Münsingen/Kenia Vom Nickneger zur Kenia-Spende

Erinnerungen an die Kinderkirche: Brigitte Buck und der "Nick-Neger".
Erinnerungen an die Kinderkirche: Brigitte Buck und der "Nick-Neger". © Foto: Keller
Münsingen/Kenia / GISELA KELLER 16.12.2014
Für Afrika zu spenden hat eine lange Tradition. Grundlegend verändert haben sich im Laufe der Zeit allerdings Intention der Spender und das Verhältnis zu den Afrikanern. Beispiel: das Straßenkinderprojekt Karai.

Nicken kann er nicht mehr, aber es gibt ihn noch, den Afrikaner aus Pappmaché auf dem hölzernen Opferkasten. Brigitte Buck aus Rietheim entdeckte ihn zufällig in einem Schrank des Gemeindehauses und erinnerte sich, wie sie in den 50er Jahren sonntags nach der Kinderkirche "ein Zehnerle" in den Schlitz gesteckt und gespannt auf das Kopfnicken gewartet hatte. Ein verblasster Spruch auf der Vorderseite in früher gebräuchlichen Frakturlettern verkündet "Ich war ein armer Heidensohn! Nun kenn' ich meinen Heiland schon. Und bitte darum Jedermann: Nehmt euch der armen Heiden an!" Heute spendet Brigitte Buck auf andere Weise für Afrika: Sie ist aktives Mitglied der Stiftung Kenia-Hilfe Schwäbische Alb und Patin für zwei Kinder im Projekt Karai.

Eine Umfrage in ihrem Bekanntenkreis ergab, dass sich ältere Menschen in anderen Kirchengemeinden ebenfalls an den "Missions-Neger erinnerten, und zwar schon aus den 30er Jahren. Und wie sie richtig vermutete, war es die Basler Mission, für deren Arbeit in Übersee gesammelt wurde. Mindestens seit 1886 - so findet es sich im Internet - wurde der Nick-Neger in verschiedenen Größen vertrieben. 2015 feiert die Basler Mission übrigens ihr 200-jähriges Bestehen.

Für Afrika zu spenden hat also eine lange Tradition in der Landeskirche und im Kirchenbezirk. Grundlegend verändert haben sich im Laufe der Zeit allerdings die Intention der Spender sowie das Verhältnis zu den Afrikanern. Stand früher der Missionsgedanke im Vordergrund so ist es heute das Bewusstsein um die individuelle Not der Menschen, aus der sie mit eigener Kraft nicht herausfinden, und staatliche Unterstützung total versagt.

Mit "Bett - Essen - Schule" bringt die Stiftung ihr Anliegen für Kinder in Kenia auf eine kurze Formel. Was für die meisten Jugendlichen in Deutschland selbstverständlich ist, bleibt für Hunderttausende in Kenia ein niemals erfüllbarer Traum. Statt in die Schule zu gehen kämpfen sie ums nackte Überleben.

Für rund 70 Jugendliche ist in den vergangenen sechs Jahren, nachdem das Projekt in die Nähe von Nairobi umgezogen war, der Traum in Erfüllung gegangen. Nur Wenigen ist es nicht gelungen, die erhaltene Chance zu nutzen. Die anderen haben Karai mit Grundschulabschluss oder Abitur sowie einer Berufsausbildung in der Tasche verlassen und führen heute ein selbstständiges Leben als Handwerker, Lehrer, Sozialarbeiter oder kleine Geschäftsleute. Die Spenden von Paten und Sponsoren haben als Investition in Menschen einen guten Zins gebracht.

Die Geschichte der Kenia-Hilfe begann 1983, rund hundert Jahre nach Erfindung der exotischen Opferbüchse und 65 Jahre nach dem Ende deutscher Kolonialherrschaft in Afrika. Sie berichtet von Partnerschaft und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Christen auf der Alb und in Kenia, aus denen das Straßenkinderheim hervorging. Das heutige Projekt Karai wird von Mitgliedern der Kenia-Hilfe und dem kenianischen Management gemeinsam geführt. Dabei gilt es immer wieder, sich mit Toleranz zu begegnen und voneinander zu lernen.

Ein einziger Gottesdienstbesuch reicht aus um zu wissen, dass das Christentum in Kenia keine Mission aus Europa im Sinne des "Nicknegers" mehr braucht. Es ist eher umgekehrt. Den Glauben im Alltag zu praktizieren ist für Afrikaner viel selbstverständlicher als für uns: Dazu gehört das Gebet vor jeder Mahlzeit, ganz gleich an welchem Ort oder vor jeder Sitzung und Versammlung. Im Dorf, zu dem das Straßenkinderprojekt gehört, existieren zahlreiche kleine, autonome, christliche Gemeinschaften, und fast bei jedem Besuch entdeckt man ein neues, handgemaltes Hinweisschild irgendwo im Gelände.

Im ehemaligen Projekt Sugoi in Eldoret verwandeln sich mittlerweile die Ruinen, die nach der Zerstörung 2008 im Zusammenhang mit den Unruhen nach den Wahlen geblieben waren, in neue Häuser. Kaffeefarmer und Projektnachbar Duncan Muchemi errichtet auf eigene Kosten eine Secondary School - ganz ohne auswärtige Spenden. Was einstmals mit Hilfe des Kirchenbezirks Münsingen aufgebaut wurde ist also nicht völlig verloren dank afrikanischer Eigeninitiative.

Info www.keniahilfe-schwaebische-alb.de; Spendenkonto: Ev. Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen, IBAN DE59 6405 0000 0001001534, BIC SOLADES1REU, Verwendungszweck: "Karai + Adressangabe.

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