Abenteuer Vier Schwaben wandern nach Wacken

Sie brechen am Dienstag in Buttenhausen auf zum langen, langen Marsch nach Wacken zum Auftritt von Kissin’ Dynamite (von links): Christian Ströbele, Gerhard Gerster, Frank Schmid und Jimmy Müller.
Sie brechen am Dienstag in Buttenhausen auf zum langen, langen Marsch nach Wacken zum Auftritt von Kissin’ Dynamite (von links): Christian Ströbele, Gerhard Gerster, Frank Schmid und Jimmy Müller. © Foto: Reiner Frenz
Von Reiner Frenz 07.07.2017

Er hat schon viele verrückte Dinge in seinem Leben gemacht, doch das Abenteuer, zu dem er am Dienstag nächster Woche aufbrechen wird, hat es in sich, die anderen um Längen zu schlagen. Und das buchstäblich. Jimmy Müller aus Buttenhausen, den es sonst eher in die Höhe zieht, strebt diesmal in die Tiefe. Genauer gesagt von der Alb herab ins Norddeutsche Tiefland. Von Buttenhausen nach Wacken. 1066 Kilometer weit, 666 Meilen.

Zahlen mit Symbolik aus der Heavy Metal-Szene. Und um die geht es beim ganzen Unternehmen auch. In Wacken steigt jährlich das wohl bekannteste Metal-Festival, das jedes Mal mit 75 000 zahlenden Fans komplett ausverkauft ist. Drei Mal war Jimmy Müller bereits mit Freunden dort. Und gab schon nach dem ersten Mal das Versprechen ab, wenn Kissin’ Dynamite, die Band, in der sein Sohn Jim Gitarre spielt, erstmals in Wacken auftreten werden, wolle er zu Fuß dorthin pilgern. „Ich saß vor einem Jahr in  Münsingen im Älbler, als mein Handy klingelte. Mein Sohn fragte mich, was ich im Jahr darauf vorhabe Ende Juli, Anfang August und ob ich in dieser Zeit Urlaub machen könne“, erinnert sich Jimmy Müller. „Ich dachte, dass die Jungs auf eine Tour gehen und mich ein paar Tage als Fahrer brauchen“. Nein, erfuhr er vom Sohn. Er müsse in dieser Zeit nach Wacken wandern. Kissin’ Dynamite war tatsächlich verpflichtet worden.

Zu seinem Wort stehen

„Wenn man dicke Backen macht, muss man auch zu seinem Wort stehen“, lacht Jimmy Müller. Seit einigen Jahren ist er ja mit seinen Freunden Gerhard Gerster (Ersingen), Frank Schmid (Kirchen) und Christian Ströbele (Ehingen) jährlich auf großer Tour, ob es das Kaukasus oder die Anden sind. Was er fast nicht zu träumen gewagt hätte: Seine Mitstreiter fanden die Idee, von der Alb durch ganz Deutschland in den Norden zu wandern „geil“. „Gerhard wollte immer schon mal durchs ganze Land kommen zu Fuß und Christian und Frank sind total scharf auf Wacken“.

„Wir haben dann langsam das Planen angefangen, überlegt, wo es langgehen könnte und wie lang die Etappen werden“. Gerhard Gerster investierte viel Zeit und Gehirnschmalz und war letztlich für die Routenplanung verantwortlich, die er akribisch betrieb. Gut drei Wochen Zeit konnte jeder einbringen, 50 Kilometer mussten es so jeden Tag werden. Pi-Mal-Auge. Wer schon einmal 50 Kilometer an einem Tag zu Fuß zurückgelegt hat, der weiß, was das für eine Strapaze ist. Aber: am nächsten Tag, am übernächsten, am überübernächsten und so fort jeweils 50 Kilometer wandern, wandern, wandern. Das ist schon Wahnsinn.

Geringes Gewicht

„Wir haben bei der Ausrüstung auf Funktionalität und geringes Gewicht geachtet. „Nur“ zwölf bis 13 Kilo wird jeder auf dem Buckel haben inklusive einer Flasche mit einen Liter Wasser. An Wechselklamotten hat Jimmy Müller nicht viel dabei: eine Hose, zwei Unterhosen, ein T-Shirt, ein Sweat-Shirt und ein paar Ersatzschuhe. Mit am wichtigsten freilich sind die Socken. Drei paar doppellagige Socken der Firma Wrightsocks haben die Wanderer im Rucksacki und die sollen verhindern, dass es zu Blasenbildung kommt.

Im März begann das Quartett mit dem Training auf das Wacken-Projekt. „Wir sind die ersten vier Etappen bereits gelaufen“, berichtet Jimmy Müller. An zwei Wochenenden wurden je 100 Kilometer zurückgelegt, ein erster Härtetest, und: „es hat gut geklappt“. So sind schon die ersten Übernachtungsplätze auserkoren worden. Denn: „Wir werden nicht in Hotels schlafen, sondern im Schlafsack mal unter einem Baum, mal in einer Scheune. Wie es halt kommt“, sagt der Buttenhausener. Jeder der Mitstreiter hat in den vergangenen viereinhalb Monaten wöchentlich 60 bis 70 Kilometer zu Fuß absolviert, um den Körper auf die kommende extreme Belastungsprobe vorzubereiten. Jimmy Müller unternahm einmal sogar einen regelrechten Gewaltmarsch von 81 Kilometern, die er in 16 Stunden schaffte. Und schon  während den Trainingsmärschen kam es zu vielerlei Begegnungen: „Mir haben Leute beim Vesper ihre Lebensgeschichte erzählt“, so Müller.

Start um 6.06 Uhr

Diese Begegnungen, die das Quartett zwangsläufig haben wird, machen für Müller und seine Mitstreiter den großen Reiz des Abenteuers, in das sie sich um 6:06:06 Uhr am Dienstag stürzen werden, aus. Um sechs Uhr wird morgens jeweils der Aufbruch sein. Gefrühstückt soll unterwegs werden und abends in einer Gaststätte gegessen. „Vielleicht werden ja auch mal unterwegs zum Grillen und auf ein Bier eingeladen“, hofft Jimmy Müller.

„Es wäre ganz toll, wenn alle zusammen  in Wacken ankommen werden“, hofft Müller. Geplant ist die letzte Etappe am Donnerstag, 3. August. Sie wird dann nur 43 Kilometer lang sein. Am Freitag ist es dann soweit: Kissin’ Dynamite werden Wacken rocken. Um 15 Uhr auf der „Headbanger Stage“. „Wegen dieser 45 Minuten pilgern wir 666 Meilen dorthin“, lacht Jimmy Müller. Ein bisschen verrückt muss man da schon sein. Oder eben neugierig auf Land und Leute.

Wacken: ein Festival mit Kultcharakter wie kaum ein anderes

Es gibt in ganz Europa wohl kein zweites Musikfestival, das derart „kult“ ist wie Wacken. Kultig und legendär ist schon der Festivalstart. Am Mittwoch, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung, steht die örtliche Feuerwehrkapelle, die „Wacken Firefighters“ auf der Hauptbühne und spielt – Blasmusik, die von den oft langhaarigen Fans headbangend begleitet wird. Wer eine der Wacken-Dokumentationen gesehen hat, weiß, wie lustig diese Kombination ist. Klar ist jedenfalls, das jährlich Zehntausende „Metal-Heads“ die 1800-Seelen-Gemeinde in Schleswig-Holstein auf den Kopf stellen. Bäckereien erweitern in dieser Zeit ihre Öffnungszeiten, die wenigen Supermärkte platzen aus allen Nähten, machen quasi den halben Jahresumsatz. Dabei hat alles vor 28 Jahren ganz klein angefangen. Und ist inzwischen zu einem richtigen kleinen Metal-

Ach ja. Musik gibt es dieses Jahr auch wieder in Wacken, und das nicht zu knapp, auch wenn die ganz, ganz großen Namen fehlen. Daran mag es gelegen haben, dass es heuer deutlich länger dauerte, bis das Festival komplett ausverkauft war. Nicht mehr 30 Stunden wie schon einmal, sondern 300 Tage. Immerhin müssen Fans für die Festivalkarte 220 Euro berappen, keine Kleinigkeit.

Wer spielt denn nun heuer? Alle Bands aufzulisten würde den Rahmen sprengen. Neben Kissin’ Dynamite, der Metalband von der Schwäbischen Alb, sind dabei: Marilyn Manson, Megadeth, Apocalyptica, Turbonegro, Paradise Lost, Candlemass, Kreator, Amon Amarth, Subway To Sally, Alice Cooper, Avantasia und J.B.O.

Karten gibt es, wie gesagt, inzwischen keine mehr. Wer nach Wacken möchte, muss also auf 2018 warten und am Ball bleiben auf der Homepage der Veranstalter http://www.wacken.com/de/news. rene