An Aschermittwoch beginnt die Passionszeit. 40 Tage lang erinnern sich die Christen an das Leiden sowie den Tod Jesus, gehen in sich zur Buße. Wer das intensiver erleben will, fastet obendrein an den sechs Sonntagen während dieser Zeit, nämlich bis zum Palmsonntag. Diesen Fastensonntagen sind feste Themen zugeordnet.

Kantor Stefan Lust hat mit seinem Chor der Martinskirche die Motive aufgegriffen. Zusammen mit den Organisten Hermann Daigler und Jacob Menschel, den Cellisten Reinhold Schaal und Marion Schrade sowie Miriam Häbele am Kontrabass packte der Kirchenmusikdirektor die sechs Sonntage in geistliche Abendmusik.  „Die Sonntage der Passionszeit spiegeln die Geschichte Jesu und Menschen haben Gottes Wort zu Musik gemacht, die uns der Chor und die Musiker nun schenken“, sagte Pfarrer Patrick Mauser, der die Liedbeiträge zu den Passionssonntagen mit Lesungen verknüpfte.

Mit Johann Hermann Schein‘s Motette „Herr, lass meine Klage“, ein schlichter Duktus und tief gründendes Bassostinato, stimmte Lust die Zuhörer in der gut besuchten Kirche auf eine beginnende Passionszeit ein. „Estomihi“, der Sonntag, der der Passionszeit zehn Tage voraus ist, war der erste besungene Sonntag, der auf Psalm 31 „Sei mir ein starker Fels“ basiert. Das ausgesuchte Lied dazu: „Herr, auf dich traue ich“ von Heinrich Schütz. Intensiv, voller Gottvertrauen der Chorbeitrag.

„Invocavit“, der erste Sonntag in der Passionszeit, besungen mit dem geistlichen Konzert von Andreas Hammerschmidt, „Bist du Gottes Sohn“. Im Wechsel sangen Frauen und Männer und diese Musik, Lust ließ sie aus vier Ecken vor und im Chorraum erklingen, griff nach den Herzen der Zuhörer. Ebenso, wie die Motette von Walter Kraft, „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben“ zum zweiten Sonntag, „Reminiszere“. In diesem Werk der Gegenwart rührten insbesondere der rezitative Charakter und der Wechsel von Mehrstimmigkeit und unisono Tuttipassagen an.

„Okuli“ wurde mit dem Taizé-Gesang „Unsere Augen seh‘n stets auf den Herrn“ besungen, das Thema dieses Sonntags. Auch hier war die Schlichtheit der Melodie, gepaart mit unisono und mehrstimmigem Gesang, die ausschlagenden Zünglein an der Stimmungswaage. Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal an diesem Abend war das Publikum zum Mitsingen eingeladen.

Dem Meister des Barock, Johann Sebastian Bach, oblag der musikalische Ausdruck des freudigen Fastensonntags, „Laetare“. Die Motette „Jesu, meine Freude“ durchlief in ihren sechs Chorsätzen die ganze Passionszeit: zuerst in getragener Form, wo die Freude würdevoll zurückhaltend rüber kommt, dann, mit jedem weiteren Satz, öffnet sich die Freude. Zuerst in trotzigem Manier, als wollten die  Musizierenden sagen: „Wir wollen uns aber freuen“, bis hin zum großen Staunen und einem herzlichen Freuen. Das bekannte Kirchenlied „Jesu meine Freude“ krönte diesen Liedvortrag.

Die Sätze erforderten für ihre musikalische Ausdruckskraft äußerste gesangliche Präzision und akzentuierte Phrasierung, was Chor und Musiker in nadelspitzen Stakkati und sanft schwingenden Koloraturbögen großartig meisterten.

Mit eben dieser wunderbaren musikalischen Strahlkraft kam das Lied zum fünften Fastensonntag, „Judika“ daher. Lust hatte dazu „Richte mich Gott“ von Mendelssohn-Bartholdy gewählt. Ein großartiges Beispiel illustrativer, romantischer Chormusik für diesen sogenannten „schwarzen“ Fastensonntag.

Mit dem leuchtenden „Hosiana filio David“ von Samuel Scheidt ging es in den Palmsonntag. Das „Abendlied“ von Joseph Gabriel Rheinberger, wieder ein Romantiker, setzte den glanzvollen Schluss eines liturgischen Abends, wo der christliche Glauben nicht nur in  Lesungen praktiziert, sondern obendrein erlebbar musiziert wurde.

Chor und Musiker waren am Sonntag mit demselben Programm in der Blasiuskirche Kleinengstingen zu Gast.

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Tage lang dauert die Passionszeit, die am Aschermittwoch beginnt. Christen erinnern sich an die Leidenszeit und den Tod Jesu. Sie gehen in sich, tun Buße und Fasten.