Rietheim / Von Ulrike Bührer-Zöfel

Flurneuordnung ist inzwischen mehr als Grundstücke zusammen zu legen, damit die Landwirte bessere Arbeitsbedingungen haben. Neben der Ökonomie spielt jetzt auch die Ökologie eine Rolle bei den Verfahren. Ein neues Beispiel dafür gibt es seit gestern in Rietheim: Als Ausgleichsmaßnahme wurde rund um den Ort, der bekannt für seinen Streuobstgürtel ist, ein Obstbaumlehrpfad angelegt. Auf zehn Infotafeln werden Themen wie Veredelung und Erziehung, Funktion der Streuobstwiese, ihre Geschichte auf Rietheimer Gemarkung sowie die Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz erläutert. Ergänzt wird dieses Wissensangebot durch 18 Sortentafeln, die unter anderem über Geschmack, Besonderheiten und Verwendung Auskunft geben. Außerdem haben die Rietheimer nun wieder – nachdem er 1967 versickert ist – einen Teich, der bereits von Kröten und Libellen entdeckt wurde.

Finanziert wurde das Projekt aus Mitteln der Teilnehmergemeinschaft (TG) der Flurneuordnung; Land und Bund gaben Zuschüsse.

 Zur Einweihung gestern war Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch angereist, die, wie auch die anderen Gäste – darunter viele Rietheimer – von Jürgen Lang, dem Vorstand der TG, begrüßt wurde. Die Flurneuordnung, so Lang, sei 1998 gestartet, „geht nun langsam dem Ende zu“. In 150 Vorstandssitzungen habe man viel diskutiert, geplant, geändert und umgesetzt. Neue Wege und der Lehrpfad seien nur zwei offensichtliche Projekte, „auch hinter den Kulissen hat sich viel getan“.

„Streuobstwiesen sind ein charakteristischer Bestandteil der Kulturlandschaft von Baden-Württemberg“, sagte Staatssekretärin im Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Friedlinde Gurr-Hirsch. Ohne regelmäßige Pflege und Nutzung lasse sich dieser Lebensraum aber nicht erhalten. Deshalb sei es wichtig „immer neue Ideen und Elan zu entwickeln, damit die Menschen nicht die Kompetenzen“ dafür verlieren. Dazu brauche man Mitstreiter, müsse sein Wissen an junge Leute weitergeben. Das Land unterstütze so vorbildliche Projekte wie das in Rietheim „mit diversen Förderprogrammen“. Die Teilnehmer hätten bei der Aktion im Flurneuordnungsverfahren 335 Obstbäume gepflanzt „und dokumentieren damit eindrücklich den hohen Stellenwert der Streuobstbestände“. Überdies würden so alte Sorten erhalten, ohne die es keine neue Entwicklungen gebe.

Zahlen zur Flurbereinigung hatte Hansjörg Stede, Erster Landesbeamter, parat: Im Landkreis laufen zur Zeit 13 Verfahren auf einer Fläche von 12 500 Hektar, was 11,5 Prozent der Kreisfläche entspricht. Die Flurneuordnungen hätten bei Investitionen von 26 Millionen Euro und Zuschüssen von über 20 Millionen Euro eine „erhebliche ökonomische Bedeutung“. Wie die Arbeitsbedingungen der Landwirte verbessert würden, zeige in Rietheim, dass es dort nun statt 3100 noch 1600 Flurstücke gebe. Stede ging ebenfalls auf die „ökologischen Dimensionen“ ein, betonte: „Der Lehrpfad ist eine gute Möglichkeit, die Wertschätzung der Menschen für Streuobstwiesen zu steigern.“

Lob für die „engagierten Rietheimer“ kam von Bürgermeister Mike Münzing. Mit der Mosterei und dem Lehrpfad trügen sie dazu bei, „das Bewusstsein für Natur und Umwelt weiter zu entwickeln“, ebenso wie das „Bewusstsein, dass es etwas Besonders ist, hier zu leben“. Und das schon bei den Kindergartenkindern, für die regelmäßig Tage rund ums Obst stattfinden. Mit dem Projekt – wie mit anderen nachhaltigen in der Stadt auch – sorge man gemeinsam dafür, dass immer mehr „Anwälte der Natur und der Zukunft aktiv mit der Umwelt umgehen“. Für die Staatssekretärin, gewissermaßen „eine Ehrenbürgerin des Biosphärengebietes“, gab es von Münzing ein regionales Schatzkästchen mit Albspezialitäten.

 Dass in Rietheim der Streuobstgürtel wieder eine große Bedeutung hat, sei vor allem der Albvereinsortsgruppe unter Leitung von Egon Steudle zu verdanken, betonte er, wie schon sein Vorredner, Ortsvorsteher Gerd Söll. Der Lehrpfad sei ein weiter Baustein in der Erfolgsgeschichte in Sachen Streuobst. Söll erinnerte daran, wie die Albvereinsmitglieder auch das Obst von Bäumen aufsammeln, deren Besitzer es nicht tun oder nicht können. Den Saft wiederum verkaufen sie an Leute, die selbst kein Gütle besitzen. Weil kaum Most, sondern viel Apfelsaft produziert wird, gibt es ab Herbst in der Moste als weiteren Service eine Abfüllanlage mit Bag-in Box-System: Das Erhitzen des Saftes zuhause fällt dann weg.