Münsingen / Heike Feuchter.  Uhr

Achtzig Jahre ist es her, dass das Bauerndorf Gruorn durch politischen Entschluss von der Landkarte gestrichen werden sollte, dass 120 Familien ihre Heimat verlassen und sich eine neue Bleibe suchen mussten. Was menschlicher Wille und Heimatverbundenheit bewirken können, zeigt sich jedoch in der Tradition des Pfingsttreffens, das seit 51 Jahren ehemalige Gruorner, ihre Nachkommen und einen großen Freundes- und Fördererkreis alljährlich beim Treffen zusammenführt.

Unvergessen sind der Ort und seine Geschichte, was sich auch heuer in der vollbesetzten Stephanuskirche zeigte. Mit Pfarrer Richard Lallathin war ein Geistlicher für Liturgie und Predigt vor Ort, der selbst Gruoner Wurzeln hat. Sein Großvater Johann Lallathin wurde in Gruorn geboren, zog 1938 nach Eck bei Pfullendorf und kam mit seinen Nachkommen seit dem ersten Pfingsttreffen 1968 nach Gruorn: „Es ist bewegend für mich, an dem Ort predigen zu dürfen, den ich als kleiner Bub und seither immer wieder besucht habe“, erläuterte Lallathin. Und auch sein Cousin Josef Blender teilt diese Erinnerungen und gestaltete mit seinem Pfullendorfer Chor „Chips & Flips“ den Gottesdienst mit zeitgenössischer Literatur erfrischend mit.

Die weitere musikalische Begleitung wurde in bewährter Tradition stimmungsvoll von einer Abordnung der Stadtkapelle Münsingen, unter Leitung von Berthold Loritz, übernommen. „Wie viele Generationen haben wohl hier schon die Pfingstworte des Evangeliums von den jeweiligen Pfarrern gehört und ausgelegt bekommen?“ fragte sich Lallathin. Jeder verknüpfe damit eigene Erinnerungen, meinte der Geistliche, der in seiner Predigt neben der Frage, warum Gott Leid zulasse, auch seine Familiengeschichte einfließen ließ. Leben, Liebe ,Trost und Frieden seien in der Pfingstpredigt erwähnt, unvorstellbares Leid in Form von Krieg, Not, Angst und Verlust hat die Großelterngeneration jedoch erfahren: „Oftmals haben sie sich in der Kirche getroffen und im Gebet Gottvertrauen ausgedrückt. Die biblischen Verheißungen waren Hoffnungsbilder an denen man sich im Glauben halten konnte in einer Welt, die aus den Fugen geriet und in den Abgrund taumelte.“

Bewegend schilderte er den Lebensweg des Großvaters, geprägt von Trennungen und Abschieden, ohne offene Auflehnung gegen Gott hingenommen und im Rückblick mit versöhnlichem Ende: Der Großvater erkannte pragmatisch, dass er steinige Äcker verlassen und fruchtbare erhalten hatte und fand damit für sich nach dem Schmerz einen Segen.

Bei den anschließenden Grußworten ließ MdB Michael Donth (CDU) mit Worten des letzten Gruorner Bürgermeisters Eindrücke aus der Vergangenheit erklingen, die auch nach  achtzig Jahren noch berührten:  „Die Strahlkraft Gruorns ist geblieben“, sagte Donth, „aber anders als Bürgermeister und Räte es sich einst vorgestellt haben.“ Auch wenn die Gruorner heute woanders beheimatet seien, übe das Dorf eine Faszination aus: „Der Geist von Gruorn hält alle zusammen und hat viele Menschen angesteckt. Er macht den Ort zu einem Mahnmal für Frieden in Europa, der keine  Selbstverständlichkeit ist.“

Römersteins Bürgermeister Matthias Winter bezeichnete Gruorn als Symbol dafür, wohin fehlgeleitete Entwicklungen der Politik führen können. Gruorn sei ein Ort der Begegnung, zeige ermutigend auf, dass Leben auch nach Rückschlägen andernorts gelingen könne und sei damit mutmachendes Element.

Im Anschluss an den Gottesdienst mischten sich Pfingstfestbesucher, viele Urlauber und Tagestouristen auf dem Gelände zur großen Festgemeinde. Sie genossen das kulinarische Angebot des Komitees zur Erhaltung der Kirche in Gruorn e.V., ließen sich auf ein Schwätzchen nieder, streiften durch das Museum, über den Rundweg oder holten sich Informationen über Ort und Geschichte bei der Kirchenführung und der anschließenden Erzählrunde.

Für die Kinder gab es eine Spielecke und die Schafe von Schäfer Stotz hinterm Schulhaus waren Streichelobjekt und pittoreskes Fotomotiv zugleich.