Im Leben eines Menschen kommt es manchmal zu Brüchen mit deutlich spürbaren Folgen.  In der Geschichte von Dunja S. (Name von der Redaktion geändert) aus Münsingen gibt es auf der einen Seite Verwerfungen und auf der anderen Seite zugleich einen sehr konstanten Faktor, nämlich die Arbeit. Seit die heute 67-Jährige erwachsen geworden ist, gab es keinen anderen Rhythmus für sie, als an sieben Tagen in der Woche Geld zu verdienen. Neben ihrer regulären Erwerbstätigkeit war sie am Wochenende auf der Alb als Küchenhilfe in Gaststätten im Einsatz und hat zudem in verschiedenen Haushalten und Unternehmen geputzt. Und heute? Einschließlich der Rente ihres verstorbenen Mannes stehen ihr 1096 Euro pro Monat zur Verfügung. Die Hälfte ihres Geldes muss sie für Miete und Nebenkosten ausgeben.

Im gemeinsamen Gespräch mit unserer Zeitung und Ina Kinkelin-Naegelsbach, Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle in Münsingen, erzählt sie eine Geschichte von einem Alltag, der von äußerster Sparsamkeit geprägt ist und in dem Hilfe, Beratung und die Unterstützung, die ihr von professioneller Seite in der Bezirksstelle immer wieder zuteil geworden ist, eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.

Vermögensaufbau nicht möglich

„Spare in der Zeit, so hast Du in der Not“ lautet ein immer wieder zitierter Lebensgrundsatz. Doch genau dazu hatte Dunja S. nie Gelegenheit. Als sie vor 48 Jahren aus der Vojvodina, dem serbischen Teil Jugoslawiens, nach Münsingen gekommen ist, war sie gerade einmal 20 Jahre alt. Ihr Mann hatte in Deutschland Arbeit gefunden und sie einen Monat später geholt. „Ich hatte nur einen Koffer mit ein paar Sachen, sonst nichts“. Übernachtet hat das junge Paar in einer Gaststätte in Auingen, bevor sie in ihre erste Mietwohnung ziehen konnten. „Die war fast leer, es gab eine Küchenzeile und wir haben auf einer Klappcouch geschlafen“, erinnert sie sich.

Sie konnte weder Deutsch noch hatte sie eine Arbeitserlaubnis. „Ich habe deshalb geputzt“. Es habe lange gedauert, bis sie verstanden habe, dass die Arbeitsgenehmigung vom Arbeitgeber ausgestellt wird. Dennoch ist es ihr gelungen, im ersten Jahr 2000 Mark zurückzulegen, mit denen sie die kärgliche Wohnung etwas besser ausstatten wollte. Doch ihr Mann ließ das ganze Geld seiner Mutter in Jugoslawien zukommen. Nach einiger Zeit fand Dunja S. eine Anstellung als Büglerin und Näherin in einem Textilunternehmen. „Es war Akkordarbeit und ich war schnell“, erzählt sie, „so habe ich letztlich mehr verdient als mein Mann“. Dieser hat zeitlebens auf dem Bau gearbeitet – zunächst für zwei Firmen auf der Alb und später dann in Betzingen. Doch von dem Verdienst hat das Paar nie viel gehabt. „Wir haben jeden Monat etwa 2000 Mark an meine Schwiegermutter überwiesen“. Wozu hat diese das Geld gebraucht? „Das weiß ich bis heute nicht“, lacht sie bitter. Sie hat nie nachgefragt. Eltern werden geachtet und die Familie hält zusammen lautet der unumstößliche Grundsatz.

Zwölf-Stunden-Schichten in der Gastwirtschaft

Ihre Tochter brachte sie mit zwei Jahren morgens zu einer Pflegemutter, fuhr dann zur Arbeit und holte ihr Kind abends wieder ab. „Daheim habe ich den Haushalt gemacht und für den nächsten Tag vorgekocht“. Am Samstag und Sonntag folgten jeweils zwölfstündige Schichten in der Gaststätte. Manchmal nahm sie Urlaub in der Näherei, um bei besonderen Anlässen dort noch zusätzlich aushelfen zu können.

Als ihr Sohn drei Jahre alt war, musste sie ihn zu den Schwiegereltern nach Jugoslawien geben – dort blieb er, bis er zehn war, kehrte dann nach Deutschland zurück. Doch er schaffte es nicht, sich einzuleben und so zog er mit 13 wieder zu den Großeltern zurück. Die bewirtschafteten Land, ihr Sohn übernahm den Hof im Alter von 17 Jahren.

Vom Ehemann geschlagen

Nach mehr als zwei Jahrzehnten wurde die Näherei, in der Dunja S. arbeitete, aufgekauft. Drei Jahre machte der neue Besitzer noch weiter, dann war Schluss. Sie fand eine Stelle bei einem großen Münsinger Unternehmen, arbeitete im Schichtbetrieb. Nach drei Jahren wechselte sie auf eine Putzstelle nach Bad Urach. Doch fing ihr Mann an, sie zu schlagen – die Beziehung ging in die Brüche. „Die Bezirksstelle hat mir zu einem Platz im Frauenhaus in Reutlingen verholfen“. Zudem forderte die harte Arbeit Tribut. Nach dem fünften Bandscheibenvorfall konnte sie nicht mehr putzen gehen. Da wurde sie zum ersten Mal in ihrem Leben arbeitslos. Allerdings fand sie mit ihren 56 Jahren keine Anstellung mehr. So blieb ihr nur die Heimarbeit.

Nähmaschinen in der Küche

In ihrer Küche standen zwei Nähmaschinen, sie fertigte Babysachen für zwei Auftraggeber. Mit 60 durfte sie aufgrund einer Behinderung in Rente gehen. Trotz all der Arbeit lebt sie jetzt in Armut. Ein großer Teil ihres Geldes ist allmonatlich bei der Schwiegermutter gelandet und in den Gaststätten beziehungsweise als Putzfrau war sie nicht angemeldet, also wurden auch keine Sozialbeiträge abgeführt. Daher fällt die Rente jetzt so knapp aus.

Umso wichtiger ist die Unterstützung durch den Nothilfefonds. Auf diese Weise wurde ihr kürzlich der Umzug in eine andere Wohnung ermöglicht, da sie einen Monat lang Miete doppelt zahlen musste. „Das hätte ich sonst niemals finanzieren können“, sagt sie. Ihre Einkäufe erledigt sie zum größten Teil im Tafelladen und dort erwirbt sie seit vielen Jahren auch ihre Kleidung. „Ich habe kein schönes Leben gehabt“, sagt sie leise zum Abschluss. Aber sie ist dennoch zufrieden und stellt keine großen Ansprüche.

Weihnachtsaktion: „Die gute Tat“


Liebe Leser, dank Ihrer Spenden konnten das Metzinger-Uracher-Volksblatt/Der Ermstalbote, die Reutlinger Nachrichten und der Alb Bote in den vergangenen Jahren viele soziale Projekte oder Einrichtungen in unserer Region unterstützen. Das WIM-Haus etwa, die Diakonische Bezirksstelle, das Ferientagheim in Metzingen, die Tafelläden in Metzingen, Bad Urach und Münsingen, die Matizzo-Stiftung sowie die Afrika-Hilfe des Kirchenbezirks Bad Urach/Münsingen und auch das DRK konnten schon mit Ihren Spenden bedacht werden. Im Vorjahr war die Kindergruppe der Oberlin-Jugendhilfe für Kinder psychisch kranker Eltern an der Reihe. Dieses Mal gehen die Spenden an den Nothilfefonds der Diakonischen Bezirksstellen in Metzingen, Bad Urach und Münsingen.

Spenden für die Weihnachtsaktion „Die gute Tat“ richten Sie bitte an Georg Hauser GmbH & Co KG unter dem Stichwort „Weihnachtsaktion“ an die VolksbankErmstal-Alb, IBAN: DE 03 6409 1200 0233 4340 03, oder an die Kreissparkasse Reutlingen, IBAN: DE 33 6405 0000 0000 900 5 40.

Eine Spendenbescheinigung wird nach Ende der Aktion ausgestellt. Dazu muss bei der Spende oder Überweisung unbedingt die vollständige Adresse des Spenders angegeben werden. Bei einer Spende bis 200 Euro reicht fürs Finanzamt allerdings der Kontoauszug.