Münsingen Präsident braucht den Hubschrauber

Münsingen / Von Reiner Frenz 17.01.2019

Mit letzter Kraft hatten Teilnehmer, Guide und Träger der Fedtschenko-Gletscher-Expedition doch noch die alte sowjetische Meteo-Station auf dem Gletscher erreicht und sich somit zumindest vorübergehend in Sicherheit gebracht (wir berichteten). Am Morgen des 16. September sollte Kontakt mit dem Leipziger Reiseveranstalter und mit der Deutschen Botschaft in Tadschikistan hergestellt werden, um die prekäre Situation zu schildern. Doch inzwischen war der Akku des Satellitentelefons komplett leer, den Guide Raschid vor Expeditionsbeginn vergessen hatte, zu laden.

„Super, wir konnten also nicht telefonieren. Das war ein echter Tiefschlag und vom Guide unglaublich verantwortungslos“, ärgert sich der Buttenhausener Jimmy Müller noch Wochen später. Müller hatte zwar ein Powerpack dabei, aber es fehlte natürlich am passenden Ladekabel. Es war schließlich eine fast verzweifelte Aktion, die dazu führte, dass Akkus, ein Handy-Ladekabel und ein Stecker verbunden werden konnten. „Einer der Träger saß stundenlang dran, am Ende hat es zum Glück funktioniert“.

Der Akku ist leer

Nun konnten doch noch der örtliche Veranstalter und das Reisebüro in Leipzig angerufen werden, außerdem die Botschaft, doch da klingelte es nur durch und niemand nahm ab, obwohl eigentlich eine 24-Stunden-Bereitschaft herrschen musste. Jimmy Müller fiel in dieser Situation sein Auinger Freund Thomas Dehne ein, den er tatsächlich auch erreichte, und der zusagte, sich um die Botschaft zu kümmern.

Bei all diesen Telefonaten ging es darum, die Expeditionsteilnehmer mit einem Hubschrauber auszufliegen, weil das Begehen des Gletschers wegen des vielen Neuschnees der vergangenen Tage zu beschwerlich und vor allem zu gefährlich geworden war. Es kam dann die Nachricht, dass ein Militärhelikopter fliegen würde vom 400 Kilometer entfernten Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans. Man rechne mit etwa zweieinhalb Stunden Flugzeit. Später ein weiterer Anruf: Der Hubschrauber werde an diesem Tag nicht starten können, weil er benötigt werde, um Präsident Emomalij Rahmon zur Einweihung eines Wasserkraftwerks zu bringen.

Das verbesserte die Stimmung im Camp nicht, wo man sich noch einmal über die Lage Gedanken machte: „Es gab einen Meter Neuschnee und an einen Abstieg über den ohnehin sehr schwierigen RGS-Gletscher war überhaupt nicht zu denken“, erinnert sich Jimmy Müller. „Aber auch der Rückweg war keine Option mehr, dazu hätte allein schon das knapp werdende Essen nicht gereicht“. Ausgemacht wurde, am Sonntagmorgen, 16. September, zeitig nach dem Wetter zu schauen und dann wieder in Duschanbe anzurufen. Bei guten Bedingungen würde ein Hubschrauber losfliegen, war den Eingeschlossenen gesagt worden.

Tatsächlich war das Wetter ausgezeichnet mit guter Sicht. Der Hubschrauber werde vollgetankt und um 10 Uhr starten, erfuhren die Schwaben. Doch um 10 Uhr kam ein neuerlicher Anruf. Man habe ein Problem. Keiner der Piloten, die Dienst hätten, würden über eine Lizenz verfügen, in 4500 Metern Höhe fliegen zu dürfen. „Die Stimmung im Camp war jetzt mehr als mies“. Müller berichtet, dass man angefangen habe, die Hütte aufzuräumen, Fensterglas einzusetzen, Schrauben nachzuziehen. Alles Maßnahmen, um keinen Lagerkoller aufkommen zu lassen. Unter dem Schnee vor dem Meteo-Camp fand man Kohle. Mit dieser konnte man zwei Öfen im Camp befeuern und so für Wärme sorgen.

Wieder war ein Tag ins Land gegangen. Auch am nächsten Morgen war das Wetter gut und per Satelitentelefon kam die Nachricht, dass passende Piloten da seien, man nur noch auf den nötigen Befehl des zuständigen Generals warte. Doch der sei in einer Besprechung mit dem Ministerpräsidenten. Müller wählte jetzt noch einmal die Nummer des Reiseveranstalters, wurde zum Geschäftsführer durchgestellt, schilderte nochmals die Situation und mahnte eindringlich, dass man dringend einen Hubschrauber brauche. „Ich solle mich beruhigen, meinte der gute Mann und fragte dann, ob wir eine Versicherung hätten“. Müller konnte jetzt nicht mehr an sich halten. Es gehe um Menschenleben, brüllte er ins Telefon. Aber das interessiere wohl niemanden. „Der hat dann einfach aufgelegt“, so Müller. Inzwischen war es 11.30 Uhr. Die Stimmung im Camp wurde kritisch. Die Träger starrten zum Teil nur noch teilnahmslos an die Decke, alle waren am Boden zerstört, teilweise kurz vor dem Durchdrehen. Mittags saßen alle nochmals zusammen und man entschied, falls an diesem Tag kein Hubschrauber mehr kommen würde – für die beiden nächsten Tage war Schlechtwetter angesagt – doch über den RGS-Gletscher abzusteigen: „Lieber schnell und schmerzlos in einer Gletscherspalte abstürzen und sterben als zu verhungern“.

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