Im Dezember 2004 fiel der letzte scharfe Schuss auf dem Truppenübungsplatz Münsingen, der Ende 2005 nach 110 Jahren militärischen Betriebs geschlossen wurde. Seit dieser Zeit ist das 6500 Hektar große Areal Kernstück des Biosphärengebietes Schwäbische Alb, das auf 13 ausgewiesenen Wegen für Wanderer und Radfahrer geöffnet ist.

Es besteht Lebensgefahr

Die Idylle trügt. Überall auf dem Platz kann man heute noch auf mörderische Überbleibsel stoßen. Deshalb weisen überall Schilder darauf hin, dass beim Verlassen der markierten Strecken Lebensgefahr besteht. Es vergeht kein Monat, in dem nicht Schäfer, Förster und Waldarbeiter irgendwelche Munitionsreste finden - vergangenes Jahr tauchte in einem Schafpferch eine 81-Millimeter-Mörsergranate auf. "Die wurde in den 1980er-Jahren von der kanadischen Armee abgefeuert", sagt Berni Diether, Feuerwerker beim Bundesforst. Der 62-jährige Stabsfeldwebel außer Dienst war 23 Jahre lang in Bundeswehruniform auf dem 6500 Hektar großen Areal als Feuerwerker tätig.

560.000 Geschosse mit Zünder

"Schätzungen zufolge sind noch 560.000 Geschosse mit Zünder und 3,9 Millionen ohne Zünder oder ohne Sprengstoff auf dem Platz verstreut", warnt Diether. "Rein rechnerisch" liege alle 17 Quadratmeter etwas Gefährliches. "In den vergangenen neun Jahren wurden gerade mal 800 scharfe Munitionsteile gesprengt. Von Gewehrpatronen bis zum 50 Kilogramm schweren 155- Millimeter-Artilleriegeschoss war alles dabei." Oft seien die Blindgänger äußerlich stark korrodiert, so dass sich nicht abschätzen lasse, wie es im Inneren aussieht.

"Eine saubere Räumung wäre unbezahlbar. Sie würde das Gebiet in eine Mondlandschaft verwandeln", sagt der Leiter des Bundesforstbetriebes Heuberg, Dietmar Götze, der für den ehemaligen Truppenübungsplatz verantwortlich ist. Die hohe Munitionsbelastung sei neben dem Naturschutz der Grund für das strenge Wegegebot, das auf dem Platz gilt.

Geduldig beantwortet Götze die immer wiederkehrende Frage nach den Schäfern, die mit ihren Herden scheinbar ungefährdet über die Weiden ziehen. "Die Schäfer haben eine Haftungsverzichtserklärung unterschrieben, die den Bundesforst von seiner Verantwortung im Falle eines Unfalls befreit."

Diether schätzt ab, ob er die Munition ins Depot bringen kann oder eine Spezialfirma die Geschosse vor Ort sprengen muss. Bei der 52 Zentimeter langen kanadischen Granate ist der Aufschlagzünder beschädigt, beim Transport mit dem Auto bestünde Lebensgefahr. Sie wird auf einer Wiese gesprengt. Sieben Posten riegeln alle Zufahrtswege im Umkreis von einem Kilometer ab. Feuerwerker Heinrich Bernhard Scho verteilt 700 Gramm Sprengstoff um das Geschoss. Danach setzen er, seine Mitarbeiter und Diether sich in den 100 Meter entfernt parkenden leicht gepanzerten Pistenbully. Die Sprengung wird per elektrischer Zündung ausgelöst.

Ohrenbetäubend ist der Knall im Herzstück des Biosphärengebietes. Teile der Granate mitsamt zahlreicher Erdklumpen und Steine fliegen bis zu 200 Meter weit. Rauch steigt über dem ehemaligen Truppenübungsplatz auf. Von der gewaltigen Druckwelle ist im grünen Kettenfahrzeug kaum etwas zu spüren, Steine prasseln aufs Dach.Sekunden später ist es wieder still. Ein Schaf grast in 300 Metern Entfernung friedlich weiter. So, wie wenn nichts geschehen wäre.

Immer wieder Blindgänger

Seit diesem Einsatz hat sich wieder einiges angesammelt. Ungefährlicher Munitionsschrott, Teile von Geschossen und Granaten lagert Diether auf einem abgesperrten Sammelplatz in der Nähe der ehemaligen Soldatensiedlung Altes Lager, die an das ausrangierte Schießgelände grenzt. Aber auch scharfe Geschosse aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges sind in den letzten Wochen aufgetaucht. Nicht nur Diether, auch die Männer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes und Naturschützer, die eine Genehmigung zum Betreten der abgesperrten Bereiche haben, finden immer wieder Blindgänger, mit denen keineswegs zu spaßen ist. Deshalb ist in ein paar Wochen die nächste Sprengung vorgesehen. Jedes Jahr gibt es zwei bis vier.

Diether ist Realist. Er geht davon aus, dass er bis ans Lebensende seinen Job als Feuerwerker auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen hat.

Bußgeld bis zu 1000 Euro

Der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen ist auf 13 ausgewiesenen Wegen für Wanderer und Radfahrer geöffnet. Wer die markierten Wege verlässt, die gesperrten Pfade oder die ehemalige Panzerringstraße befährt oder betritt, muss mit einem Bußgeld von bis zu 1000 Euro rechnen. Im Alten Lager gibt es eine Munitionssammlung zu besichtigen. Informationen im Internet unter www.muensingen.deoder www.alteslagermuseum.com

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