Saftige Braten, deftige Beilagen und süße Kalorienbomben bezeugen an diesem Wochenende das Ende der 40-tägigen Fastenzeit – das Osterfest steht vor der Türe. Schon längst strahlen in den Supermärkten schmunzelnde Schokohasen um die Wette, in den Gärten blühen gelbe Narzissen und bunt bemalte Ostereier schmücken die Sträucher und Bäume. Insbesondere dem Ei als Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit messen auch die Sorben eine elementare Bedeutung zu.

„Zu Ostern bekommen die Patenkinder drei reich verzierte Ostereier mit Glückwünschen“, berichtet Corinna Becker, deren Wurzeln im kleinen Dörfchen Schleife in der Lausitz, der Heimat der Sorben, liegen. „Die Kunst des Eiermalens habe ich von meiner Mutter gelernt und sie wiederum von ihrer Mutter“, berichtet Becker, die selbst Mama von zwei Kindern ist. Bisher haben die beiden dieses Hobby zwar noch nicht für sich entdeckt, aber das kann ja noch kommen. „Meine Mutter ist nun über 80 Jahre alt und malt selbst nicht mehr. Nun wird sie eben von meiner Schwester, die im Schwarzwald lebt, und von mir mit Schmuckeiern versorgt“, erläutert die Künstlerin. Schließlich brauche man für die Gestaltung nicht nur Geduld, sondern vor allem gute Augen und eine ruhige Hand. Handelte es sich in der ursprünglichen Tradition noch um gekochte Eier, die von den Kindern auch verzehrt wurden, verwandelt Corinna Becker heute ausgeblasene Eier zu verschnörkelten Unikaten. Es gibt unterschiedliche Techniken, die ovalen Rohlinge zu kleinen pompösen Kunstwerken werden zu lassen, unter anderem die Wachsbatik- oder die Kratz- und Ätztechnik. Die heute in Münsingen lebende Ur-Lausitzerin hat sich allerdings auf das ebenfalls typische Bossieren spezialisiert. Hierfür wird ein Ei zunächst komplett gefärbt, anschließend werden mit einem Federkiel Ornamente mit farbigem, heißem Wachs aufgetragen. „Der Kiel wird bis auf die Spitze von den Federn befreit und dann so zurechtgeschnitten, bis nur noch kleine Dreiecke oder Rauten übrig sind. Ähnlich wie beim Embossing fungiert dieser dann wie ein Stempel, die bunten Wachsabdrücke heben sich reliefartig vom Ei ab“, erklärt Becker. Der Vorteil dieser Technik ist, dass keine Trocknungszeiten entstehen. „Das ist vergleichbar mit einer Kerze, wer schon einmal Wachs auf die Tischdecke vertropft hat, weiß wie schnell dies hart ist“, schmunzelt die Expertin.

„Dabei halte ich mich streng an die alten Ornamente, beispielsweise das Sonnenrad und Dreiecke“, erklärt die Kunstei-Designerin. Die sorbische Ornamentik orientiert sich als Ausdruck der Harmonie sehr an symmetrischen Grundformen wie Kreis und Viereck. Die Kombination der Zeichen folgt dabei stets einem Grundmotiv: Den Wunsch nach Glück, Liebe und Fruchtbarkeit bildhaft darzustellen und den Schutz vor dem Bösen zu versinnbildlichen. So steht das Dreieck, auch Wolfszahn genannt, beispielsweise für die Trinität– Großvater, Sohn und Heiliger Geist und auch Vater, Mutter und Kind. Die Darstellung der Sonne als Quelle allen Lichts und Lebens zählt zu den am weitesten verbreiteten Symbolen. Dazu zählt das Sonnenrad ebenso wie unterschiedlichste Strahlenbündel.

Pro Saison erschafft Corinna Becker etwa 150 dieser mystisch angehauchten Einzelstücke, die sie dann auf den sogenannten Eiermärkten zum Verkauf anbietet. Und dies geschieht nicht einfach so nebenbei. „Es geht nicht, sich zu denken, jetzt habe ich eine Stunde Zeit und lege los. Für diese kreative Arbeit braucht man innere Ruhe und Muße“, beschreibt Corinna Becker. Hinzu kommt der Faktor Zeit. Zwischen anderthalb und zwei Stunden benötigt die kreative Frau für ein Standard-Hühnerei. Je nach Größe und Motiv kann dies auch deutlich länger dauern. „Zum Glück steht meine Familie voll hinter mir und lässt mir den nötigen Freiraum. Ich beginne bereits im Herbst mit meiner Arbeit für das kommende Frühjahr.“ Ihre Werke stoßen auch regelmäßig auf große Resonanz. „Jeder Eiermaler hat seine eigene Handschrift, ich präferiere Ton-in-Ton-Arbeiten“, sagt Corinna Becker. Aber man muss auch mit der Zeit gehen, weiß die Bauingenieurin: „Es handelt sich ja um ein Deko-Objekt. Daher versuche ich, die Tradition immer wieder neu zu interpretieren.“ Aktuell versucht sie sich etwa an modernen Designs, Eier in Schwarz oder Weiß mit metallischen Akzenten.

Über die Frage, wie oft ihre Familie denn Pfannkuchen essen muss, lacht die Künstlerin. „Wir essen alle gerne Eier, wenn ich einen Kuchen backen will, dann blase ich die Eier eben aus und habe meine Träger für die nächsten kreativen Stunden in petto. Zum Einsatz kommen übrigens ausschließlich Bio-Eier: „Ich bin von regionalen Produkten überzeugt, die schmecken einfach besser und ich finde auch, dass die Schalen härter und robuster sind als die von Billig-Ware.“