Geschichte Vortrag: „Luther in seiner Zeit“

Professor Dr. Volker Leppin sprach auf Einladung des Münsinger Rotary Clubs über „Luther in seiner Zeit“
Professor Dr. Volker Leppin sprach auf Einladung des Münsinger Rotary Clubs über „Luther in seiner Zeit“ © Foto: Reiner Frenz
Münsingen / Von Reiner Frenz 19.01.2018

Das Luther-Jubiläum ist längst passé. Und doch: Luther zieht noch immer. Zumal wenn ein ausgewiesener Luther-Experte wie der Tübinger Professor Dr. Volker Leppin in Münsingen seine Aufwartung macht. Rund 100 Besucherinnen und Besucher zählten erfreut die Organisatoren des Münsinger Rotary Clubs am Mittwochabend in der Zehntscheuer. Einige Male mussten Stühle geholt werden: Mit diesem Ansturm hatte man nicht gerechnet, zumal nicht bei den miesen Wetterbedingungen.

Der amtierende Rotary-Präsident Wolf J. Lehner freute sich daher auch über den „vollen Saal“ und hieß die vielen Gäste willkommen in der „Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit“, als Amerika entdeckt und Granada durch die Spanier zurückerobert wurde, als eine Kommunikationsrevolution stattfand. In dieser Zeit wirkte Martin Luther und er sollte die weitere Entwicklung nachhaltig beeinflussen, so Lehner in seiner Begrüßung.

Der Referent des Abends, Dr. Volker Leppin, ist seit 2010 Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen. Es sei interessant, Martin Luther im Horizont seiner Zeit anzuschauen, führte er ins Thema „Luther, ein Mensch in seiner Zeit“ ein. Als „Wundermann“ und Heiliger sei er verehrt worden, als „Herkules“. Er sei als der bezeichnet worden, der wahrhaft die deutsche Theologie vertrete. Gerade im 16. Jahrhundert sei die Frage der Entdeckung der deutschen Nation lebendig geworden. Man habe versucht, deutsche Geschichte zu rekonstruieren, antike Wurzeln etwa bei Tacitus gefunden.

Leppin kam auf 2017 zu sprechen, zeigte das schwarz-rot-goldene Plakat zum Luther-Jahr  – „was hat da wohl die Designer geleitet?“, den berühmten Playmobil-Luther – „von dem habe ich eine ganze Armee zuhause“. Was prägte aber das Jahr? Neben „einzigartigen ökumenischen Akzenten“ seien dies ökonomische gewesen. Es sei vielmals darum gegangen, wie man die evangelische Kirche marktgängig machen könne. Inhalte seien auf Akzeptabilität hin orientiert worden.

Zurück zu Luther selbst. Man dürfe nie vergessen, dass dieser bis 1524 als Mönch mit Tonsur und Kutte gelebt habe, betonte Leppin. 1505 sei er in ein Gewitter gekommen, habe das Gelübde abgelegt, Mönch zu werden, wenn er es heil überstehe. Später freilich habe er berichtet, dass er zuvor des Vaters Zustimmung erlangen wollte, dieser sie aber verweigerte, er sich deshalb wenige Tage später auf den höheren Vater berief.

Bis 1524 habe Luther das klösterliche Leben aufgesogen, dass er später innerlich nie abstreifte, wusste Leppin. Ob das späte Mittelalter eine gute oder schlimme Zeit war, darüber streiten Katholiken und Protestanten mit wechselnden Vorzeichen. Er selbst arbeite mit einem Modell, in dem er die Spannungen der damaligen Zeit nachzuzeichnen versuche, so Leppin. Als im frühen 15. Jahrhundert drei Päpste zugleich miteinander konkurrierten, sei der Gedanke aufgekommen, dass die Bischöfe im Konzert entscheidend seien und nicht der Papst. Fürsten ernannten Bischöfe, in Böhmen etablierte sich erstmals eine eigene Konfession. Die zentrale Leitung durch den Papst sei nicht mehr durchgängig gewesen. Zugleich wurde der Vatikan als Zentrum der päpstlichen Macht ausgebaut, der Petersdom ersetzt.

Stichwort Klerikalismus: Durch die Etablierung der sieben Sakramente war man als Gläubiger sein ganzes Leben lang auf den Klerus angewiesen, von der Taufe bis zur letzten Ölung. Einmal im Jahr hatte man zur Beichte zu gehen. Es kamen die Ablassbücher auf, die sozial durchaus gerecht gehalten waren. Der Fürst hatte für seine Sünden mehr zu zahlen als ein Handwerker und wer kein Geld hatte, bekam den Ablass umsonst. 30 000 Jahre Fegefeuer erspart für ein Vaterunser in einer Kirche im Rom: „Solch gigantische Versprechen wurden nicht ernst genommen“.

Ein weiterer Aspekt sei die Innerlichkeit gewesen, so Leppin. Luther sei stark beeinflusst gewesen durch das mystische Gedankengut eines Johannes Tauler. So lautet Luthers 1. These, die er an die Schlosskirche in Wittenberg nagelte: „Christus will, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Leppin: „Das ist fast ein-zu-eins Tauler“. Leppins Fazit am Ende seines mehr als einstündigen Vortrags: „Die Reformation gab den Schub, dass dezentrale Kräfte die Kirche organisieren können“. Luther habe das Mittelalter fortgesetzt und einen Neuansatz gebracht, Vorrechte des Klerus abgelehnt, die Dezentralisierung vorangetrieben.

Luthers Bedeutung für den kleinen Mann, lautete eine der vielen Fragen nach dem Vortrag. Für die städtische Gesellschaft seien Impulse gesetzt worden, für die Bauern freilich habe die Reformation nichts gebracht und der Umgang mit dem Judentum sei kein Ruhmesblatt gewesen.