Münsingen Statt Schlafsaal neues Toilettenhaus

Münsingen / Reiner Frenz 19.07.2018

War es bislang immer die extreme Trockenheit, die Dürre, die die Besuche von Mitgliedern des Münsinger Arbeitskreises Maralal im Kinderheim „Springs of Hope“ in Kenia begleitete und oft auch prägte, so waren es diesmal Starkregen und Überschwemmungen. Adolf Wagner, Marit und Klaus-Dieter Wiest hatten sich Ende Mai auf die Reise nach Maralal begeben. Von Nairobi aus ging es Ende Mai mit Geländefahrzeugen über oftmals völlig überflutete Pisten in den Norden, immer wieder vorbei an riesigen Straßenbau-Fahrzeugen, die im Sumpf feststeckten. „Die Chinesen investieren massiv in Kenia“, berichtet Marit Wiest in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Die Piste nach Maralal soll zur geteerten Straße werden, 80 Kilometer fehlen noch. Als Gegenleistung gibt es für die Investoren Produkte des Landes wie Reis oder Getreide oder aber Grund und Boden, eine bedenkliche Entwicklung.

Chinesisches Baucamp

Sie hat direkte Auswirkungen auch auf das Kinderheim. Direkt neben dem Heim steht jetzt ein chinesisches Baucamp, umgeben von einem Blechzaun, an dem entlang das Wasser bei den Starkregen, die es von März an immer wieder gab, in Richtung Heim geschossen ist. Dabei wurden die vier Latrinenhäuschen unterspült und stürzten ein: „Da haftet dann niemand“, schüttelt Marit Wiest den Kopf. Von Behördenseite aus kam kein Beistand: „Wir sollten selber gucken, wie wir klarkommen“, sei die Reaktion gewesen.

Es gab jetzt nur noch zwei Latrinen, die für insgesamt 80 Menschen zur Verfügung standen, ein unhaltbarer Zustand. Die Besucher aus Deutschland ließen deshalb drei Nottoiletten bauen, was 200 Euro kostete. „Es war klar, dass wir das Projekt neuer Schlafsaal verschieben mussten, weil ein neues Toilettenhaus vordringlich ist“, erklärt Marit Wiest.

Dieses soll nun zusammen mit der „Kläranlage“ entstehen, deren Finanzierung inzwischen durch Spendengelder steht. Etwa 30 000 Euro wird diese kosten. Zum einen wird ein Septiktank mit zwei Kammern erstellt, in dem sich die Fäkalien zersetzen, zum anderen soll ein Schilfbett entstehen, in das die Abwasser aus Dusche und Küche geleitet werden. Die chemischen Substanzen sollen durch die Pflanzen zersetzt werden. Unter dem Strich gehe es darum, die hygienischen Bedingungen im Kinderheim zu verbessern. Deshalb ist auch das Toilettenhäuschen so wichtig, das sechs Plätze haben wird, darunter für die Jungs eine Urinalrinne und für die Erwachsenen eine Sitztoilette. Die Handwaschbecken werden außen angebracht. Die Kosten für das Klohaus dürften 10 000 bis 15 000 Euro betragen.

Lange Warteliste

Deshalb ist der Arbeitskreis auch wieder dringend auf Spendengelder angewiesen, zumal die Aufgaben noch längst kein Ende finden. Denn das Schlafsaal-Projekt ist zwar aktuell verschoben worden, steht aber auf der Agenda weiter ganz oben. Der bisherige Schlafsaal platzt aus allen Nähten. Er hat eigentlich Platz für 30 Kinder, ist aber mit 40 belegt, dazu noch beherbergt er im Durchgangszimmer vom Jungs- zum Mädchenteil die Betten der beiden Hausmütter Elizabeth und Mary. „Im neuen zusätzlichen Schlafsaal sollen auch die Mitarbeiter endlich eigene Räume bekommen“, erläutert Marit Wiest. Um die aktuelle Situation zu verbessern,  wurden im Schlafsaal zwei Toiletten und zwei Duschen eingebaut.

Die Warteliste von Waisenkindern, die dringend ein Dach über dem Kopf und geregelte Mahlzeiten brauchen. wird immer länger. 50 sind es derzeit, weshalb Heimleiterin Grace N. Kiboi aufstocken will, was wiederum den neuen Schlafsaal nötig macht. Im Kinderheim aufgenommen werden inzwischen aber nicht nur Waisenkinder, sondern auch solche die zuhause schwer misshandelt werden. Marit Wiest weiß von vier Kindern einer Familie, die vor einigen Monaten aufgenommen wurden. Deren Vater hatte nach dem Tod der Mutter wieder geheiratet. Die Stiefmutter weigerte sich, für die Kinder aus erster Ehe zu sorgen. Zwei der Kinder wurden vom alkoholisierten Vater mit kochendem Wasser verbrüht, eine schreckliche Geschichte wie die des zwölfjährigen Mädchens, das vom Stiefvater vergewaltigt wurde.

Der viele Regen der vergangenen Wochen hat eine weitere negative Folge: Malaria hat sich ausgebreitet, auch einige Kinder und eine der Hausmütter sind betroffen. „Wir haben Moskitonetze und Decken gekauft“, berichtet Marit Wiest.

Erfreulich sei die Operation von Elizabeth Naboo verlaufen, die Dank Spendengeldern von der Alb jetzt wieder besser hören kann. Allerdings ist nun auch die neunjährige Linet vom gleichen Schicksal betroffen und muss operiert werden, weil beide Ohren geschädigt sind. Dafür werden unter dem Stichwort „Nothilfe“ weitere Spenden benötigt, teilt sie mit.

Für Marit Wiest verlief der Aufenthalt in Maralal schmerzhaft. Schon am zweiten Abend stolperte sie über eine Stufe im Boden des Kinderheims, zog sich dabei Risse in drei Knochen zu. Der Fuß schwoll sehr dick an, so dass man zunächst außer der Verabreichung von Schmerzmitteln nichts tun konnte. Zehn Tage blieb sie weiterhin dort, leitete im Sitzen drei Spielemittage, nahm am weiteren sechs Sitzungen teil, ehe sie über ihre Auslandsrückholversicherung einen Sitz in der Business-Class im Flieger erhielt. Am Flughafen in Frankfurt wartete man schon mit einem Rollstuhl auf sie. In Maralal hatte sie sich mit Krücken fortbewegt, die ihr dort gefertigt wurden.

Mit Krücken fortbewegt

Stephanie Fischer berichtete über die weiteren Aktivitäten des Arbeitskreises, der beim Landesmissionsfest in Bad Urach mit einem Infotisch, Glücksrad, einer Wasseraktion und Bilderrätsel vertreten war. Landesbischof Frank Otfried July habe sich viel Zeit für ein Gespräch am Stand genommen. Beim Stadtfest wird es wieder ein Schlosshof-Konzert geben. Als Veranstalter fungiert die Eine-Welt-Initiative. Der Erlös geht an den AK Maralal, der mit zehn Helferinnen und Helfern vor Ort sein wird.

Info Das Spendenkonto des AK Maralal lautet: IAS Germany, Bank: EKK Stauttgart, IBAN: DE48520604100000414786, Stichwort: Maralal.

40

Kinder leben im Waisenheim „Springs of Hope“ in Maralal, dazu die beiden Hausmütter Elizabeth und Mary. Platz ist nur für 30 Kinder. 50 Kinder stehen auf der Warteliste.

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