Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden. Für den Ortsverband Mittlere Alb der Grünen Grund genug, einmal zu beleuchten, was noch getan werden muss, bis wirklich von Gleichberechtigung der Frauen gesprochen werden kann. Zu einem Vortragsabend eingeladen waren am Donnerstag die Singener Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, die in ihrer Fraktion frauenpolitische Sprecherin ist, sowie Gabriele Frenzer-Wolf, stellvertretende DGB-Landesvorsitzende. Alexandra Alth begrüßte die wenigen Zuhörerinnen und Zuhörer und führte kurz in das Thema ein. Das Frauenwahlrecht sei nicht vom Himmel gefallen, erklärte Dorothea Wehlinger. Es habe lange dafür gekämpft werden müssen. Sie erinnerte an die englischen Sufragetten, die im 19. Jahrhundert auf die Straßen gingen, um für die Würde der Frau, um gerechte Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, aber auch darum, dass Frauen im öffentlichen Raum rauchen durften. Bis 1918 dauerte es, ehe Frauen in England ein eingeschränktes Wahlrecht erhielten. Nur die über 30-jährigen Britinnen durften wählen.

Aber auch in Deutschland seien Frauen auf die Straße gegangen. Eine der großen Vorkämpferinnen für Frauenrechte sei Hedwig Dohm gewesen, in einer Zeit, in der Frauen nur für die Familie da zu sein hatten. Als es 1919 soweit war, als Frauen erstmals wählen durften, gingen tatsächlich 90 Prozent zur Wahl. 1922 wurde das Jugendwohlfahrtsgesetz eingeführt, Frauen erstmals als Anwältinnen und Richterinnen zugelassen, so Wehinger. Die Nazis beschnitten das Frauenwahlrecht. Frauen durften im Dritten Reich nicht mehr gewählt werden.

Im Grundgesetz, das es seit 70 Jahren gibt, heißt es in Artikel 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Aber erst seit 1979 brauchen Frauen bei der Berufswahl nicht mehr die Einverständniserklärung ihres Mannes und erst seit 2017 heißt Nein Nein, wenn Männer übergriffig werden, erklärte die Politikerin.

Ist der Kampf um die Emanzipation also gewonnen? Wehinger schüttelte den Kopf, nannte Beispiele: Der Frauenanteil im Landtag liege bei 26,6 Prozent. In den 35 Landkreisen im Land gebe es gerade drei Landrätinnen, in den Kreistagen nur 19 Prozent Frauen: „Politik darf aber kein reines Männergeschäft sein“. Ihr Wunschbild für die Zukunft: „Frauen bekommen für die gleiche Arbeit gleich viel Geld wie Männer. Es ist beiden möglich in berufliche Teilzeit zu gehen, es gibt gleiche Aufstiegschancen, unsichtbare Arbeit wird sichtbar gemacht.“ Wehinger abschließend: „Frauenrechte sind Seismographen für die Demokratie“.

Gabriele Frenzer-Wolf erklärte, dass es heute selbstverständlich sei, dass Frauen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. 72 Prozent der Frauen in Deutschland arbeiten, allerdings nur 54 Prozent in Vollzeit (Männer: 90 Prozent). Bei den Teilzeitjobs würde es sich oft um Minijobs handeln. Dabei würde es oft für immer bleiben, weil sich Mehrarbeit dank unseres ungerechten Steuersystems nicht lohne. So kommt es auch, dass Frauen im Durchschnitt 21 Prozent weniger verdienen als Männer. Es werde an der Berufswahl der Frauen gemäkelt. Aber es könnten nicht alle Menschen Ingenieure werden. Tatsächlich müssten die Berufe etwa in der Pflege aufgewertet werden, vor allem finanziell, so Frenzer-Wolf. Am Ende des Arbeitslebens hätten Frauen im Durchschnitt eine Rentenlücke von 51 Prozent: „Jede fünfte Frau über 65 ist arm“, kritisierte die Gewerkschafterin. In der Fragerunde ging es unter anderem um Ehegattensplitting und Grundeinkommen.

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