Münsingen Wie Inklusion gelingt

 Auf Visite in Münsingen: Der  Sozial-, Schul- und Kulturausschuss des Kreistags. Sonderpädagogin Eva Mattes  (r.) und Lehrerin Jessica Buchfink erläuterten dem Gremium, wie Inklusion an der Schillerschule funktioniert. Foto:
 Auf Visite in Münsingen: Der  Sozial-, Schul- und Kulturausschuss des Kreistags. Sonderpädagogin Eva Mattes  (r.) und Lehrerin Jessica Buchfink erläuterten dem Gremium, wie Inklusion an der Schillerschule funktioniert. Foto: © Foto: Ulrike Bührer-Zöfel
Münsingen / Ulrike Bührer-Zöfel 11.07.2018

Kooperationspartner, Netzwerke und ein engagiertes Kollegium – ohne das geht Inklusion  an der Schule nicht. Das alles hat die Schillerschule, an der bereits seit zehn Jahren Kinder und Jugendliche  mit Förderbedarf in den Klassen sitzen.  Und zwar  so, dass es „in hervorragend gutem Maße funktioniert“, so Landrat Thomas Reumann. Der war am Montag zusammen mit den Mitgliedern des Sozial, Schul- und Kulturausschusses  in Münsingen.

  Im nächsten Schuljahr werden 35 Mädchen und Jungen mit Handicap die Schillerschule besuchen, und zwar in den Klassen 5 bis 8.  Sie haben Förderbedarf  in den Bereichen geistige, emotionale und soziale Entwicklung, aber auch Lernschwierigkeiten oder sprachliche Probleme. Bei insgesamt 270 Schülern liegt damit der Anteil der Kinder mit „inklusiven Hintergrund“ bei 15 Prozent, so Schulleiterin Nicole Breitling. Der Landesdurchschnitt:  sechs Prozent.

Damit  im Unterricht alle Kinder zu ihrem Recht kommen, braucht es  ein gerüttelt Maß an Organisation und  Teamarbeit zwischen Lehrern, Sonderpädagogen und Alltagsbegleitern. Auch die Eltern werden in die Entwicklungen einbezogen,  das Kind, so Breitling, stehe immer im Mittelpunkt.   Sie betonte, „die Schillerschule ist eine leistungsstarke Schule, durch den  zweifachen Zugang profitieren alle davon. Schule für alle  ist unser Menschenbild. Inklusion ist der  Auftrag der ganzen Schule.“  Und der ganzen Gesellschaft. Jede Schulform müsse da  Verantwortung übernehmen, „nicht  nur die Gemeinschaftsschulen“. Das ist die Schillerschule seit zwei Jahren.

 Wie  differenziert in den integrativen Klassen gearbeitet wird, das veranschaulichten Sonderpädagogin Eva Mattes und Lehrerin Jessica Buchfink am Beispiel  von Mathe und Deutsch in ihrer 7. Klasse. Dort sind sieben Mädchen und Jungen mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung integriert. Der gemeinsame Unterricht stellt die Lehrer vor  extreme Herausforderungen. Geschichten schreiben, mathematische Probleme lösen – das sind zwar  Aufgaben für alle, doch damit sie jedes Kind nach seinem Vermögen bewältigen kann,  braucht es   unterschiedliche Arbeitsschritte und Materialien. Auch die Intensität der  Betreuung ist natürlich sehr verschieden.  Denn gemeinsame  Beschulung heißt nicht Gleichmacherei, sondern so Mattes, man müsse  immer   den Blick auf die einzelnen Begabungen und Entwicklungen haben.  „Differenzierungsspagat“  nennt  sie das. Der gelingt offensichtlich in der Schillerschule.  Bedenken von Eltern, ob denn die Kinder ohne Handicap auch gut voran kommen, genug lernen würden, gebe es mittlerweile praktisch nicht mehr.   Man könne  ja beweisen, dass es funktioniert.

„Hut ab für das , was Sie hier leisten. Das ist ein tolles Engagement ein tolles Team“, bescheinigte SPD-Kreisrat  Ralf- Michael Röckel dem Kollegium.

Crux beim  inklusiven Schulbetrieb: Es gibt viele Stellen, die mitmischen. Zum Beispiel haben Eltern bis zu sechs Ansprechpartner, geht es um einen Platz für ihr Kind mit Handicap in einer Regelklasse.  Aber auch im Alltag  müssen Lehrer, Sozialpädagogen und Betreuer oft  mit komplizierten Strukturen kämpfen. Zum Beispiel, wenn ein Betreuer krank wird: Wo gibt es Ersatz, passt er zum Kind?  Mit einer „Pool-Lösung für Schulbegleitungen“  soll da jetzt Abhilfe geschaffen werden – bessere Koordination und  bessere Nutzung der Ressourcen ist das Ziel. An der Schillerschule startet das Projekt bereits im nächsten Schuljahr, Anstellungsträger ist die Stadt Münsingen.

Der Vorschlag  ist auch ein Ergebnis eines Forschungsprojekts, das die  Inklusionskonferenz Reutlingen in Auftrag gegeben hat. Thema: „Situationsanalyse, Potenziale & Barrieren zur Weiterentwicklung und zum Ausbau der inklusiven Beschulung im Landkreis Reutlingen“.

Am Montag war der Kreistagsausschuss auch zu Gast bei einem Kooperationspartner der Schillerschule, der Karl-Georg-Haldenwang-Schule. Sie ist ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum  mit   Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Schulleiter Peter Glas stellte  Aufgaben, Arbeit und Möglichkeiten der  Einrichtung vor (wir haben ausführlich berichtet). Im nächsten Schuljahr  „haben wir so viele  Schüler wie noch nie“, nämlich 85, betonte Glas. Auch  in den Grundstufen 1 bis 4 „gab es noch nie so viele“  Mädchen und Jungen. Außerdem kommen zehn Kinder und Jugendliche  mit Migrationshintergrund, teilweise mit traumatischen Erfahrungen,  an die Schule nach Münsingen.

Wie praktisch überall hat auch die Haldenwang-Schule Schwierigkeiten, Fachlehrer zu gewinnen,  ist  unter anderem  auf FSJler angewiesen.  Und natürlich, Stichwort Inklusion,  auch auf Schulen, in denen Kinder mit Förderbedarf in Regelklassen unterrichtet werden. Da sei es „extrem schwierig“ so Glas,  Partner zu finden. Die Zusammenarbeit müsse schon mal vom Schulamt angeordnet werden.  Es sei nicht immer einfach bei dem großen Aufgabenfeld, die Balance  zwischen  Stammschule, Kooperationen und Außenklassen zu halten, erklärte er.

 Vom Landrat gab’s  Anerkennung. Reumann unterstrich, es sei beachtlich, „wie viele Bälle Sie in der Luft halten müssen“. Und einen Wunsch hat das Kollegium: Ein Schulsozialarbeiter im Team wäre perfekt.

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