Schönschrift gab‘s früher in der Schule. Auf Claudia Bärbel Kirsamers Trailfinger Hof kann man zwar auch eine alte Schulbank drücken, aber das ist ganz und gar freiwillig. Ihr jährlicher Kurs „Kalligrafie, Natur und Ziegen“, fand am Samstag schon zum fünften Mal statt und bietet statt düsterer Schulstube den weiten Blick in die Albnatur.

Zwischen Heuboden, weiten Wiesen und Ziegen finden Kalligrafie-Interessierte die Ruhe und Gelassenheit, um die Feder mit Hingabe über‘s Papier zu führen.

Gerda, die Ziege, schaut dabei neugierig über‘s Gatter: Mit den Holzstäbchen von Wäscheklammern ziehen die Teilnehmer in konzentrierter Ruhe sorgfältig Striche und Rundungen auf das Papier: Buchstaben aus der karolingischen Minuskel, einer leicht lesbaren, in ganz Europa einheitlichen Buchschrift aus dem 8. Jahrhundert. Karl der Große, erklärt dazu Claudia Bärbel Kirsamer, hat sie in seinem Reich in den Klöstern und Schulen eingeführt.

Die Schrift eignet sich für den Einstieg in die Kalligrafie – die Kunst des schönen Schreibens – besonders gut: Sie hat eine klare, unkomplizierte Form, und auch die vier Teilnehmerinnen des Kalligrafie-Nachmittags (sechs weitere hatten kurzfristig abgesagt) nutzen sie daher gerne zum Üben. Warum wir schreiben, wie wir schreiben, hat Claudia Bärbel Kirsamer ihren Samstags-Schülerinnen Heidi, Barbara, Renate und Christel schon zu Beginn des Nachmittags verraten. Schriftgeschichte im Zeitraffer quasi, mit verblüffenden Einsichten: „Die alten Germanen haben ihre Runen in die Buchen geritzt, daher kommt unser Wort Buchstabe.“ Noch vieles mehr weiß die Grafik-Designerin und Kalligrafin, die im beschaulichen Trailfingen seit 35 Jahren ihr Atelier betreibt und an der Hochschule Mannheim „Schrift und Typographie“ lehrt, über die Schriftkunst. Ihr Kalligrafie-Nachmittag zwischen Ziegen und Natur ist eine Fundgrube von Einsichten, Ansichten, Tipps und Tricks rund um die Schönschrift. Es könnte dabei kaum entspannter zugehen: Heu und würzige Ziegenwürste vom Grill duften um die Wette, während Claudia Bärbel Kirsamer, kurz „CBK“, Barbaras kratzende Bandzugfeder durch Erhitzen richtet und  – auf gut schwäbisch –- den korrekten Ansatzwinkel der Feder erklärt: „Bei Elfe afanga, zieha ond et schieba.“

Es ist, als mache sich mit jedem Strich ein wenig mehr innere Ruhe breit: Strich um Strich, schräg ansetzen, nach unten ziehen... das macht den Kopf leer und schärft das Gespür. „Man muss spüren, wie der Wechselzug entsteht“, ermutigt CBK ihre Teilnehmerinnen zum Schreiben und Üben. „Schneckenpost“ ist angesagt,  Langsamkeit, Entschleunigung und Loslassen das Motto des Nachmittags.

Ähnlich genussreich lockt auch am kommenden Sonntag das CBK-Mitmachfest auf dem Hof von Volker Eggebrecht: „Schaltjahr – Ziegenbar“ ist diesmal das Motto. Anmelden kann man sich dazu unter ? (0 73 81) 83 70 oder per email an atelier.cbk@t-online.de.