Flüchtlinge Verträge werden vorzeitig aufgelöst

Münsingen. / on Gudrun Grossmann 09.03.2018

Norbert Grüger, Geschäftsführer der Münsinger Baugenossenschaft, spricht von einer Win-Win-Situation.  Im kommenden Jahr können die Pläne für ein neues Projekt verwirklicht werden, das wegen der Unterbringung von Geflüchteten zurückgestellt worden war.

Vertreter der Landkreisverwaltung hatten bereits im Dezember 2013 ein Auge auf die Gebäude in der Lehenstraße, der Keplerstraße und im Auinger Weg geworfen und erste Mietverträge für die Unterbringung von Geflüchteten geschlossen. Damit sind ein geplanter    Abriss und eine Neubebauung auf dem 3000 Quadratmeter großen Areal in weite Ferne gerückt.  Noch mehr, als im Jahr 2015 weiterer Wohnraum für Menschen, die vor allem vor dem ausufernden Krieg in Syrien geflohen waren,  benötigt wurde.  „Wir waren uns unserer sozialen Verantwortung bewusst“, sagt Norbert Grüger rückblickend. Deshalb wurden für alle vier Häuser Verträge abgeschlossen, mit Mieten, „die unter dem Durchschnitt lagen“.  Dennoch gebe es „schlussendlich nichts zu bereuen“. Auch die  Nachbarschaft habe in diesem Bereich funktioniert.

Durch das Entgegenkommen von Seiten der Baugenossenschaft konnte der Landkreis über 24 Wohnungen verfügen. Vor drei Jahren haben hier rund hundert Geflüchtete gelebt. Die Verträge enden eigentlich erst am 31. März 2019.

Für die Baugenossenschaft bedeutete die Verzögerung kein Problem. In der Zwischenzeit habe man sich auf die Projekte im Gruorner Weg und in der Bismarckstraße konzentriert. Laut Norbert Grüger hätte sich an diesem Zeitplan nichts ändern müssen, es war wiederum der Landkreis, der aktiv geworden ist und um eine frühere Auflösung der Verträge gebeten hat. Weil kein Bedarf mehr bestehe, so die Begründung, wurde eine Aufhebung bis zum 31. März 2018 angestrebt. Die schriftliche Vereinbarung, die auch eine finanzielle Entschädigung vorsieht, dürfte in der Zwischenzeit abgeschlossen sein. Die Wohnungen müssen bis zum 13. März geräumt werden. Lediglich zwei Mieter, die bereits länger hier leben und direkt bei der Baugenossenschaft Verträge abgeschlossen haben, können bis zum Jahresende bleiben.

Die Lage ist gut. So wird es wohl nach dem Abriss der vier Gebäude im Frühjahr 2019 umgehend zu einer Neubebauung mit Eigentums- und Mietwohnungen kommen.  Da von einer intensiveren Nutzung ausgegangen wird, könnten hier „30 bis 36 Einheiten“ entstehen, so Grüger. Eine Entwurfsplanung gebe es noch nicht. Der Wettbewerb werde für Münsinger Architekten ausgeschrieben.

Matthias Bauer, Pressesprecher des Landkreises, bezieht zur vorzeitigen Räumung Stellung. Sie sei Teil der derzeit laufenden „Rückbauplanung“. Das bedeutet, dass die Kapazitäten den aktuellen Flüchtlingszahlen angepasst werden. Für die Bewohner in Münsingen und in anderen Einrichtungen, wie zum Beispiel in Eningen, die ebenfalls geschlossen werden, würden „individuelle Lösungen“ gesucht. Es gehe um die Fragen: „Was ist optimal? Was ist machbar?“

Betroffen sind in Münsingen 45 Geflüchtete, die aus den Ländern Gambia, Somalia, Nigeria, Kamerun, Afghanistan, Syrien, Türkei, Iran und Irak stammen.

Rebecca Hummel, Integrationsbeauftragte der Stadt Münsingen, hofft, dass diejenigen Bewohner, die hier in einem Arbeitsverhältnis stehen und Leistungen für die Eingliederung erbracht haben, in einer anderen Vorläufigen Unterbringung unterkommen. Auch könne sie Angebote unterbreiten, wenn eine Anschlussunterbringung vorgesehen ist. Wer sich innerhalb des Landkreises selbst eine Wohnung suchen kann, muss viel Geduld mitbringen, „denn der Markt ist leer“. Ihr liege eine lange Liste mit Gesuchen vor, Angebote seien rar und gingen meist „unter der Hand weg“.

Fallen die Häuser in der Keplerstraße (neun Bewohner) und in den beiden Gebäuden in der Lehenstraße 3 und 5 weg, wo zuletzt noch 36 Geflüchtete lebten, bleiben noch das ehemalige Hardthotel in Auingen (33 Bewohner), das Heim im Wiesental (18 Bewohner) sowie die Häuser in Dottingen (42) und  in Buttenhausen (16).

Diejenigen, die von der Kündigung betroffen sind, waren in den letzten Wochen verunsichert. Es gab lediglich Gerüchte. So hat zum Beispiel Sayed Rohani (21), der vor drei Jahren nach Münsingen gekommen ist und hier die Berufsschule besucht, nur vage gehört, dass er sich nach einem Zimmer umschauen muss.  Der junge Afghane will nicht aus Münsingen wegziehen.

Ähnlich äußert sich Halima Daoudi. Die alleinerziehende Iranerin wäre gerne mit ihren beiden Söhnen in der Stadt geblieben. Ali (16) ist Berufsschüler und spricht sehr gut deutsch. „Ich möchte im kommenden Jahr eine Ausbildung zum Mechaniker machen,“ verrät er seine Zukunftspläne. Sein Bruder Ahmad (9) ist in der Astrid-Lindgren-Schule gut integriert. Die Wohnverhältnisse in der Lehenstraße waren beengt. Dennoch finden sie es schrecklich, ausziehen zu müssen. Erst am 27. Februar wurde ihnen mitgeteilt, dass sie ihre Wohnung bis zum 13. März räumen müssen. Sie werden ins ehemalige Hardthotel in Auingen verlegt. „Das ist eine deutliche Verschlechterung,“ sagt Christoph Goller aus Rietheim, der ihnen heute beim Umzug hilft.    

Praktikumsplätze, Hausaufgabenbetreuung
Praktikumsplätze, Hausaufgabenbetreuung

Aus dem Kreis der Geflüchteten kommen immer wieder Anfragen. Gesucht werden Praktikumsplätze und Schnupperangebote in Betrieben, ebenso Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung und die Erweiterung der Sprachkenntnisse. Wer Ausflüge in die Umgebung plant, Kinobesuche oder ähnliches unternimmt, kann über den Asylkreis Kontakte knüpfen und Mitfahrgelegenheiten anbieten. Berufsschüler benötigen dringend Hilfe bei den Hausaufgaben – vor allem in den Fächern Mathematik und Englisch. Und dann ist da noch ein junger Mann aus Syrien, der gerne Geigenunterricht nehmen würde. Wer dieses Instrument beherrscht und Kenntnisse weitergeben möchte, sollte sich ebenfalls melden. Kontakt: Bruno und Gundhilt Klimkait, Asylkreis Münsingen, Telefon (0 73 81) 93 12 56. Das Asylcafé in der Begegnungsstätte Germania ist an jedem Dienstag in der Zeit von 18 bis 20 Uhr geöffnet. In der Ferienzeit ist das Café geschlossen.

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