Osteoporose Brüche sind ein Warnsignal

Gertrud Reich ist Vorsitzende der neuen Selbsthilfegruppe Osteoporose. 
Gertrud Reich ist Vorsitzende der neuen Selbsthilfegruppe Osteoporose.  © Foto: Gudrun Grossmann
Münsingen / Von Gudrun Grossmann 13.12.2016

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um an die Öffentlichkeit zu gehen. Die bürokratischen Hürden sind überwunden,  wie sich die Arbeit genau gestaltet, das wird in Abstimmung mit jenen Menschen geschehen, die zum Kreis dazukommen und integriert werden. Es geht um die neue Münsinger Selbsthilfegruppe Osteoporose. Ihr stehen Gertrud Reich aus Münsingen und als ihre Stellvertreterin Jutta Brandenburg aus Römerstein vor. Die beiden Frauen leiden an einer Krankheit, die ein großes gesundheitspolitisches Problem darstellt. Laut Schätzungen sind allein in Deutschland sieben Millionen Menschen betroffen. 80 Prozent der Patienten sind weiblich.

Was ist Osteoporose?  Es handelt sich um eine „Systemische Knochenerkrankung“.  Sie tritt dann auf, wenn auf- und abbauende Zellen, Osteoblasten und Osteoklasten, aus dem Gleichgewicht sind und sich in der Knochenmasse Hohlräume bilden. Der Verlust an Knochensubstanz ist oft ein schleichender Prozess, der lange unbemerkt bleibt. Kommt es zu Schmerzen in den Gliedmaßen, zu Brüchen, die sich kaum nachvollziehen lassen oder  zu einer Verkrümmung des Oberkörpers, sind das Anzeichen, die schon über das Frühstadium hinausgehen.  Dabei haben sich die Möglichkeiten der Früherkennung in den letzten Jahren deutlich verbessert.

Gertrud Reich rät dazu, den Arzt gezielt anzusprechen. Über Blut- und Urinuntersuchungen oder durch ein Röntgenbild kann man sich Klarheit verschaffen. Außerdem ist eine Knochendichtemessung (Osteodensitometrie) eine schnelle Methode, um den Beginn einer Osteoporose festzustellen. Wird eine Verminderung um nur zehn Prozent festgestellt, bedeutet dies bereits, dass sich das Risiko einer Fraktur verdoppelt hat. Gefahr ist in Verzug.

Für Gertrud Reich war die Diagnose erst einmal ein Schock. Sie recherchiert im Internet und stößt auf Schicksale, die das Allerschlimmste befürchten lassen. „Das ging bis zum Selbstmord.“ In dieser Phase wäre es sehr hilfreich gewesen, wenn sie sich an Betroffene hätte wenden können, an andere Patienten, die bereits Erfahrungen gesammelt haben. Egal, ob positive oder negative. Allein darüber reden, das hätte schon geholfen. Aber sie muss feststellen, dass es einen solchen Kreis in der Region nicht gibt. Nun gehört Gertrud Reich nicht zu den Frauen, die das einfach so hinnehmen. Sie wird selbst aktiv, findet schnell Mitstreiter. Und einen Bundesverband, der die Gründung von Selbsthilfegruppen unterstützt.

„Trotzdem war ich erstaunt darüber, dass es gar nicht so einfach ist, eine Hilfe zur Selbsthilfe aufzubauen.“ Nach gründlicher Arbeit kann sie jetzt Vollzug melden. Die Selbsthilfegruppe Osteoporose Münsingen geht an den Start und will Anlaufstelle für alle Betroffenen sein, die sich angesprochen fühlen und sich in einem geschützten Raum („Verschwiegenheit ist oberste Pflicht“) austauschen und beraten lassen wollen. Unabhängig von ihrem Wohnort.

Mehr noch: Es wird Wasser- und Trockengymnastik angeboten. Wo und wann, das wird noch geklärt. „Wichtig ist, dass jeder Patient, der ein Rezept für ein Funktionstraining erhält, mitmachen kann.“

Gertrud Reich kündigt außerdem Fachvorträge an. So kann beispielsweise eine Ernährungsberaterin wertvolle Tipps geben. Oder rechtliche Fragen werden geklärt. Mit der Verteilung der Aufgaben (von der Kassiererin bis zum Beisitzer) ist eine solide Basis geschaffen.

Gut findet es Gertrud Reich, dass sich ein guter Kreis gebildet hat, die Mitstreiter auch aus Römerstein, Grabenstetten und Bad Urach kommen, damit klar ist, dass es sich nicht ausschließlich um eine Münsinger Gruppe handelt. „Wir sind für alle offen.“

Keine Heilung, aber Behandlung

Osteoporose ist eine zerstörerische Krankheit, die nicht geheilt werden kann.  Aber sie kann durch wirksame Behandlungsmethoden in Grenzen gehalten werden. Gertrud Reich: „Es ist kein unausweichliches Schicksal.“ Das betont sie. Welches Medikament wann eingesetzt wird, das entscheidet der behandelnde Arzt.  Er stellt fest, ob Hormonmangel nach der Menopause die Ursache ist, es sich vielleicht um eine „sekundäre Osteoporose“ handelt, etwa als Folge einer Schilddrüsenerkrankung  oder altersabhängige Faktoren ausschlaggebend sind. Es kann auch eine familiäre Vorbelastung sein, die die Krankheit begünstigt. Zur Risikogruppe gehören außerdem Menschen, die ungesund leben. Alkohol- und Nikotinkonsum sollte vermieden werden, ebenso eine einseitige Ernährung, die Kalziummangel zur Folge hat. Empfohlen werden  grünes Gemüse, Joghurt, Milch, Käse, Nüsse. Vom Speiseplan möglichst gestrichen werden Schweinefleisch und Wurst.  Wie so oft, verschärft Bewegungsmangel die schlechte körperliche Verfassung.

Gertrud Reich weist darauf hin,  wie wichtig es ist, gegenzusteuern und selbst aktiv zu sein. Gymnastik, Schwimmen, Wandern, Nordic Walking, Radfahren – Sport ist nicht nur Therapie, sondern auch Vorbeugung.  Beim Startschuss ist die Gruppe behilflich. Das Programm richtet sich nach den Teilnehmern. Niemand werde überfordert.

Eine zentrale Frage wird sein: „Ich leide an Osteoporose. Was passiert mit meinem Körper?“. Wer mehr weiß, der kann auch besser reagieren. Und dann ist da noch die motivierende Gemeinschaft. Gertrud Reich: „Schmerz­empfindliche Menschen benötigen Verständnis und Zuwendung.“

In einer Selbsthilfegruppe geht es eben nicht nur um Diagnose, Therapie oder rechtliche Probleme. Da zählt jeder einzelne Mensch. Das ist Gertrud Reich wichtig. Unsicherheit und Ratlosigkeit wird ernst genommen. „Schließlich wissen wir, wovon wir sprechen.“

Eine Anlaufstelle für jede Altersgruppe

Die neue Münsinger Selbsthilfegruppe Osteoporose ist für alle Altersgruppen eine Anlaufstelle. Da auch Männer von der Krankheit betroffen sind, werden auch sie angesprochen. Das nächste Treffen ist am Mittwoch, 11. Januar. Von 16 bis 17 Uhr ist eine Übungsstunde mit Trockengymnastik in Bad Urach geplant. Der genaue Ort wird noch bekannt gegeben. Am Freitag, 13. Januar, ist Wassergymnastik in Münsingen. Details folgen. Wer im Vorfeld Fragen hat, kann sich an die Erste Vorsitzende Gertrud Reich, Hardtstraße 15, 72525 Münsingen, ☎ (0 73 81) 22 12, wenden oder an ihre Stellvertreterin Jutta Brandenburg, Teckstraße 8, 72587 Römerstein, ☎ (0 73 82) 6 10.  Angeboten werden Trocken- und Wassergymnastik mit zertifizierten Therapeuten, regelmäßige Gruppentreffen und gemeinsame Aktivitäten sowie Vorträge von Experten und Ärzten. Infos gibt es auch beim Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose, Kirchfeldstraße 149, 40215 Düsseldorf und im Internet unter www.Osteoporose-Deutschland.de.