Die Theater schweigen, die Musik verstummt, die Kinoleinwände sind schwarz, und sollten die in Museen ausgestellten Exponate wirklich, wie von manchen Filmemacher vermutet, nachts ein Eigenleben führen, dürfen sie sich zur Zeit auch bei Tageslicht austoben. Die Lichter in unseren Kunst- und Kulturstätten sind ausgegangen in der Coronakrise.
Jetzt ist die Zeit für Künstlerinnen, Kreative und Kulturpolitik sich zu organisieren und stärker zu vernetzen als bisher, auch um die gesellschaftliche Relevanz und das wirtschaftliche Gewicht der Kultur deutlich zu machen. In diesem Sinne hat Cindy Holmberg, Landtagskandidatin für Bündnis90/Die Grünen im Wahlkreis 61 Hechingen-Münsingen ein digitales Treffen mit Kulturschaffenden aus der Region organisiert.

Viel mehr als Freizeitgestaltung

Die Abendveranstaltung wurde von Stefanie Seemann, die als Landtagsabgeordnete dem Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kunst angehört, mit einem Rundumschlag zum Thema Kultur im Ländle eröffnet. Seemann stellte am Anfang der Veranstaltung fest, dass viele erst jetzt gemerkt haben, wie wichtig Kunst und Kultur für Zusammenhalt und gesellschaftliche Teilhabe sind. Denn Kunst und Kultur seien viel mehr als Freizeitgestaltung, sie bildeten auch das Fundament, auf dem eine offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft gründet.  Durch den allgemeinen Trend zur Individualisierung in der Gesellschaft werde es immer schwieriger, Menschen für ein langfristiges Ehrenamt zu gewinnen. In diesem Bereich hat das Land reagiert und über 100 000 Euro  zur Verfügung gestellt, um gemeinsam mit den Landkreisen „Regionalmanager Kultur“ in den regionalen Verwaltungen zu etablieren, die Kulturakteure vor Ort beraten und unterstützen, ehrenamtliche Vereine und Initiativen bei ihrer praktischen Arbeit entlasten, EU- und bundesweit Fördermittel einwerben und die regionale Kulturpolitik weiter entwickeln werden.
Baden-Württemberg ist mit diesem Projekt das erste Land im Bund, das die Einrichtung professioneller Ansprechpartner für Kultur in ländlichen Räumen finanziell und fachlich unterstützt.

Kulturetat ist gewachsen

Alles in allem ist der Kulturetat in Baden-Württemberg in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent gewachsen, so die Grünen-Landtagsabgeordnete. Ziele für die Zukunft sind die soziale Lage von Künstlern zu verbessern, kulturelle Teilhabe zu stärken und mehr Raum für Kunst und Kultur zu schaffen, insbesondere durch die Verlagerung von Projektförderung auf mehrjährige Entwicklungsvorhaben.
In der derzeitigen Krise hat die Coronahilfe für viele Kulturschaffende eine wichtige Rolle gespielt, insbesondere die Soforthilfe der Landesregierung und Zahlungen an Soloselbständige mit dem Ziel, Sozialhilfebezug zu vermeiden. Im Laufe des Abends wurde deutlich, dass der Einfluss der Krise auf die Kultur so vielfältig ist wie die Kultur selbst.
Gerald Ettwein von den „Spätzündern“ berichtete, dass er auf andere Medien, wie Video, auszuweichen versucht. Doch der Kontakt mit dem Publikum fehle, die Kunst lebe zum Teil von der Interaktion. Der Kaufmännische Leiter des Theater Lindenhofs, Christian Burmeister-van Dülmen, stimmte ihm zu: sein Theater veranstaltet Streaming Events (die zum Teil durch Probleme der Digitalisierung im ländlichen Raum erschwert werden), Theater müsse aber live sein und es sei immer schwierig ohne den Rückhalt vom Publikum zu spielen. Die meisten Theaterstücke lassen sich eher nicht mit Abstand aufführen.

Publikum wird schmerzlich vermisst

Das Theater Lindenhoff profitiert zwar von Landes- und Bundesförderprogrammen, aber Theater sei eben auch Treffpunkt. Die Probleme der Coronakrise ließen sich nicht durch Geld allein beheben. Hierin waren sich die Teilnehmer einig: Benedict von Bremen von der Initiative Hechinger Synagoge erklärte, dass sein Gedenk- und Lernort auch einige Digitalangebote macht, aber als Ort des Dialoges zwischen Judentum, Christentum und Islam fehle auch hier der direkte Kontakt mit Menschen. So sah es auch Susanne Kohler, Vorstandsvorsitzende des Kammerochesters Metzingens. Für ihr Orchester sei ein Publikum essentiell, auch wenn es der Musik nur von Balkonen aus lauschen kann.
Das Land Baden-Württemberg geht zwar neue Wege in der Förderung und Unterstützung des Ehrenamtes, aber wie Christian Keller vom Adler Meidelstetten betonte, Soforthilfe und finanzielle Unterstützung sei kaum da, wenn ein Kulturbetrieb fast 100-prozentig ehrenamtlich arbeitet.
Dass Geld alleine nicht das entscheidende Thema ist, wurde auch von Walter Dieterle vom Hirsch in Glems betont. Für ihn seien Kulturveranstaltungen ohnehin meist Verlustgeschäfte und er spare sogar Kosten durch den Lockdown. Aber darum geht es gar nicht. Es sind die Künstler – und weniger die Veranstalter – die in der Krise leiden. Vor allem gehen die Stimmen von Künstlerinnen und Kreativen verloren. Das sei ein Kulturproblem.
Die Abstandsregeln an sich erschweren manch künstlerische Arbeit, wie Eva Schleker vom Naturtheater Hayingen erklärte: ob das Freilichttheater ein Programm bieten kann sei fraglich angesichts Beschränkungen, die die Proben für Amateurtheaterspiele erschwere.
Cindy Holmberg betonte die Bedeutung von Kultur als Weg zu lebendigen Innerorten und ihre Überzeugung, dass auch die kleinteilige Kultur Wertschätzung brauche um das Leben in der Region lebenswert zu machen. Trotz verschiedener Standpunkte und Erfahrungen waren sich alle Teilnehmer (zu denen auch der Burladinger Maler Wolfgang Bastian, Harald Hug vom Kulturforum Metzingen und Jörg Riedlinger von der Wimsener Kulturmühle gehörten) einig, dass die verfassungsrechtlich geschützte Rolle der Kultur finanziell gefördert und in Krisenzeiten rückversichert werden muss, aber auch dass, selbst wenn wir alle potentielle Künstler sein mögen (wie Joseph Beuys es einmal gesagt hatte), die Kultur den Austausch braucht.