Münsingen Pfiffige Idee hilft Insekten

 Am Freitag war Startschuss für das Projekt Bienenstrom. Tobias Länge von den Stadtwerken Nürtingen überreichte Landwirt Dennis Striebel (2. v. l.) das Blühpaten-Zertifikat. Auf dem Foto außerdem von rechts: Otto Körner, Volkmar Klaußer, Rainer Striebel und Achim Nagel vom Biosphärenzentrum, Annette Seehaus-Arnold, Regierungspräsident Klaus Tappeser sowie ganz außen Dr. Manfred Albiez.
 Am Freitag war Startschuss für das Projekt Bienenstrom. Tobias Länge von den Stadtwerken Nürtingen überreichte Landwirt Dennis Striebel (2. v. l.) das Blühpaten-Zertifikat. Auf dem Foto außerdem von rechts: Otto Körner, Volkmar Klaußer, Rainer Striebel und Achim Nagel vom Biosphärenzentrum, Annette Seehaus-Arnold, Regierungspräsident Klaus Tappeser sowie ganz außen Dr. Manfred Albiez. © Foto: Reiner Frenz
Münsingen / Reiner Frenz 30.04.2018

Am Freitag fiel oberhalb von Buttenhausen auf einem Acker von Landwirt Dennis Striebel der Startschuss für ein beispielhaftes Projekt: Mit Bienenstrom und blühenden Landschaften soll ein Beitrag geleistet werden gegen das Insektensterben. Bienenstrom ist ein Stromprojekt der Stadtwerke Nürtingen, das Ökostrom und die privatwirtschaftliche Finanzierung von artenreichen Blühflächen kombiniert. Mit jeder durch die Stadtwerke Nürtingen verkauften Kilowattstunde Bienenstrom fließt ein Cent als Blühhilfe-Beitrag in das Projekt zum An- und Ausbau von Blühflächen, die Mais-Monokulturen ersetzen sollen. Die am Projekt beteiligten Landwirte erhalten zur Finanzierung erhöhter Anbaukosten beziehungsweise vermindertem Ertrag dauerhaft einen festgelegten, jährlich zur Auszahlung anstehenden Blühhilfe-Beitrag pro Hektar und werden so zu Blühpaten.

Volkmar Klaußer, Geschäftsführer der Stadtwerke, betonte, dass das Insektensterben immer mehr zunimmt, dass es höchste Zeit sei, dagegen etwas zu unternehmen: „Wir wollen blühende Habitate für Insekten schaffen“, erklärte er. Damit sollen Reinkulturen ersetzt werden, wobei es nicht um eine Anschubfinanzierung gehe, sondern um eine dauerhafte. Man hoffe, Kunden für das Projekt begeistern zu können. Je Kunde rechne man mit 500 Quadratmeter Fläche. Gestartet werde mit 13 Hektar.

Wie wichtig dieses in Deutschland bislang einmalige Projekt ist, zeigte die Anwesenheit von Regierungspräsident Klaus Tappeser. Er sprach in Buttenhausen von einem „wichtigen und guten Ereignis“, einem weiteren Meilenstein im Biosphärengebiet, bei dem es nur Gewinner gebe. „Wenn die Bienen sterben, stirbt nach vier Jahren der Mensch“, zitierte Tappeser Albert Einstein. Für alle Pflanzen, die nicht durch Wind bestäubt werden, brauche es Insekten und deshalb sei es auch enorm wichtig, etwas gegen das Insektensterben zu tun. Bienenstrom sei eine pfiffige Idee der Stadtwerke Nürtingen, die zusammen mit den Mitarbeitern des Biosphärengebiets entwickelt worden sei.

Seitherige Maisfelder sollen für Insekten tauglich gemacht werden durch Pflanzen, die ähnlich viel Energie einbringen. Der Verlust der Landwirte durch geringeren Ertrag würden die Stadtwerke mit dem Extra-Cent ausgleichen. Somit hätten Verbraucherinnen und Verbraucher durch den Bezug des Bienenstroms die Möglichkeit, einen aktiven Beitrag zum Erhalt und zur Förderung der biologischen Vielfalt zu leisten.

Im Bestand gefährdet

Annette Seehaus-Arnold, Vizepräsidentin des Deutschen Berufs- und Erwerbs-Imkerbundes, erinnerte daran, dass viele Insekten stark im Bestand gefährdet seien. Die Aussaat von blühenden Wildpflanzen habe vielfachen Nutzen, nicht nur für die Insekten. Es gebe anders als beim Mais keine Bodenerosion, der Nitratwert sinke, Humus werde aufgebaut. Die Blühwiesen würden Schutz für Niederwild und für die Brut von Vögeln bieten und sie seien für Wildschweine unattraktiv. Bienen würden bis Ende Oktober ausreichend Pollen für ihren Nachwuchs finden. Sie erklärte zudem die Vorteile der blühenden Energiepflanzen mit dem Anbau der nicht heimischen Pflanze Silphie, die als Reinkultur angebaut wird und wünschte sich viele Nachahmer für das Bienenstrom-Projekt.

Otto Körner, Landesgeschäftsführer des Fachverbandes Biogas sprach von einem fast historischen Tag. Die privatwirtschaftliche Initiative der Stadtwerke Nürtingen, die Erhöhung der Artenvielfalt durch Mitwirkung von Landwirten zu finanzieren, sei einzigartig und wegweisend. Biogas brauche keine Reinkultur, wusste Körner. Bei der gewählten Auswahl an Wildpflanzen handle es sich um mehr als 20 Arten, die im Pflanzengemenge gut vergärt werden könnten. Man wisse, wie die öffentliche Wahrnehmung in Sachen Biogas aussehe. Er hoffe deshalb, dass mit derartigen Projekten, die hoffentlich Nachahmer finden würden, das Ansehen verbessert werden könne.

Info Informationen gibt es im Internet unter www.bienenstrom.de.

Blühmischung mit Sonnenblume, Malve, Eibisch und Buchweizen

Im Rahmen des Bienenstrom-Projekts geben die Stadtwerke Nürtingen den beteiligten Landwirten die zur Verwendung kommende Blühmischung und deren Zusammensetzung vor. Sie war zuvor von den Projektpartnern ausgewählt worden. In dieser Blühmischung enthalten sind unter anderem folgende heimische Pflanzen: Steinklee, Buchweizen, Malve, Eibisch, Sonnenblume, Flockenblume und Rainfarn. Durch die Mischung von ein- und mehrjährigen Pflanzen wird sich der optische Eindruck der Blühflächen von Jahr zu Jahr verändern. Die möglichen Erträge pro Hektar werden etwa 50 Prozent des Maisertrags ausmachen. Wer Bienenstrom der Stadtwerke Nürtingen bezieht, leistet einen Blühhilfe-Beitrag von einem Cent pro kWh verbrauchten Stroms. Blühpaten, also am Projekt beteiligte Landwirte sind: Dennis Striebel, Buttenhausen, Manfred Kloker, Ehestetten, das Haupt- und Landgestüt Marbach, Jörg Kautt aus Kusterdingen, Roland Locher aus Schelklingen-Hausen, Alfred Bohnacker aus Blaubeuren-Sonderbuch, Ingo Hiller aus Westerheim, Georg Ederle aus Bissingen und die Höfle GbR aus Schlierbach.

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