Eine gute Diagnostik ist unverzichtbar. Welche Verfahren gibt es? Und werden sie tatsächlich angewandt?

Cordula Neuhaus: Eine umfassende diagnostische Abklärung ist tatsächlich zwingend erforderlich mit sorgfältiger Erfassung der Vorgeschichte (hinsichtlich der Kernsymptomatik von ADHS, der körperlich-geistig-seelischen Entwicklung und bezüglich der sozialen Anpassungsfähigkeit). Spezielle Fragebögen zu ADHS unterstützen dies, ersetzen aber ein ausführliches Gespräch nicht. Sinnvollerweise ist das Kind/der Jugendliche im Interview zur Vorgeschichte nicht dabei (fühlt sich leider meist nur "vorgeführt"), - leider sind die Kinder jedoch an vielen Stellen dabei. Eine testpsychologische Untersuchung des Intelligenzentwicklungsstandes, eventuell mit Abklärung von zusätzlich bestehenden Teilleistungsstörungen oder Teilleistungsschwächen sollte erfolgen, ergänzt durch die Einschätzung der Befindlichkeit des Kindes/des Jugendlichen mit dafür standardisierten und auch projektiven Testverfahren. Es reicht nicht aus, das Kind/den Jugendlichen nur zu beobachten oder zu befragen, wie es ihm so geht, da eine realistische Selbsteinschätzung nicht gelingt, der Spontanabruf schwierig ist und das Zeitfenster im Hier und Jetzt eine "reflektierte Gesamtumschau" nicht zulässt. In Fragebögen können belastete Situationen jedoch "wiedererkannt" werden. Die typische Erwartungs- und Versagensängstlichkeit bei ADHS beginnt oft schon sehr früh bei den syndromtypischen Schwierigkeiten sich altersgerecht, situationsangepasst verhalten zu sollen. Dies geht oft einher mit Verzweiflungseinbrüchen, oft schon im Grundschulalter auch mit Somatisierungstendenzen (Kopfschmerzen, Bauchschmerzen) und verschärft sich oft immer mehr während der Schulzeit. In einem ausführlichen Abschlussgespräch werden die Ergebnisse erläutert (sinnvollerweise ebenso getrennt) den Eltern, dem Kind/dem Jugendlichen. Es erweist sich sich seit Jahren ungeheuer hilfreich, Eltern und Kind/Jugendlichen das "andere Funktionieren" bei ADHS visualisiert zu erklären anhand von Abbildungen des Gehirns (dies wird leider viel zu selten durchgeführt).

Wie reagieren Eltern und Lehrer, wen ADHS diagnostiziert wird? Welche ersten Schritte sind ratsam?

Cordula Neuhaus: Trotz der Diagnose ADHS ist jedes Kind/jeder Jugendliche ein Individuum mit seiner eigenen Begabung, seinen individuellen spezifischen Defiziten und Bedürfnissen im Kontext mit seinem Umfeld. Kinder/Jugendliche mit ADHS sind entgegen der häufigen Annahme nicht ständig unruhig, unkonzentriert, zappelig oder verträumt und langsam. Sie können bei subjektivem Interesse und auch wenn man ihnen etwas systematisch, nachvollziehbar, plausibel, alltagsanwendungsbezogen und vor allem freundlich erklärt wird sehr gut lernen, haben dann auch Zugriff zu ihrem tatsächlichen Potential und sind dann nicht selten zu enormen Leistungen fähig. Bei ADHS sind die Arbeitsspeicherfunktionen (Arbeitsgedächtnis) eingeschränkt. Das bedeutet, dass im Alltag subjektiv nicht so Interessantes oft nur unvollständig aufgenommen werden kann oder dass etwas, was explizit aufgenommen werden soll, zu schnell wieder "heraus rutscht". Dies führt natürlich zu Missverständnissen. Subjektiv Interessantes indes wird oft beobachtbar "aufgesaugt" und mit einem regelrechten Elefantengedächtnis memoriert. Alles subjektiv Interessante wird sofort registriert, auch kleine Unregelmäßigkeiten beim Gegenüber - bei dem typischen Wahrnehmungs- und Reaktionsstil bei ADHS besteht jedoch eine Unfähigkeit, sich selbst überwachen zu können, das eigene Verhalten und die Eigenleistung einschätzen zu können. Dies ist der Impulsivität geschuldet, bei der etwas zu schnell geäußert, rein emotional bewertet wird, nur ganz spontan entschieden werden kann, nicht reif und abgewogen, wie bei nicht betroffenen Kindern. Durch die leider seit Jahren anhaltenden und neuerlich sogar immer mehr desinformierenden Presseberichterstattung (von "ADHS gibt`s nicht", ADHS ist eine Modediagnose", "Generation Ritalin?", "Immer mehr Schulanfänger sind betroffen, v.a. Jungs", etc.) sind nicht nur Eltern und Lehrer sondern auch Fachleute verunsichert. Das Wichtigste: sich informieren, einlesen, "sacken lassen", Ansprechpartner suchen (und dabei darauf achten, ob man in der Diagnose sein Kind wieder erkennt, die Empfehlungen plausibel und anwendbar erscheinen...). Es ist schwierig, sich in den zum Teil. stark widersprüchlichen Empfehlungen zurecht zu finden (nicht nur, wenn es um die medikamentöse Therapie geht!). Die Selbsthilfegruppen der Elterninitiativen sind erfahrene Ansprechpartner zur Orientierung. Sie wissen in aller Regel auch, wo eine wirklich kompetente Anlaufstelle ist zur diagnostischen Abklärung und zielführenden Hilfestellung. Offener Unterricht, selbstständiges Arbeiten, Ganztagsschulen mit neuen Bildungskonzepten werden als fortschrittlich wahrgenommen. Sie sprechen sich für klare Strukturen und Regeln aus.

Warum ist der angeblich überholte Frontalunterricht in ihren Augen eine bessere Lösung?

Cordula Neuhaus: Leider wird aktuell die Lehrperson bezogene Pädagogik verunglimpft. Es ist die Frage, ob frühe "Selbstbestimmtheit" der "Königsweg" ist, bei dem "alles vom Kind kommen muss" und Demokratieerziehung schon im Kindergarten erfolgen soll. Leider werden nach dem Motto "alles, was alt ist, ist falsch" die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie zurückgedrängt, um in der "sozialwissenschaftlichen Wende" in der Sonder-/Sozialpädagogik (mit Betonung uunter anderem interaktionistischer, systemtheoretischer und ökologischer Ansätze) die Kinder ihre eigenen Lernwege finden zu lassen, mit z.B. Stationenlernen, in der Freiarbeit, damit die Kinder ihre "Lernbiografie" selbst gestalten können. Eine Aufmerksamkeitsaktivierung gelingt indes allen (!) Schülern nur über einen klaren situativen Rahmen und eine spezifische Aufgabe. Nur selbstbewusste, intelligente Kinder/Jugendliche aus "guten" Elternhäusern überstehen jedes pädagogische Experiment - eine 2013 durchgeführte Längsschnittstudie der Universität Siegen zeigte auf, dass schwächere Schüler und Schüler aus bildungsfernen Milieus bei dieser Vorgehensweise scheitern.

Wie kann Schule wirklich helfen?

Cordula Neuhaus: Schüler mit ADHS brauchen eine klare Kursvorgabe durch einen gutmütigen, möglichst gelassenen, humorvollen Kapitän mit Autorität, der jederzeit bereit und in der Lage ist, sie wieder auf Kurs zu bringen und sie nicht auf Autopilot gestellt ins Verderben segeln lässt" (Frank Zimmermann, GAS-Lehrer der deutschen Schule, Tokio - Yokohama, 2003). Wenn nach Michael Felten ein Lehrer derjenige ist, der eine Lerngruppe selbstbewusst und zugewandt führt, der jederzeit einen Überblick über das Geschehen im Klassenzimmer hat und sich in angemessener Weise um die Erziehung der ihm anvertrauten Schüler kümmert, fair, gerecht und wenn es geht humorvoll, geht es allen Kindern gut. Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS hilft ein fester Sitzplatz, die Erlaubnis in Druckschrift, eher kleiner schreiben zu dürfen (oder später am Laptop). Aufmerksamkeitsschwache Kinder und benötigen einen sehr strukturierten Unterricht, den sie "wie auf Schienen" bewältigen können. Für viele ist die direkte Aufmerksamkeitslenkung der einzige Weg, über 45 Minuten bei der Sache bleiben zu können. Platziert man ein Kind mit ADHS möglichst weit vor oder in einer "Ecke" des Klassenraums, so dass der Lehrer es mit hoher Wahrscheinlichkeit immer im Blickfeld hat, es mit Blickkontakt und persönlicher Ansprache (ohne es den anderen Kindern "vorzuführen") erreicht, kann man die Aufmerksamkeit lenken, vor allen Dingen, wenn sich der Lehrer immer wieder selbst durch den Klassenraum bewegt und "präsent" ist. "Liebevolle Sturheit" hilft Schülern, sich an Regeln und Strukturen zu gewöhnen. Es bringt nichts, das Kind immer wieder auf seine Defizite hinzuweisen, es zu kritisieren, ihm zuzureden - wesentlich ist die Verstärkung der Anstrengungsbereitschaft und nicht nur des Handlungsergebnisses. Strafarbeiten helfen nicht - außer zu stigmatisieren und das Kind mit ADHS im problematischsten Bereich seiner Steuerungsdefizite bloßzustellen: hier ist "abstreiten" gefragt, das Kind reagiert adäquat zu der soziologischen Theorie der Anomie - was soll"s - bin eh` doof, blöd, Außenseiter, etc. - und agiert erst recht. Schreiben fällt doch so schwer - und der Schulkonflikt wird nach Hause verlagert.

Sehr kontrovers wird die Behandlung mit Medikamenten diskutiert. Stichwort Ritalin.

Cordula Neuhaus: Kinder und Jugendliche mit ADHS fallen heute immer mehr auf, da sie am schlechtesten mit der aktuell viel zu früh eingeforderten Selbstständigkeit in der Schule zurechtkommen. Die extreme Zunahme der Reize und Eindrücke (v.a. auch durch die elektronischen Medien) lässt die typische Reizoffenheit bei Reizfilterschwäche immer früher zum Problem werden. Bei dem "überhüpfendem" Wahrnehmungsstil sind Schüler mit ADHS beeinträchtigt bei der sofortigen sinnerfassenden und bedeutungsstiftenden Aufnahme von schriftlichen Informationen. Sie sind im Unterricht auf übersichtliche, systematische und klare Darstellungen des Lernstoffes (die aber so oft nicht bestehen) angewiesen, fühlen sich rasch überwältigt von "zu viel" Information. Eine medikamentöse Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphenidat ("die chemische Brille im Gehirn"), mit Pharmanamen wie Ritalin®, Medikinet®, Concerta® , Equasym®etc. wird entsprechend bei immer mehr betroffenen Kindern und Jugendlichen relevant, ist oft sogar Voraussetzung für eine ergänzende Intervention, wenn diese erfolgreich sein soll (Ergo-, Lern-, Verhaltenstherapie). Natürlich ist sorgfältige Diagnostik vorher nötig durch erfahrene Fachkompetenz. Methylphenidat in den unterschiedlichen Produktformen gilt nach wie vor als nebenwirksamarmes, zuverlässiges und sicheres Medikament. Es wirkt wie eine "Aufmerksamkeitsstütze" beim Lernen. Die Kinder und Jugendlichen sind erreichbarer, frustrationstoleranter, gesteuerter, weniger abgelenkt, "eingeschalteter", wenn sie die richtige Dosierung der Medikation ausreichend lang über den Tag bekommen (vorsichtig einschleichend dosiert!). In der Laienpresse und in jüngster Zeit auch im Fernsehen wird leider immer mal wieder "reißerisch" über angebliche gravierende Nebenwirkungen berichtet, z.B. die Parkinsonerkrankung. Es gebe ja auch keine "Langzeitstudien" - es gibt aber Langzeiterfahrungen über mehr als 50 Jahre: Methylphenidat bei gesicherter Diagnose ADHS angemessen eingesetzt, gilt als "Goldstandard" und birgt weder ein Suchtpotential noch sind je wirkliche "Spätschäden" beobachtet worden. Mit der "chemischen Brille" wird alles klarer, deutlicher und detaillierter, umfangreicher aufgenommen - leider auch die eigenen Defizite und "schwierige" Kommunikation (v.a. bei den Mahlzeiten, so dass es sozusagen "sekundär" zur Appetitminderung kommt). Bei hoher Impulsivität mit starker Auswirkung auf die soziale Anpassung steht erfreulicherweise jetzt ein Lisdexamphetaminpräparat zur Verfügung (Elvanse®). Die Medikation ist eine Säule im Behandlungskonzept, die am effektivsten mit Aufklärung, Erklärung und Veränderung der negativen Kommunikation sowie Strukturierung der Umgebung kombiniert wird (der multimodale Behandlungsansatz laut den Leitlinien der Fachgesellschaften). Die Medikation ist inzwischen erfreulicherweise auch für Erwachsene zugelassen, somit Hilfe u.U, auch für den selbstbetroffenen Elternteil, dem dann oft erst die entsprechende Kommunikation gelingt...

Auf was basiert das von ihnen entwickelte Therapiemodell?

Cordula Neuhaus: Im verhaltenstherapeutisch-neuropsychotherapeutischen Behandlungsalltag hat sich als erfolgreich erwiesen, wiederholt visualisiert sehr genau die Neurobiologie und das "andere" Funktionieren zu erklären. Bei den typischen plötzlich oder schleichend einsetzenden Krisen im Kontext vom Strategieerwerb beim Management der Gegenstände, der Zeit, der Finanzen ist zuvor gut zu erforschen, was ein Betroffener als "ekelig" in der Kommunikation empfindet, welche Lerngeschichte er hat, welche Erwartungen und Überzeugungen bei ihm vorliegen, wie er seine Umgebung "interpretiert", woran er denkt, wenn er meint, er sei "schuld", um dysfunktionale Kontrollüberzeugungen wirksam bearbeiten zu können. Dies gelingt ganz sicher nicht mit Ratschlägen, die an die Einsicht appelieren oder der Empfehlung, das Gefühl einfach nur "abebben zu lassen" oder sich ein "Hilfs-Ich" vorstellen zu sollen. Betroffene mit ADHS (in jedem Alter) können nur lernen, was ihnen nachvollziehbar, plausibel und alltagstauglich erscheint, besonders gut, wenn die selbstbestimmt und wertgeschätzt Kommunikations-, Lern-, und Selbstorganisationsstrategien erlernen dürfen, und ihnen vermittelt wird, dass sie dies anwenden/umsetzen dürfen in ihrem Tempo, zu dem Zeitpunkt, den sie für geeignet halten, wie dies die langjährige Erfahrung zeigt mit dem Elterntraining ETKJ, den Kommunikations- und Selbstwerttrainings und den Paartherapien belegt.

Welche Rolle spielt das Verhalten der Eltern? Was können sie tun, um das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken und sie zu unterstützen?

Cordula Neuhaus: Das wichtigste ist die Akzeptanz des Bestehens von ADHS in der Familie. ADHS ist eine dimensionale Störung, die sehr leicht ausgeprägt sein kann, sich aber eben auch dann zeigt durch Reizoffenheit bei Reizfilterschwäche, was im heutigen, immer reizintensiveren Umfeld schon bei milder Ausprägung vor allen Dingen in der Kombination mit einer typischen emotionalen Impulsivität bei Impulskontrollstörung zu einer "Anpassungsstörung" führen kann. Je extremer die Ausprägung der ADHS ist, desto eher besteht die Gefahr, dass unter unglücklichen Umständen eine Anpassung nur äußerst bedingt möglich wird. Leider erfolgt medial nach wie vor immer wieder eine sogenannte "kritische Infragestellung" ob es ADHS überhaupt gibt, wobei gleichzeitig immer wieder gegen die Medikation gewettert wird. Dies führt nachvollziehbar zu einer massiven Verunsicherung, weshalb in jüngster Zeit immer mehr junge Eltern die Auseinandersetzung mit diesem Thema eher scheuen. ADHS ist genetisch bedingt, läuft durch die Familien, was leider auch dazuführen kann, dass selbstbetroffene Eltern wenig gute Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit haben. In unserem Elterntraining ETKJ wird sehr auf eine Kommunikation abgehoben, mit der die Kinder/Jugendlichen "erreichbar" sind, da sie regelrecht angewiesen sind auf ein freundliches Gegenüber, das Aufforderungen eher knapp und klar formuliert, alles vorher ankündigt auf Widerstand gefasst ist, vereinbarte Regeln nicht diskutiert, sondern tatsächlich und "unaufgeregt" einfordert, was angekündigt wurde. Bei Streitigkeiten mit anderen Kindern hilft nur schnelles Dazwischengehen (ohne Petzen zuzulassen), eine Auszeit zum "Hirnauslüften". Es ist nötig, auch bei Verhaltensproblemen erwünschtes Verhalten unmittelbar danach sofort zu verstärken. Wenn man respektiert und respektabel ist, offen ist, erst mal hinterfragt, statt sofort zu bewerten, kommt man gut an die Kinder heran. Krisen sind v.a. bezüglich des Vorlaufs zu untersuchen, da nur über Veränderungen der Vorlaufsituation typische Eskalationen vermeidbar sind. Seit 1985 arbeiten sie auch mit älteren Jugendlichen, mit Erwachsenen. Sie bieten Paartherapien an, Kommunikations- und Selbstwerttraining, Schulungen speziell für Eltern, Kurse, die von Ihnen entwickelt und in ganz Deutschland, in Österreich und der Schweiz durchgeführt werden. Zudem ist das Kolleg-DAT auch ein Zentrum für Fortbildung. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Die intensive Beschäftigung mit Menschen jeden Alters, jeder Begabungslage, aus vielen Nationen faszinierte mich einfach schon seit Jahren. V.a. internationale Kontakte in den USA, die Teilnahme an Kongressen der amerikanischen und englischen Selbsthilfegruppen, sowie der ständige und intensive Austausch mit Betroffenen in den deutschen Selbsthilfegruppen machte deutlich, wie unendlich wichtig das funktionelle Verstehen der Symptomatik ist, wie wichtig das Erläutern der neurobiologischen Hintergründe der ADHS ist. Dieses geduldige visualisierte Erklären des "anderen" Wahrnehmungs- und Reaktionsstils bei ADHS wurde wohl zum "Alleinstellungsmerkmal" in Kombination mit der Überprüfung, was wirklich "alltagstauglich" ist bezüglich kompensierender Strategien. Wenn z.B. jemand sagt "Woher kennen Sie mich so gut?!". Oder: "Seit ich meinen Mann erst mal zu Hause "ankommen" lasse, ohne ihn sofort zu zutexten, geht es bei uns viel besser", freue ich mich einfach Ziel ist ja, zu lernen mit ADHS umzugehen, statt es "ausleben zu müssen"... Ein neues Feld wird die Arbeit mit Senioren sein.

Wen sprechen sie an? Und warum wurde diese Bevölkerungsgruppe bisher nicht berücksichtigt?

Cordula Neuhaus: Meist entdecken zuerst Enkelkinder das ADHS bei Senioren, besonders, wenn diese für ihr Alter ungewöhnlich lebhaft, energiegeladen, aufgeschlossen wirken, noch Arbeitsleistungen erbringen, die Gleichaltrige schon lange sein lassen. Viele sind noch sehr sportlich, bestellen ihren Garten z.B. vom Feinsten, können aber auch aufbrausend, oder auch sehr stur sein. Nach wie vor sind Senioren mit ADHS sehr engagiert und hilfsbereit, wollen ihre Kinder und Enkelkinder eigentlich nur "begleiten", bewerten aber typischerweise alles sofort (rein emotional), halten dagegen, mahnen zur Vorsicht, wollen - nur aus ihrer Sicht - "das Schlimmste verhindern". Nicht nur tatsächlich oft auch jünger wirkend als es ihrem Lebensalter entspricht, fühlen sie sich auch noch nicht "so alt" - fürchten sich oft aber extrem davor, hilflos und abhängig zu werden - sind nach wie vor am liebsten "selbstbestimmt". Sie schütteln den Kopf darüber, wie die Enkelkinder heute lernen sollen, fragen sich, wo denn heute eigentlich der gesunde Menschenverstand geblieben ist - hatten allerdings in ihrer Schulzeit oft kaum oder viel weniger Probleme, waren unter Umständen nur "faul"? Leider ist heute "Vergesslichkeit" bei Älteren sofort ein Anzeichen von "Demenz". Hartnäckig hält sich die Vorstellung, ADHS wachse sich aus... Würde man genauer hinschauen, könnte man die typischen Muster in der Vorgeschichte entdecken: man "musste" vieles ausprobieren, "konnte sich nichts sagen lassen", nicht ausreichend aus Erfahrung lernen, empfand Unbehagen bis Abwehr bei Fremdbestimmung, konnte nichts lange tun, was gegen die eigene Überzeugung lief. Unangenehmes wurde schon immer aufgeschoben, um dann auf "den letzten Drücker" erledigt zu werden, es wurde spontan oder nicht entschieden. Fasziniert von etwas war man superausdauernd und hyperkonzentriert (mit oft verblüffendem Ergebnis) - wenn nicht, dann nicht. Die frühere "Schusseligkeit" mündet im Alter in eine Sturzanfälligkeit.Die Tendenz, sich schnell in die Befürchtung der Befürchtung hineinzusteigern in die Riesenangst davor den "Nachlass" etc. regeln zu sollen, da man damit ja möglicherweise "alles" aus den Händen verliert... Für viele ist es zum Beispiel undenkbar, mal irgendwann nicht mehr Autofahren können zu sollen... Entsprechend wurde ein Modul entwickelt, wie Älterwerden mit ADHS gelingen kann. Ohne die "Münsinger Schule" (ein privates Internat im früheren Krankenhaus Münsingen, das leider schon zwei Jahre nach der Gründung geschlossen wurde) wären Sie vermutlich nie auf die Alb gekommen. War es eine gute Lenkung des Schicksals? Zweifelsohne! Aber; ich bin sehr gerne wieder nach Münsingen gekommen, das ich schon seit den späten 1970er Jahren kenne - durch die Firma Holz Hoertz, und deren tollen Geräten für die psychomotorische Übungsbehandlung. Herrn Hoertz lernte ich auf den Brixner Kinderärzte-Kongressen in Südtirol kennen - wir verstanden uns sofort gut!