Buttenhausen Steinbrocken trifft Gerhard Gerster

Buttenhausen / Von Reiner Frenz 12.12.2018

Schon zu Beginn der Trekkingtour von Karakul zum Fetschenko-Gletscher hatte es unerwartete Probleme gegeben, musste zusätzlich Gepäck getragen werden, war bereits nach zwei Tagen ein Tag verloren worden (wir berichteten). Nur drei Kilometer waren am zweiten Tag zurückgelegt worden, viel zu wenig und entsprechend mürrisch wurden am nächsten Morgen die Esel beladen. Am rechten Ufer des Tanimas-Flußes ging es auf schmalem Pfad mühsam weiter.

Nach einem Kilometer wurde dann der Versuch unternommen, den Fluß zu überqueren, eine geeignete Furt fand sich aber nicht, so quälte man sich zwei Kilometer weiter, wobei sich der Ersinger Gerhard Gerster als „Scout“ bewährte: „Der wohnt ja auch an der Donau“, schmunzelt Jimmy Müller.

Endlich glückte die Überquerung: „Wir sind im eiskalten Wasser ohne Schuhe fast erfroren“, erinnert sich der Buttenhausener. Nach zehn Kilometern war dann das Camp erreicht, in dem man bereits am Vortag sein wollte. In der Ferne waren jetzt auch der erste Gletscher, der Grum Grjimallo, zu sehen.

Am Tag darauf wurde das Weiterkommen schwieriger, vor allem für die Esel, denen man immer wieder einen Weg bereiten musste. Am frühen Nachmittag war der Grum Grjimallo erreicht, das Ende des Weges für die Esel damit auch. Die wurden entladen und es stapelte sich auf dem steinigen Boden ein riesiger Gepäckhaufen.

„Unser Guide stellte fest, dass wir das nicht alles tragen konnten“, schüttelt Jimmy Müller den Kopf. Das ganze Essen, das die Esel bis hierhin geschleppt hatten, wurde kurzerhand halbiert: „Das war uns schon total suspekt“, so Müller. Jeder bekam noch einmal acht Kilogramm Nahrung aufgebürdet: „Mein Rucksack muss jetzt 30 Kilogramm gewogen haben“, glaubt Müller.

Mit diesem unglaublichen Gewicht auf dem Rücken musste nun der Gletscher erklommen werden: „Das war extrem anstrengend“. Hinter dem Gletscher mussten die Wanderer eine Moräne hinaufsteigen. Eine steile Rinne ging bergauf, wobei man immer wieder gefährlich ins Rutschen kam. Deshalb legten der Tourguide und einer der Träger auch ein Seil in die Rinne, die an einem großen Stein befestigt wurde. Als Jimmy Müller am Seil entlang hochkletterte, löste sich ein großer Brocken und donnerte die Rinne herunter auf ihn zu: „Ich konnte gerade noch die Beine auseinanderreißen, um den Stein durchzulassen, der jetzt auf Gerhard zuraste und ihn an der Brust traf“. Ein wahrer Schreckmoment. Doch der Ensinger hatte Riesenglück, trug weder Brüche noch innere Verletzungen davon, lediglich sein Daumen, der auch vom Stein gestreift worden war, blutete heftig und musste verbunden werden.

Blutender Daumen

Oberhalb des Flusses wurde ein Nachtlager gefunden. Am nächsten Tag ging es wieder am Tanimas-Fluss entlang, doch die Hänge wurden steiler, und man musste mehr als 100 Höhenmeter nach oben, um einen Felsvorsprung zu umgehen: „Das war alles andere als einfach, weil es teilweise senkrecht runter ging und das Gestein brüchig war“, erklärt Jimmy Müller.

Es half alles nichts, man musste die andere Flussseite erreichen, wobei sich der Kirchener Frank Schmid beim Durchqueren des eiskalten Flusses zwischen den Zehen verletzte, als er an einem spitzen Stein hängenblieb.

Es folgte der Tanimas II-Gletscher, den man unten herum umgehen konnte. Kurz darauf bereits der Tanimas III-Gletscher. Der brach direkt in den Fluss ab, es gab keine Moräne. Wie hier weiterkommen? Der Fluss war an dieser Stelle reißend, hätte die Expeditionsteilnehmer garantiert umgerissen. „Wir mussten also auf den Gletscher rauf, 200 Höhenmeter über Eis und Moränenschutt zurücklegen“, berichtet der Rettungssanitäter. Einer der Träger stapfte voraus, suchte nach einem Weg. „Es gab ein paar brenzlige Situationen und wir waren im Zwiespalt, ob wir die Steigeisen anlegen sollten oder nicht“, so Müller. Weil die Blankeis-Passagen aber eher kurz waren, vor allem Schutt und Fels zu überqueren waren, ließ man die Eisen an den Rucksäcken. Einer der Wanderer fand übrigens eine verrostete, 50 Zentimeter lange Eisschraube, die wohl von der Expedition des Jahres 1928 stammte, die Müller zum diesjährigen Abenteuer animiert hatte.

Hinter dem Gletscher führte der Weg in Richtung Taniman-Pass in 4498 Metern Höhe, doch den konnte man anders als geplant von der Zeit her nicht mehr erreichen: „Wir mussten in der Gletschermoräne einen halbwegs ebenen Platz finden, Steine wegräumen und die Zelte aufbauen. Wir lagen nun schon zwei Tage hinter dem Zeitplan“, erklärt Jimmy Müller.

Info Jimmy Müllers zweites Buch „666 Meilen zwischen Himmel und Hölle“, das die verrückte Wanderung von Buttenhausen nach Wacken beschreibt, ist kürzlich erschienen und erhältlich im Wiedermann-Verlag www.alb-biosphaere.de oder beim ALB BOTE in Münsingen.

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