehr steht die 500 PS starke "V 50" zur Verfügung, die die Anschlussfahrt nach Schelklingen übernimmt. Dort werden die Waggons an die DB-Züge umrangiert.

Inzwischen hat es sich in Fachkreisen herumgesprochen, dass in Oberheutal ein Zug mit 16 Waggons in sechs Stunden beladen werden kann. Die Nachfrage ist vorhanden. In den ersten beiden Jahren wurden von Oberheutal aus bereits 12 000 Tonnen Laubstämme aus den Wäldern der Mittleren Alb nach ganz Deutschland und ins angrenzende Ausland verfrachtet.

Weckler weist darauf hin, dass von Oberheutal aus inzwischen jederzeit auch andere Güterarten auf die Schienen verfrachtet werden können.

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