Das inzwischen vergangene erste Jahrzehnt, das zunächst so verheißungsvoll für die junge Ortsgruppe Mehrstetten des Schwäbischen Albvereins begonnen hatte, war zu Ende. Es hatte ungeahnte Höhen, aber auch gewaltige Tiefschläge mit sich gebracht. Die Inflation hatte wirtschaftlich vieles ruiniert und, kaum überwunden, schlug unerbittlich die Weltwirtschaftskrise zu. Da konnte man von Glück sagen, dass man auf dem Land lebte, wo wenigstens das zum Überleben Notwendige vorhanden war – wenn auch die Vesperrucksäcke oft nicht mehr so gut gefüllt waren. Man war auch auf dem Land damit beschäftigt, zuerst das tägliche Leben zu sichern.

Rückzug im Frust

So war auch beim Albverein in Mehrstetten die Mitgliederzahl stark gesunken, zu Versammlungen kamen oft keine 20 Mitglieder mehr. Hatte man sich in den Anfangs-jahren noch in freiwillige Arbeiten gestürzt, zum Beispiel beim Bau des Wanderweges zum „Mehrstetter Hauptbahnhof“ im Heutal und zur Pflege des Ehrenhains bei der Hüle, so war davon nun keine Rede mehr. Warum das so war? Darüber geben Protokolleinträge erst in späteren Jahren Auskunft. Die Gemeinde hatte den Ehrenhain an der Hüle an sich gezogen, hatte dem Albverein die ausgegebenen Gelder erstattet (leider ist nicht erwähnt, in welcher Währung – man bedenke die rasante Inflation) und im Jahre 1926 dort das heute noch existierende Ehrenmal zum Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkrieges errichtet.
Mag sein, dass so mancher bis dahin eifrige Mitarbeiter sich zurückzog und sich anderen Tätigkeiten zuwandte. Aber sicher ist: das Vereinsleben in der Ortsgruppe lief nur noch auf Sparflamme. Aber immer wieder flackerte das Flämmchen der Begeisterung wieder auf, etwa als der Uracher Stadtpfarrer Dr. Reinhardt einen gut besuchten Lichtbildervortrag im Rösslesaal hielt. Das war 1931, und er berichtete dabei von den dramatischen Ereignissen bei der Erstbesteigung dieses schönsten Berges der Alpen. Der Beifall wollte dann kein Ende nehmen, als er zum Abschluss seines Vortrages noch Bilder zeigte, wie er selbst mit einem Bergführer diesen Gipfel bezwungen hatte. Hier könnte durchaus der Funke auf spätere Gebirgler und Bergsteiger in der Ortsgruppe übergesprungen sein.
Eine neue Erkenntnis brachte eine Versammlung im Gasthaus Hirsch in Gundershofen im Jahr 1933: Altbürgermeister Rehm aus Gundershofen, der mit der Gründung 1920 dem Albverein Mehrstetten beitrat, wurde für 25-jährige Mitgliedschaft geehrt. Es hatte sich aber herausgestellt, dass er schon seit 1902 Miglied im Albverein war, was er durch seine Mitgliedskarte beweisen konnte – nur im Verzeichnis des Hauptvereins war er nicht zu finden, obwohl er im Besitz sämtlicher Albvereinsblätter und Wanderkarten seit diesem Jahre war. Nach Einsendung der Mitgliedskarte als Nachweis wurde ihm nun die Ehrenurkunde für 25-jährige Mitgliedschaft nachträglich überreicht, auch wenn er schon 30 Jahre Mitglied war.  Auch Oberlehrer Ostertag war wohl schon Mitglied seit 1904 und hatte bei seinen verschiedenen Dienstorten als junger Lehrer Spuren des Albvereins hinterlassen, besonders im Schwarzwald.

Früher Katastrophentourismus

Das Jahr 1933 brachte gewaltige politische Veränderungen in Deutschland. Diese finden aber in den Vereinsprotokollen keinerlei Erwähnung. Lediglich an den Begleiterscheinungen kann man – sozusagen verdeckt – ablesen, dass etwas sich verändert hatte. Es wurden keine Wanderpläne mehr erarbeitet, weil erfahrungsgemäß sowieso niemand Lust hatte, mit zu wandern, die Mitgliederzahl im Verein war so tief gesunken wie noch nie. Es bedurfte schon größerer und unglaub licher Ereignisse, damit sich die Albvereinler zu gemeinsamen Unternehmungen aufraffen konnten. Ein solches Ereignis war am 5./6. Juli 1936 ein gewaltiger Wolkenbruch, der vor allem im Arbental gewaltiges Unheil anrichtete, der den ganzen Fahrweg hinunter ins Schandental metertief ausschwemmte. Zur Besichtigung dieses gewaltigen Naturschauspiels machte sich eine erkleckliche Zahl von Wanderern auf den Weg. Eine Wiederholung dieses Ereignisses gab es dann Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit ähnlichen Ergebnissen.
Der Bericht über die Wanderung zu den Hochwasserschäden vom 6./7. Juli 1936 war für lange Jahre der letzte Bericht in den Protokollbüchern. Zuvor war erstmals die Rede von der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und einem letzten Lichtbildervortrag beim Albverein, der eine Werbeveranstaltung für den Verein sein sollte. Ein Oberreallehrer Widmann aus Tübingen sprach dabei davon, dass… „doch der Albverein derjenige Verein sei, der schon lange vor der Machtübernahme unseres Führers die Volksgemeinschaft gepflegt habe. …Es sei der Arbeiter gleichberechtigt neben dem Unternehmer, der Bauer neben dem Städter…gestanden“.
Erst 1943 gibt es noch eine Aufzählung von Wanderungen, die allesamt Ludwig Eberhardt, Rottenführer, geführt hatte, auch noch 1944 – oft nur mit wenigen Mitwanderern. Am 24. September 1944 endet der Eintrag mit der Feststellung: „…es musste das Wandern in weitere Entfernungen eingestellt werden wegen zu großer Fliegergefahr auf den Straßen und Eisenbahnzügen.“
Im Jahr 1945, nach langer Pause, „…durch den Krieg verursacht“, konnte Vertrauensmann Karl Reutter die noch in der Heimat anwesenden Mitglieder zu der 25-jährigen Jubläumsversammlung einladen und acht Mitglieder für 25 Jahre Treue zum Albverein ehren, mit dem Wunsch, „dass der Krieg bald enden möge!“ Geehrt wurden damals Eberhardt Fritz, Maler; Eberhard Johannes, Bauer; Eberhardt Ludwig, Rottenführer; Götz Georg, Straßenwart; Krehl Georg, Waldmeister; Mayer Gottlieb, Hirschwirt; Reutter Lukas, Wagnermeister und Ziegler Georg, Frisör. Oberlehrer Ostertag wurde für 50 Jahre geehrt.

Hoffen auf Wiedergeburt

Mit diesem Eintrag endet nach 25 Jahren das Protokoll: „Das Jahr 1945 brachte nichts Gutes. Zusammenbruch und Zerstörung unserer schönen Heimat, auch des Schwäbischen Albvereins. Wir geben aber die Hoffnung nicht auf, dass auch die Stunde der Wiedergeburt unseres lieben Albvereins wieder schlagen wird. Mehrstetten, im Mai 1945, Eberhardt Ludwig, Rottenführer.