Kultur Zeit spielt im Orient keine Rolle

Die Musikerin und Märchenerzählerin Revital Herzog gastierte in der Münsinger Zehntscheuer.
Die Musikerin und Märchenerzählerin Revital Herzog gastierte in der Münsinger Zehntscheuer. © Foto: Sabine Herder
Münsingen / Sabine Herder 27.11.2017

Perfekt passte die heimelige Atmosphäre des Zehntscheuer-Theaters am Samstag zu einer Kultur-Reise durch den „östlichen bis westlichen Orient“. Leider brachte aber auch die Schlussveranstaltung der von der Stadt Münsingen initierten Veranstaltungreihe „Kultur – Religion – Zusammen(-leben)“ nicht die erhoffte Gästezahl. Ein ganz kleiner Kreis nur verteilte sich am Samstagabend auf den Sitzrängen des Theaters.

Revital Herzog, Märchen- und Geschichtenerzählerin und „Orientalin aus Israel“, stellte sich einfach vor, „dass 200 Leute hier sind“. Ihre humorvolle und musikalisch umrahmte Erzählreise führte das kleine Publikum genussvoll vom warmen Arabien bis ins fromme Irland, von Sinai bis ins irische Hinterland. Für Revital Herzog ist Orient überall da, wo Menschen offen zu Fremden sind.

Die offene Mentalität des Orients hat die in Israel geborene und aufgewachsene Jüdin in Deutschland vermisst. Seit 1984 ist sie hier, lebt inzwischen mit deutschem Pass in Gönningen und bekennt lächelnd: „Im Herzen bin ich immer noch Orientalin“. Sie entstammt einer orientalischen Familie – wo nie vorgelesen, sondern immer frei erzählt wurde. Und wo man einander zum Kaffeetrinken besuchen konnte, ohne extra eingeladen zu sein.

Diese Offenheit und Wärme gehört für sie zum Orient, aber „man merkt das Orient auch bei einer Bus- oder Taxifahrt“, im griechischen Piräus oder im sizilianischen Taormina. Lächelnd erzählt sie von dort Erlebtem und beschwört auch bei den Zuhörern in der Zehntscheuer das Bild eines spontanen, griechischen Tanzes im Bus herauf, haucht dem Busfahrer in Sizilien wortstark bildliches Leben ein. Die Offenheit der Menschen begeistert sie und auch „die Zeit im Orient spielt gar keine Rolle“ – ein Gefühl, das sie auch in Irland hatte. Deshalb gilt ihr Irland als „das westliche Orient“.

Zwischen schönen Akkordeonmelodien aus aller Welt erzählt Revital Herzog von israelischen Begebenheiten und vom Kampf irischer Riesen, von den Beduinen-Freunden in Sinai und vom trinkfesten Wunderheiler-Rabbi in Russland: „LeChaim! Auf das Leben! Auf dein Leben! Du sollst leben!“ Mit ihrer lebendigen und herzlichen Erzählkunst nahm Revital Herzog die Zuhörer mühelos mit auf eine Reise voller Humor, Legenden, listiger Ideen und orientalischer Mentalität. Ob der irische Strand „The Giant‘s Causeway“ wirklich aus dem Streit zwischen Finn McCool und dem schottischen Riesen Benandonner entstanden ist? Dank Revital Herzogs ausdrucksstarker und gestenreicher Erzählung entstehen Bilder im Kopf - und es bleibt nichts, was man sich nicht vorstellen könnte.

Ganz selbstvergessen und mit geschlossenen Augen spielt sie zwischen ihren Geschichten das Akkordeon, wechselt von der Märchenerzählerin zur Musikerin: Ein irisches Lied aus Dublin, eine Melodie aus Bulgarien, ein Klezmer-Tanz, ein fröhliches Lied aus Kindertagen. Heiter und nachdenklich wie ihre Geschichten ist auch die Musik. Zum Schluss bleibt unter Applaus noch ein wenig orientalische Wärme zurück.

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