Seit mehr als zwei Jahren fallen die Milchpreise und seit einem Jahr müssen sich viele Milchviehhalter mit einem Erzeugerpreis von deutlich unter 30 Cent je Liter Milch zufrieden geben. Dem gegenüber stehen Futterkosten, Kosten für die Bestandsergänzung und weitere Kosten etwa für Tierarzt oder Besamung, die der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter auf 23,4 Cent je Liter beziffert. Darin, ist einer Presseinformation des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) zu entnehmen, sind weder Arbeitskosten noch die Kosten für Erhaltungs- und Neuinvestitionen, die Altersvorsorge oder die Sozialversicherung enthalten.

„Die Milchpreise sind nicht mehr kostendeckend“, sagte gestern in Kleinengstingen Albrecht Koch, einer der Sprecher der Milchviehhalter im Landkreis Reutlingen. Überlegungen, die größte Milchmarktkrise der vergangenen Jahrzehnte an ihrer Wurzel zu packen, nämlich der deutlichen Ausweitung der Milchproduktion in Deutschland und der EU, würden von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt mit Rückendeckung der Kanzlerin und mit dem Hinweis auf den freien Markt verhindert.

Das jetzt aufgelegte Liquiditätsprogramm mit knappen 70 Millionen Euro für Deutschland sei keine Lösung. „Das ist der falsche Ansatz, um das Problem zu lösen“, betonte Koch. Richtig wäre die deutliche Reduzierung der Milchmenge. Nach wie vor sei viel zu viel Milch auf dem Markt, was zum Preisverfall geführt habe.

Mit den Geldern des Liquiditätsprogramms hätte man mittels Ausgleichszahlungen Anreize für die Landwirte schaffen können, die Milchmengen zu reduzieren, so Koch. „Man könnte, wenn man denn wollte, schnell Abhilfe schaffen“, pflichtete ihm sein Kollege Andreas Heideker bei. Angebot und Nachfrage würden in der Marktwirtschaft den Preis regeln, weshalb das Angebot verringert werden müsse.

In der BDM-Pressemitteilung hatte der Bundesvorsitzende Romuald Schaber erklärt, dass es „menschenverachtend und unverhältnismäßig sei, auf die Selbstheilungskräfte des Marktes zu setzen, und damit darauf zu bauen, dass es eine Markterholung gebe, indem viele Milchviehhalter ihren Betrieb einstellen müssten.

Auch im Landkreis Reutlingen wurden gestern Plakate mit dem Slogan „Merkel, Schmidt und Hogan wollen lieber Milchbauern ruinieren als die Milchmenge reduzieren!“ So zum Beispiel auch in Kleinengstingen.

Mehrere der Milchbauern im Landkreis haben sich zudem an einer zweiten Aktion beteiligt und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Billig-Milchtüten zugesandt. Sie fordern mit Begleitschreiben Juncker zum Handeln auf, unter anderem durch die Absetzung von EU-Agrarkommissar Phil Hogan.