Im Jahr 1981 kaufte eine Gruppe theaterbegeisterter junger Menschen das Gasthaus Lindenhof mit anliegender Scheune in Melchingen auf der Schwäbischen Alb. Unter ihnen die treibende Kraft war Uwe Zellmer, damals Berufsschullehrer in Reutlingen und Leiter einer Theater-AG, heute im Ruhestand. Damals schon an seiner Seite, Bernhard Hurm, Student der Sozialpädagogik, heute über 60 und zweiter Intendant und Schauspieler im Theater Lindenhof.

Kraft des Dialektes

Die Bewohner der 960-Seelen-Gemeinde Melchingen wussten anfangs nicht so recht, wie sie die jungen Leute, von denen einige ziemlich alternativ daherkamen, einschätzen sollten. Doch bei der ersten Vorstellung am 22. Mai 1981 war der Saal oberhalb des Gasthauses Lindenhof übervoll. Gezeigt wurde ein Stück, das die Gruppe gemeinsam entwickelt hatte. Thema war der Selbstmord eines Bekannten und das Leben als junger Mensch auf dem Land. Damals schon mit auf der Bühne war auch der heutige Intendant und Schauspieler Stefan Hallmayer. „Die meisten von uns kamen vom Dorf und wollten der Enge entfliehen. Es ging darum, einen eigenen Weg zu finden, der irgendwie anders sein sollte als der der Eltern. Wir wollten weg und doch waren wir unserer Heimat sehr verbunden. Uwe Zellmer zeigte uns, wie wir beides verbinden konnten. Das Auflehnen gegen die Strukturen, die uns nicht gefielen, ohne uns, unsere Hintergründe und unsere Sprache zu verleugnen. In der Schule wurde ich damals für meinen Dialekt abschätzig behandelt. Uwe zeigte mir auf, welche Kraft im Dialekt steckt und wie man auch oder gerade im Dialekt schwierige Themen auf die Bühne bringen kann.“

Viel Einsatz gebracht

Die Anfangsjahre waren alles andere als einfach. Das freie Theater lebte vom Einsatz der Beteiligten: Einsatz von Arbeitskraft, Zeit und Geld. Vom Theater leben konnte allerdings keiner. Mit mobilen Eigenproduktionen wie Kleinkunst und Kindertheater versuchte man sich zweite Standbeine aufzubauen.
Einen ersten Schritt in die Kulturförderung gab es mit der Gründung des Regionaltheaters. Gelegen an der Schnittstelle der Landkreise Reutlingen, Tübingen und Zollernalb wurde ein auf Regionen und Partnerstädte basiertes Finanzierungsmodell entwickelt. Über diese Konstruktion flossen 1994 die ersten maßgeblichen öffentlichen Mittel in das Projekt Lindenhof. In den 90er Jahren intensivierte sich der Spielbetrieb und auch die Produktion neuer Stücke nahm Fahrt auf. Die ersten Stellen wurden geschaffen. Neben dem ehemaligen Tanzsaal wurde die Scheune zum zweiten Spielort umgebaut. Das Theater war viel unterwegs und die ersten spektakulären Freilichtinszenierungen wurden auf die Beine gestellt. Immer mehr Zuschauer fanden den Weg nach Melchingen oder zu den Gastspielorten in der Region und für seine Produktionen erhielt das Theater Preise, gesichert war die Existenz der Bühne damit aber noch nicht. Strukturell machte man aus der Initiative Lindenhof ein Verein, später zwei Vereine, getrennt in Aktive und Förderer – der Förderverein des Theater Lindenhofs entstand, der heute mehr als 400 Mitglieder umfasst. Seit dem 13. Dezember 2010 ist das Theater eine Stiftung, und die Idee der Projektgründer wurde in der Satzung verankert: Man wolle „kritisch, poetisches Volkstheater mit Kernbezug zur schwäbischen Alb“ machen. Auf der Grundlage der gefestigten Struktur konnten endlich auch die notwendigen Entwicklungs- und Sanierungsmaßnahmen am Gebäude angegangen werden.
Heute ist das Spektrum der Stücke, die im Theater Lindenhof auf die Bühne kommen, breit. Neben oft vom Dramaturg und Autor Franz Xaver Ott recherchierten und aufgeschriebenen Geschichten, die der Region entspringen, sind es auch Theaterklassiker von Shakespeare, Kleist und Schiller. Besondere Aufmerksamkeit erlangte das Theater Lindenhof mit seinen Bürgertheater-Projekten wie der Inszenierung des Mössinger Generalstreiks, mit über 100 Mitspielern und einem kompletten Orchester auf der Bühne oder „Weit vom Schuss“ in Stetten am kalten Markt mit rund 300 Beteiligten. Aber auch für seine Freilichtinszenierungen ist der Lindenhof weit über die Region bekannt. Unvergessen ist vielen der winterliche Theaterspaziergang auf dem Melchinger Himmelberg, die Zugfahrt, Theater auf der Melchinger Burg oder dem Schloss in Gomaringen.

Überregionale Bekanntheit

Der Titel Regionaltheater hat das Theater aber nie davon abgehalten seine Stücke auch über die Region hinaus zu zeigen. So reist es mit zahlreichen Produktionen auf die Ruhrfestspiele nach Recklinghausen und bewirbt sich bei Theaterpreisen. Viele Produktionen wurden zu den Hamburger Theatertagen eingeladen, zwei davon kamen mit Preisen zurück. Auch dieses Jahr wird es mit der Hölderlin-Inszenierung „Darum wandle wehrlos fort, und fürchte nichts!“ wieder in die Hansestadt reisen. Von den rund 350 Veranstaltungen im Jahr finden rund 230 in Burladingen-Melchingen und 120 verteilt in ganz Baden-Württemberg statt. Die Gastspiele sind ein festes Standbein des Theaters. Und doch ist das Theaterhaus im Ortskern von Melchingen mit der angegliederten Theaterscheune für viele Zuschauer immer noch der Spielort Nummer 1. Von 2016 bis 2019 wurde das Theaterhaus umfassend saniert und erweitert. Unvorstellbar, dass vor fünf Jahren die Schauspieler noch bei Wind und Wetter über eine Außentreppe die Bühne betreten mussten. Unvergesslich für viele Zuschauer sind der Wartebereich zwischen Vorderhaus und Scheune im Freien und später die kalten Füße im Zuschauerraum.
Der Lindenhof hat seinen Charme erhalten und verfügt nun dennoch über alles, was man von einem professionellen Theaterbetrieb erwartet, beispielsweise Energieeffizienz und einen barrierefreien Zugang zu allen Spielstätten.  Das Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“, das 2015 startete, inspirierte das Theater außerdem die Strukturen zu öffnen. Das Theaterhaus sollte noch mehr zu einen Begegnungsort werden. In diesem Zuge wurde das Kartenbüro zur Touristinfo erweitert, man startete ein Theaterkino und Erzählcafé, ein Friseursalon zog tagsüber in die Theatergarderobe ein und ein Theaterspielclub wurde gegründet.

Virtuelle Jubiläumsfeier

In der Jubiläumsspielzeit hatte das Theater vor, alle neuen Räume ausgiebig zu bespielen und auch für Veranstaltungen von außen wie Feiern und Tagungen zu öffnen. Doch seit März 2020 sind auch die Türen des Theaterhauses geschlossen. Gearbeitet wurde die meiste Zeit trotzdem. Ein Streaming-Angebot wurde auf die Beine gestellt und neue Produktionen zur Bühnenreife gebracht. In den Startlöchern steht eine Inszenierung von „Der eingebildete Kranke“ in einer schwäbischen Fassung, eine Neuauflage von „Spätzle mit Soß!“ und ein Kriminalstück nach einem Roman von Wolfgang Schorlau.
„Seit Beginn der Pandemie machen wir Spielpläne für die Schublade“, so Intendant Stefan Hallmayer. „Ende Mai hoffen wir, dass wir sie endlich rausholen können.“ Geplant sind Aufführung auf der Freilichtbühne im Tübinger LTT Anfang Juni, aber auch in Melchingen selbst. Im Sommer wird es ein Hölderlin-Stück auf der Tübinger Neckarinsel zu sehen geben.
Doch jetzt soll erst einmal gefeiert werden. Am 22. Mai findet die große Jubiläumsgala online statt. Grüße von Weggefährten und Partnern wurden eingeholt. Eine Chronik in Bildern und Filmausschnitten wird es geben sowie viel Musik von Wolfram Karrer, Heiner Kondschak und Susanne Hinkelbein. Man möchte zurückblicken, aber auch nach vorne. Und einen entscheidenden Vorteil habe die Veranstaltung im virtuellen Raum, so Hallmayer. „Es ist besser so zusammen zu kommen als gar nicht. Und sonst hatten wir immer die Herausforderung zu entscheiden, wer auf Grund der begrenzten Sitzplätze eingeladen wird, dieses Mal können wirklich einfach alle kommen.“
Karten für die virtuelle Jubiläumgala „40 Jahre Theater Lindenhof“ am Samstag, 22. Mai, ab 19 Uhr gibt es für fünf  Euro online oder über das Kartenbüro unter Telefon (0 71 26) 92 93 94 oder per Meil unter karten@theater-lindenhof.de.