Münsingen Vorurteile und Feindbilder

Probenarbeit für „Andorra“ von Max Frisch im Theaterraum in der Zehntscheuer. Erstmals führt Daniel Obergfell (links) bei der Theater AG des Gymnasiums Regie.
Probenarbeit für „Andorra“ von Max Frisch im Theaterraum in der Zehntscheuer. Erstmals führt Daniel Obergfell (links) bei der Theater AG des Gymnasiums Regie. © Foto: Reiner Frenz
Münsingen / Von Reiner Frenz 05.07.2018

Für etwa die Hälfte der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler ist es eine Premiere, aber auch für Regisseur Daniel Obergfell. Richtig: Die Theater-AG am Münsinger Gymnasium hat einen neuen Leiter. Obergföll ist nach seinem eineinhalbjährigen Referendariat mittlerweile fest angestellt am Gymnasium, unterrichtet Biologie und Evangelische Religion, hat bereits im vergangenen Schuljahr an der Theater AG mitgewirkt.

Sie wurde viele Jahre lang von Matthias Fuchs mit großem Engagement geleitet. Dieser hat aber in der Schule die Stelle des stellvertretenden Leiters übernommen und so merklich weniger Zeit, zu wenig, um mit gleicher Energie die Theater-AG weiter zu betreiben. Obergfell wurde gefragt, ob er sich vorstellen könne, diese Aufgabe zu übernehmen. Im Studium hatte er sich bereits in Theaterpädagogik weitergebildet und sagte zu.

Stück ist tagesaktuell

Mit Bedacht hat Obergfell „Andorra“ von Max Frisch als erstes Stück, das er in Zusammenarbeit mit seiner Kollegin Regine Heyduck sowie den beiden Studenten Nadja Randecker und Dominic Berchtold inszeniert, ausgewählt. „Es ist tagesaktuell“, ist Obergfell überzeugt, geht es doch um das Entstehen von Vorurteilen, deren Auswirkungen, der Schuld von Mitläufern, um die Frage nach der Identität eines Menschen gegenüber dem Bild, das sich andere von ihm machen, das Ganze am Antisemitismus thematisiert. „Und es geht um Heuchelei – und die gibt es auch an der Schule.“

Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler könnten sich mit dem Stoff identifizieren, erklärt der Lehrer. Für ihn sei auch wichtig gewesen, dass es für immerhin sieben Schüler Soloparts gibt, diese also allein im Rampenlicht stehen müssen, was eine wertvolle und bereichernde Erfahrung sein werde.

Allein im Rampenlicht

Obergfell betont, dass es ihm ein großes Anliegen sei, die Jugendlichen nicht als Schachfiguren agieren zu lassen, sondern ihnen mit seiner Regieführung einen Rahmen zu bieten, in welchem sie das Stück selbst gestalten können. In den Proben sei es daher auch immer wieder zu Diskussionen gekommen, wie eine Szene genau gestaltet werden sollte. „Die Schüler sollen sich nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Umsetzung identifizieren können mit dem Stück“, bekräftigt der Regisseur.

Die frisch zusammengewürfelte Truppe jedenfalls hat Riesenspaß an der Arbeit am Theaterstück, wie auch beim Besuch einer der Proben deutlich wird. Obergfell und auch Regine Heyduck greifen behutsam ein, lenken, wo es nötig ist. Die Schüler haben auch das Bühnenbild mitgestaltet, das der Regisseur „spartanisch“ nennt. Die Räume, in denen das Stück spielt, sind schlicht gehalten. Aufgehängte Bilder symbolisieren das Wohnzimmer, eine Säge die Tischlerei.

Seit einem halben Jahr laufen die Vorbereitungen, seit die Mitwirkenden vor Weihnachten ihre Texte erhielten: „Ein paar haben auch schon in den Ferien angefangen zu lernen“, schmunzelt Obergfell. Wöchentlich wurde einmal geprobt, in dieser Woche täglich zwischen acht und zehn Stunden lang: „In diesen Tagen ist viel Zug dahinter“. Zunächst ging es darum, den Blick zu schärfen, Grundlagen der Schauspielerei zu vermitteln, zum Beispiel, in dem geübt wurde, wie ein arroganter Mann läuft oder eine verletzte Frau, berichtet Obergfell. Jeder Mitspieler wurde aufgefordert, einen Gegenstand dabei zu haben, der ihm für seine Rolle wichtig scheint, etwa eine Pfeife für die Rolle des Doktors.

Kampf um Anerkennung

17 Schauspieler und Schauspielerinnen sind es insgesamt aus den Klassen 8, 9 und 12, außerdem wirkt erneut Willy Vyskyensky, ein Mitarbeiter der Werkstatt an der Schanz mit.

Zum Stück: Andri, vermeintlicher Adoptivsohn des Lehrers mit jüdischer Herkunft, tatsächlich aber das Resultat einer Affäre des Lehrers, kämpft um Anerkennung unter den Andorranern. Diese begegnen ihm mit permanenten Vorurteilen. Es folgt eine Spirale aus Hass, Demütigung und alternativer Wahrheiten, die über die komplette Aufgabe der eigenen Identität in den rassistisch motivierten Mord von Andri führt. Das Überwinden von Vorurteilen und Feindbildern, der Umgang mit persönlicher Schuld, das Einstehen für Freunde, das alles sind Themen, die Max Frisch schon 1961 auf die Bühne brachte, die aber nach wie vor in der Lebenswelt der Schüler aktuell sind.

„Andorra“: Termine und Mitwirkende

„Andorra“ von Max Frisch wird von der Theater-AG des Münsinger Gymnasiums an folgenden Tagen aufgeführt: Sonntag, 8. Juli, 19 Uhr (Premiere); Freitag, 13. Juli, 19 Uhr, Samstag, 14. Juli, 19.30 Uhr und Montag, 16. Juli, 19 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden sind aber willkommen.

Mitwirkende am Stück sind: Andri: Carolyn Brändle; Barblin: Julia Babrov, Marlene v. Paczersky; Lehrer: Elisabeth Hess, Maren Grießhaber; Mutter: Naomi Haid, Lena Frey; Señora: Lea Kaden; Pater: Jenny Bell; Soldat: Johannes Reutter, Vivien Panitz; Wirt: Laura Heller; Tischler: Niklas Wiedenmann; Doktor: Matti Schramm; Geselle: Sina Runke; Jemand: Joy Jones, Willy Vyskyensky; Technik: Jonas Lummer; Regieassistenz: Dominic Berchtold, Nadja Randecker, Regine Heyduck; Regie: Daniel Obergföll.

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