Münsingen Orkanböen fegten die Zelte weg

Münsingen / REINER FRENZ 21.03.2014
Zwei Wochen voller Abenteuer und Entbehrungen, zwei Wochen in unberührter Natur: Die Münsingerin Tanja Schwenk musste bei der Camp-David-Expedition auf Feuerland bis an ihre Grenzen gehen.

Dass die Camp David Expedition 2014 kein Spaziergang werden würde, war allen Teilnehmern bereits nach dem anstrengenden Qualifikations-Wettbewerb im vergangenen Herbst in Leipzig klar. Nur 18 von 200 Teilnehmern ergatterten nach einer Reihe von anspruchsvollen Prüfungen einen der begehrten Plätze, die Münsingerin Tanja Schwenk zählte zu den Auserkorenen, worüber sie sich als Südamerika-Fan besonders freute.

Ehe es am 16. Februar losging, waren die Teilnehmer vom Casualwearhersteller Camp David mit Funktionskleidung, Taschen und Rucksäcken ausgestattet worden. Mit 18 Kilo Gepäck begann für Tanja Schwenk die Reise am Metzinger Bahnhof. Bis der Startpunkt in Punta Arenas erreicht war, sollten 30 Stunden vergehen. Nach dem Willkommen im Hotel stieg sie bald todmüde ins Bett. Am nächsten Morgen sollte es für die zehn Teilnehmer an der "grünen Route" um 8 Uhr bereits losgehen, mit der Fähre über die Magellanstraße nach Porvenir auf Feuerland. Es schloss sich eine sechsstündige Fahrt in Kleinbussen nach Vicuna an, einem Weiler am Eingang zu einem Nationalpark, wo man in fest aufgebauten Zelten übernachtete.

Richtig anstrengend wurde es für die acht Männer und zwei Frauen, die von 20 Teammitgliedern begleitet wurden, unter ihnen Kameraleute, Arzt, Träger und Expeditionsleiter Joey Kelly, vom dritten Reisetag an. Auf Mountainbikes mussten 40 Kilometer zurückgelegt werden, mit "superschweren Rucksäcken auf dem Rücken", über Schotterstraßen mit einem heftigen Aufstieg am Ende der Fahrt auf einen Pass hinauf, von dem aus man tolle Sicht auf die schneebedeckten Berge des Darwin-Gebirges hatte. Die Abfahrt ins Nachbartal war rasant.

Nach einer Vesperpause begann noch am gleichen Nachmittag die Trekkingtour, zwei Stunden ging es durch den Wald, bis Camp 1 erreicht war, das am Anfang des Karukinka Trails lag. Anja Tegatz wurde Tanja Schwenks Zeltnachbarin. Die Schulsekretärin ist Marathonläuferin. Nach dem Zeltaufbau wurde der Gaskocher in Betrieb genommen, Nudeln mit Soja-Bolognese stand für die nächsten Tage auf dem Speiseplan, "das machte satt", so der kurze Kommentar der 26-Jährigen. Am Abend angelte man noch mit Schnur und Haken an einem nahen See, allerdings ohne Erfolg.

Längst hatte man die Zivilisation hinter sich gelassen, als es am nächsten Morgen weiterging. Es waren zwar "nur" zwölf Kilometer zu bewältigen, die es aber in sich hatten. Querfeldein mühten sich die Teilnehmer durch den Wald, in dem die abgestorbenen Bäume wie Mikadostäbchen herumlagen. "Man musste total konzentriert gehen, hatte den Blick immer am Boden". Immer wieder blieb man hängen, vor allem dank der riesigen Rucksäcke. Und immer wieder waren Bäche und Flüsse zu überqueren. Stetig gings bergauf, manchmal richtig steil, wo man für eine helfende Hand dankbar war. Irgendwann war die Waldgrenze erreicht und dann auch Camp 2 in einem Gebirgstal. Unter steilen Wänden wurden die Zelte aufgebaut, es hatte angefangen zu stürmen und zu regnen. Nach dem Essen versuchte Tanja Schwenk zu schlafen, was dank Ohrenstöpseln auch funktionierte, ehe sie von Anja Tegatz geweckt wurde. Der Sturm hatte sich zum Orkan entwickelt, immer wieder fegten Böen durchs Tal. "Wir haben das Zelt festhalten müssen". Andere hatten damit kein Glück und schon bald saß man zu fünft im Zelt, weil andere Zelte von den Urgewalten zerlegt worden waren. "Unser Zelt war am Ende das einzige, das keinen Schaden davongetragen hat", so Tanja Schwenk.

Am nächsten Morgen wurde das "Schlachtfeld" aufgeräumt. Niemand hatte in dieser Nacht auch nur ein Auge zugemacht. Weiter ging es, diesmal vor allem bergab, an Wasserfällen vorbei, in den Wald, bis man zu einer Stelle kam, an der man sich 35 Meter tief abseilen musste ins Valle Profundo, das "tiefe Tal". Bei der Aktion ging viel Zeit verloren, weil es einfach lange dauerte, bis 30 Leute unten angekommen waren. Das Tagesziel konnte so nicht mehr erreicht werden, man übernachtete in "Camp zweieinhalb". Damit wurde aber das Essen knapp, weil erst in Camp 3 Nachschub zu erhalten war. Die noch vorhandenen Reste wurden geteilt, Beeren und Pilze gesammelt.

Camp 3 war am nächsten Tag mittags erreicht, jetzt wurde der Proviant aufgefüllt. Zuvor musste der breite Rio Azopado überquert werden, dazu wurde ein Seil gespannt, in das man seinen Klettergurt einhängte. Ein cooles Erlebnis für die Münsingerin. Die Strecke wurde immer sumpfiger. "Bei jedem Schritt musste man aufpassen, nicht in ein Moorloch zu tappen", so Tanja Schwenk. Um verlorene Zeit wieder aufzuholen, wurde das Marschtempo verschärft. Das galt vor allem für den Folgetag, an dem man von 7 bis 22 Uhr unterwegs war, ehe das reguläre Camp 5 erreicht war. Dorthin ging es in die Darwin-Bergkette hinein mit Geröll- und Schneefeldern und dem ersten Ausfall, als einer der Teilnehmer, Marc, sich das Knie verdrehte. Sein Gepäck wurde aufgeteilt, so dass er das Lager noch aus eigener Kraft erreichen konnte.

Am 24. März waren 18 Kilometer zu meistern, das Ziel lag an einem Gletschersee, wo man sich mit eiskaltem Wasser waschen konnte. "Das war ein wunderschöner Platz in den Bergen, über einem kreisten die Kondore und es zogen bizarre Wolkenformationen hinweg", so die Münsingerin.

Am nächsten Tag ging es zunächst noch einmal hinauf, ehe der lange Abstieg begann. Der Untergrund wurde trockener. Als Tanja Schwenk über einen Bach springen wollte, passierte es. Sie glitt aus und schlug voll mit dem Knie auf, das schnell anschwoll. Sie konnte zwar noch weitermarschieren, doch Anwinkeln erwies sich als problematisch. Kurz vor Camp 7 war wieder ein Fluss zu durchqueren. Dazu wurde in Brusthöhe ein Seil gespannt, an dem man sich gegen die starke Strömung kämpfend herüberzog. Man spürte bereits die Nähe des Meeres und am nächsten Fluss wartete eine Gaucho-Frau mit Pferden, auf deren Rücken die Teilnehmer ausnahmsweise trockenen Fußes herüberkamen. Bald war der Yendegaia-Fjord erreicht, wo man die Mitglieder des anderen Teams wieder traf, die das Kap Horn umsegelt hatten. Erstmals gab es nach vielen Tagen etwas anderes zu essen als Nudeln: Rindfleisch vom Grill. Wegen ihres lädierten Knies konnte Tanja Schwenk die Kanutour am nächsten Tag nicht bestreiten, fuhr im Schiff mit "Team blau" nach Puerto Navarino. Dort stand noch einmal eine 55 Kilometer lange Tour mit Mountainbikes an. Die Münsingerin versuchte mitzufahren, musste aber nach einem Kilometer aufgeben, fuhr dann in einem Pick Up mit, der auch weitere "Aussteiger" einsammelte. Mit dem gesamten Team legte sie schließlich die letzten vier Kilometer nach Puerto Williams zu Fuß zurück. An der "südlichsten Bar der Welt", die in einem ausgemusterten Schiff eingerichtet ist, wurde am Abend kräftig gefeiert. Am 28. Februar flog man nach Punta Arenas zurück, die südlichste Großstadt der Welt, wo am Abend die Abschlussveranstaltung stattfand, ehe am nächsten Tag die Heimreise angetreten wurde. Am 2. März um 22 Uhr war die Reise für Tanja Schwenk zu Ende. Sie brachte einen mächtigen Muskelkater mit und die Erinnerungen an eine spannende Reise, die sie an ihre physischen Grenzen brachte. "Aber selbst wenn man fix und alle ist, kann man noch weitermachen", sagt sie.

Das gemeinsame Ziel, die gemeinsamen Entbehrungen, all das habe die Expeditionsteilnehmer zusammengeschweißt: "Man konnte sich auf jeden einzelnen verlassen". Auch in der Sturmnacht, die ihr unvergessen bleiben wird, sei niemand in Panik geraten. Spannend fand sie es, sich in unwegsamem Gelände zu orientieren und durchzukämpfen. Schon jetzt freut sie sich auf das Nachtreffen, darauf, die anderen Teilnehmer, die Freunde geworden sind, wiederzusehen.

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