Münsingen Üppig, erotisch und mit viel Raum für Phantasie

Bertram Bartl zeigt "Neoarchaik" in der Zehntscheuer.
Bertram Bartl zeigt "Neoarchaik" in der Zehntscheuer. © Foto: Maria Bloching
Münsingen / MARIA BLOCHING 06.11.2015
Üppige Frauenkörper, reduzierte Formensprache: Bertram Bartl beschäftigt sich in seiner "Neoarchaik" mit Nacktheit auf ganz eigene Art. Am Sonntag, 11 Uhr, wird die Ausstellung in der Zehntscheuer eröffnet.

Makellose und dünne Frauen sind das Schönheitsideal schlechthin. Nicht aber in der Welt von Bertram Bartl. Er hält mit seiner Kunst der Gesellschaft einen Spiegel vor, stellt Prinzipien in Bezug auf Sexualität, Mutterschaft, Modeströmungen und Schönheitsidealen mit seinen Bildern in Frage. Sie scheinen den Betrachter geradezu durch ihre Üppigkeit, Erotik und durch die wohlwollende Sympathie des Künstlers für Körperlichkeit anzuspringen und vermitteln die Botschaft von der Frau als Urmutter.

Bertram Bartl reduziert seine großformatigen Werken auf wesentliche Geschlechtsmerkmale der Frau, hält die Köpfe klein, Gesichtszüge fehlen komplett, auch die Arme sind nur angedeutet und verschwinden hinter dem Torso. Pralle Brüste, runde, gebärfreudige Hüften erinnern an die Venus vom Hohlen Fels. Die verwendeten Erdfarben verstärken diesen Eindruck. Bartl hat eine ganze Venus-Reihe gemalt, sechs von ihnen sind in der Zehntscheuer ausgestellt. "Meine Bilder haben fast schon einen bildhauerischen Charakter", beschreibt er seine Arbeiten. Seine Venus-Darstellungen verweisen auf die Frauen des Paläolithikums, und wirken wie wahre Körperlandschaften - überdimensional und doch intim, so als ruhten die Frauen ganz in sich selbst. Die Frauenakte sind ein offenkundiger Widerspruch zum heutigen Schönheitsideal der Frau. Schicht für Schicht hat er die aus Eisenoxiden angerührten Farben auf die Leinwand aufgetragen, dadurch erhalten seine Venusfiguren Vitalität und geerdete Plastizität. Dem Künstler geht es um das Erleben von Körpern, er hat eine reduzierte Formensprache entwickelt, durch die die Körper sinnlich-erotisch, körperlich-archaisch wirken.

Bartls Gesichtsbilder fallen ebenfalls unter den Begriff der Neoarchaik. Er stellt nur Augen, Mund und Nase dar, spinnt forschend mehrere Fäden, legt alles offen, verbirgt nichts und doch erzeugen die Bilder eine geheimnisvolle Wirkung. Vor monochromen Hintergrund lässt Bartl die aus Liniengerüsten konstruierten, fast schon abstrakten Gesichter stehen, so dass der Betrachter ins erdfarbene Innere der Gesichter sehen kann - viel Raum für Fantasie hat.

Auch Druckgrafiken sind in der Ausstellung zu sehen. Sie zeigen fünf unterschiedliche Frauentypen in Bewegungen oder in verschiedenen Positionen sowie mehrere Vogelarten, die miteinander kommunizieren und durch ihre Haltung ausdrücken, was sie gerade empfinden. "Da steckt viel Psychologie drin", sagt der Künstler. Mit seiner Kunst unternimmt er den Versuch, eine reflektierte, eine neue, eine scheinbare Naivität zu konstituieren, wie dies Heinrich von Kleist in seinem Versuch über das Marionettentheater" gefordert hat. "Malerei besteht aus einem langwierigen Auftragen von Farbe Schicht um Schicht, bis das Bild so viel Gewicht hat, dass es stehen bleiben könnte", sagt Bartl.

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