Münsingen Verantwortung für sich selbst

Individuelles Arbeiten: Im „Lernbüro“ an der Schillerschule in Münsingen, die seit zweieinhalb Jahren Gemeinschaftsschule ist, gibt es Einzelplätze für die Schüler, die hier Lernstoff sich ganz nach ihrem eigenen Tempo erarbeiten.
Individuelles Arbeiten: Im „Lernbüro“ an der Schillerschule in Münsingen, die seit zweieinhalb Jahren Gemeinschaftsschule ist, gibt es Einzelplätze für die Schüler, die hier Lernstoff sich ganz nach ihrem eigenen Tempo erarbeiten. © Foto: ©Schillerschule
Münsingen / Von Ralf Ott 28.12.2018

Die Überraschung war perfekt, als die Schillerschule Münsingen vor gut zwei Wochen die Nachricht erhielt, dass sie für das Finale beim Deutschen Schulpreis, den die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung gemeinsam vergeben, nominiert worden ist (wir haben berichtet). „Wir haben uns für die Teilnahme entschieden, weil unser Schulentwicklungsprozess schon sehr weit vorangekommen ist“, berichtet Schulleiterin Nicole Breitling. Gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Marc Notter und den Lehrerinnen Ulrike Weiblen, die der Steuerungsgruppe angehört, sowie Christine Bott als Ansprechpartnerin für die Klassen 5 und 6, erläutert sie die Grundzüge des Schulalltags in der Gemeinschaftsschule, die an der Schillerschule vor zweieinhalb Jahren etabliert wurde. „Optimales Lernen und Leben in der Schulgemeinschaft Schillerschule“ lautet das Credo, das Zielsetzung und Rahmen beschreibt. „Wir begreifen das als Chance und Wert“, betonte Weiblen, „der Leitgedanke spiegelt die Haltung der Akteure wider“. So werde die Schule zu einem Lern- und Lebensort für alle Kinder, gleichgültig wie deren Begabung ausfalle. Vielfalt ist Normalität. „Die Schüler werden im Unterricht darin unterstützt, abhängig von ihren Fähigkeiten, die maximale Leistung zu bringen“.

Besondere Fördermöglichkeiten gibt es bei Lernschwächen, geistigen Entwicklungsverzögerungen und Problemen im emotional-sozialen Bereich. „Im Fokus stehen die Kinder, die von den entsprechenden Fachkräften unterstützt werden“, sagte Notter. Der Unterricht in den einzelnen Klassen an der zweizügigen Gemeinschaftsschule erfolgt in den drei Niveaustufen „G“, „M“ und „E“. Diese können zum Beispiel in Deutsch und Mathematik variieren. Kinder und Eltern müssen sich daher nicht nach der vierten Klasse auf eine bestimmte weiterführende Schulform festlegen. Je nach der weiteren schulischen Leistungsentwicklung ist entweder ein Haupt- oder Realschulabschluss möglich beziehungsweise nach Klasse zehn erfolgt der Wechsel auf das Gymnasium. Dort wird als Einstieg vor der Oberstufe erneut die zehnte Klasse besucht. Im Ergebnis entspricht dies einem gymnasialen G9-Zug. Analog zum besonderen Förderangebot gibt es extra Angebote für leistungsstarke Kinder wie zum Beispiel den Englischunterricht mit einem Native Speaker oder die Robotik AG, betont Breitling. Letztlich unterrichten an der Schillerschule inzwischen auch Gymnasiallehrer, die sich ganz bewusst für die Gemeinschaftsschule entschieden haben, freut sich Weiblen.

Zusätzlich zum gängigen Unterricht im Klassenverbund stehen jedem Kind acht Stunden für individuelles Lernen zur Verfügung – das sogenannte Lernband. Den Rahmen steckt ein Aufgabenplan ab, der innerhalb von ein bis zwei Wochen zu erfüllen ist. Wann die Schüler in welchem Fach arbeiten, bestimmen sie selbst. Die Aufgaben orientieren sich am Leistungsniveau des Kindes. Zudem stehen Lernbegleiter bereit, die unterstützend eingreifen können. Ein persönlicher Coach wiederum spricht etwa alle drei Wochen mit dem Kind über dessen Lernverhalten und etwaige Probleme zum Beispiel beim Zeitmanagement. Manche Schüler arbeiten völlig auf sich allein gestellt, andere wiederum benötigen einen Gruppenraum wie das Lernbüro mit einer entsprechenden Betreuung, erläutert Bott. „In jedem Fall müssen die Kinder selbst aktiv werden und sich den Lernstoff erarbeiten“, erzählt sie. So lernen die Kinder, für sich Verantwortung zu übernehmen. Das setzt sich bei den nachmittäglichen Übungsaufgaben an der Ganztageseinrichtung fort. Zuhause haben die Schüler dann frei. Das trage zu einem entspannteren Verhältnis zwischen Kindern und Eltern bei, betonen die Pädagogen. Das Fazit seitens der Schüler wiederum fällt überaus positiv aus. Als weitere Säule gibt es den Projektunterricht zum Beispiel in der Werkstatt, dem Biosphärenprojekt, bei der Berufsorientierung in der Schülerfirma in Klasse 6 und auch beim Sozialtraining, für das die Kinder in Klasse 8 ins Altersheim oder Kindergärten gehen. In allen Klassen gibt es in Kooperation mit zahlreichen Bildungspartnern Angebote zur Vorbereitung auf die Berufswahl.

Die Bewertung der Leistungen erfolgt nur im Abschlussjahr nach Noten. Zuvor werden Lernentwicklungsberichte verfasst, die detailliert den aktuellen Stand sowie die Entwicklungsschritte festhalten. Sämtliche Berichte, Protokolle oder Zertifikate über besondere Aktivitäten werden im Portfolio zusammengeführt.

Hinter dem Gesamtkonzept steckt vor allem viel Arbeit. Fachgespräche im Kollegium, zwei Mal im Schuljahr mit Eltern, die fortlaufende Bewertung des Entwicklungsstands der Kinder und die Koordination der beteiligten Förderkräfte gehen weit über den gängigen Rahmen hinaus und finden nicht selten außerhalb des regulären Deputats statt. „Die Lehrer sind Teamplayer geworden“, so Bott. Jeweils zwei Pädagogen sind für drei Klassen verantwortlich und sprechen sich untereinander ab. „Das alles funktioniert nur bei einer straffen Organisation“, betont Breitling, die sich freut, dass alle Lehrer mitziehen und das Konzept unterstützen.

Info In der Schillerschule findet am Donnerstag, 10. Januar, um 19.30 Uhr ein Informationselternabend statt.

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