Haben Sie den Namen Otto Umfrid schon einmal gehört? Oder wissen Sie womöglich mehr über diesen Mann? Immerhin: Die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner schlug Otto Umfrid für den Friedensnobelpreis 1914 vor. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs aber kam dazwischen, die Verleihung 1914 wurde abgesagt. Otto Umfrid wäre der erste Deutsche und der einzige württembergische Pfarrer gewesen, dem diese Auszeichnung zuteil wurde. Doch auch ohne Nobelpreis lohnt sich ein Blick auf diesen Mann, der zu Recht in Württemberg zu den Friedensvätern und -müttern gezählt wird.

Während in der Zeit vor 1914 andere die deutsch-französische Erbfeindschaft zelebrieren, wirbt Umfrid für einen europäischen Länderbund und eine Annäherung an Frankreich und England. Er schreibt, spricht, predigt gegen das zunehmende Wettrüsten: „Der größte Jammer unserer Zeit ist der beständige Kriegszustand, in dem wir leben. Vom Frieden wird geredet; aber was ist das für ein Frieden, in dem die Völker bis an die Zähne gewappnet einander gegenüberstehen!“ Die Gefahr, in einen Weltbrand verwickelt zu werden, so schreibt Umfrid, ließe sich nur dann überwinden, wenn sich die Staaten Europas verbänden.

Umfrid reist zu Vorträgen durch das Land, um für die Deutsche Friedensgesellschaft und für den Frieden zu werben. Einem Vortrag im Gasthof Ochsen in Münsingen folgt ein wohlwollender Bericht in einer Stuttgarter Tageszeitung: „Er nannte den Krieg einen Wahnsinn, in dem nicht das Recht, sondern die Macht entscheidet, ein Verbrechen, das die Bestie im Menschen entfessele und ihn zum schnödesten Materialismus führe.“

Doch in Münsingen, wo der jüngst eröffnete Schießplatz mit den württembergischen Soldaten endlich Geld in die Kassen der örtlichen Händler und Gastwirte spült, kocht die Empörung über. Im „Kirchlichen Anzeiger“ erzürnt sich der örtliche Stadtpfarrer Holzinger (obwohl bei der Versammlung gar nicht anwesend), dass „von einem Pfarrer eine agitatorische Friedenshetze in Szene gesetzt“ worden war. Zudem denunziert der Dekan Münsingens den verhassten Stuttgarter Amtsbruder „gehorsamst und inständig“ bei der „hohen Oberkirchenbehörde“: Für ihn und andere „wirklich gebildete“ ortsansässige Leute sei es nicht fassbar, „dass dieser Hetzredner, der Stadtpfarrer Umfrid, wirklich aktiver Geistlicher in der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart sei“. „Friedenshetzer“?

In Nürtingen geboren

Otto Umfrid wurde am 2. Mai 1857 in Nürtingen geboren. Er starb vor fast 100 Jahren am 23. Mai 1920. Er studierte von 1875 bis 1879 Theologie in Tübingen, wohnte dort im Evangelischen Stift. 1884 übernahm er ein Pfarramt im Schwarzwald, bevor er 1890 Stadtpfarrer in Stuttgart wurde. 1894 trat Otto Umfrid in die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) ein. Auf Umfrids Initiative gründete sich 1899 der DFG-Landesverein Württemberg. 1900 wurde Umfrid stellvertretender Vorsitzender der DFG, deren Hauptgeschäftsstelle im selben Jahr nach Stuttgart verlegt wurde. Otto Umfrid, 1913 erblindet und bereits für den Friedensnobelpreis nominiert, muss erleben, wie der Krieg sein Lebenswerk zerstört. Mit schweren seelischen und körperlichen Leiden zieht er sich mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Lorch zurück. Er stirbt 1920.

Standhaft wie der Vater

Sein Sohn Hermann Umfrid, wie der Vater Pfarrer, war in den 30er-Jahren laut Aussage des damaligen Oberkirchenrats, „als Sohn eines Pazifisten seinem Vorgesetzten ein Dorn im Auge“. Dem Terror der Nazi-Braunhemden ist er nicht gewachsen. In einer Verzweiflungstat setzt er am 21. Januar 1934 seinem Leben ein Ende. Auf dem Stuttgarter Pragfriedhof wird er im Grab seines Vaters beerdigt.

Otto Umfrid wurde nicht müde, den Kriegsverehrern und Verharmlosern des Militarismus zu widersprechen. Für Umfrid ist es Gotteslästerung, aus nationalistischen Gründen den Krieg zu rechtfertigen, denn Christus habe den Frieden gepredigt. Mit der Kirche des ­Kaiserreichs geht er hart ins Gericht: „Wenn die Kirche sich nicht auf ihre Aufgabe besinnt, so muss eine Erneuerung der Religion kommen, die...das Reich Gottes außerhalb des Schattens der Kirche baut.“

Engstingens Pfarrer Martin Breitling, der an Otto Umfrid erinnert, sieht bedenkliche Parallelen zur heutigen Zeit. „Wenn ich heute den aufkommenden Nationalismus betrachte, wenn ich sehe, wie in vielen europäischen Ländern immer mehr das Heil in Nationalismus und Abgrenzung und Abschottung gesucht wird, dann erscheinen Otto Umfrids Worte wie die Worte eines mahnenden Propheten“, sagt Breitling und ergänzt: „Auch an uns?“

Das letzte Buch aus der Feder von Otto Umfrid hatte übrigens den Titel „Da die Zeit erfüllet ward. . .“