Münsingen Offenheit verhindert Schuldgefühle

Mitglieder der Ökumenischen Sitzwachengruppe unterstützen Todkranke und deren Familien. Foto: Heike Feuchter
Mitglieder der Ökumenischen Sitzwachengruppe unterstützen Todkranke und deren Familien. Foto: Heike Feuchter
HEIKE FEUCHTER 15.02.2012
Dem Thema "Trauer und Schuld" widmete sich Pfarrerin Barbara Vollmer- Backhaus in ihrem Vortrag am Montagabend vor rund 50 Zuhörern. Veranstalter war die Ökumenische Sitzwachengruppe.

Der Abschied von einer geliebten Person gehört zum Schwersten im Leben eines Menschen und überfordert viele Angehörige. Die Sitzwachengruppe steht dem Todkranken und seiner Familie im Sterbeprozess zur Seite, das offene Angebot des Trauercafés bietet Hilfe durch Austausch und Gemeinschaft.

Der Tod eines nahen Angehörigen löst aber oftmals auch Schuldgefühle aus, die sich neben Trauer und Verzweiflung sehr belastend auf die Verarbeitung des Verlustes auswirken können. Diesen Schuldgefühlen ging Barbara Vollmer- Backhaus auf den Grund, beleuchtete Ursachen, Wege und Lösungen. Sie stellte den christlichen Aspekt von Sühne und Schuld dar und ging auf den Machtmissbrauch ein, den die Kirche jahrhundertelang mit Begriffen wie Höllenqualen oder Folter für Verfehlungen trieb: "Da hat die Kirche Fehler in Lehre und Praxis betrieben". Demokratie und liberaler Lebenswandel haben Themen wie Sühne und Schuld unpopulär gemacht - und doch springen die Themen die Menschen an, bleiben nicht außen vor, führte die Theologin aus. Einfühlsam und sensibel ging die Referentin auf die Entstehung von Schuldgefühlen nach dem Verlust eines lieben Menschen ein, praxisorientierte Beispiele und Zitate beleuchteten die Thematik von verschiedenen Seiten und aus unterschiedlichen Lebenssituationen. Oftmals entstünden negative Gefühle durch ungeklärte Beziehungen zum Verstorbenen, durch Ungesagtes, Ungeändertes. Die Furcht, etwas versäumt zu haben, nicht perfekt gewesen zu sein belaste und löse Schuldgefühle aus: "Den Anspruch, jedem und allem gerecht zu werden, kann kein Mensch erfüllen, jedem bleiben wir trotz aller Hingabe etwas schuldig". Einen Lösungsansatz sah die Theologin im offenen Gespräch in Partnerschaft und Familie: Absprachen, Kompromisse, Zurückstecken, Rücksichtnahme sowie ein ausgeglichenes Geben und Nehmen. Je ausgeglichener diese Verhältnisse in einer Beziehung gelebt würden, desto weniger habe Schuld einen Platz in der Trauer. Ein schwieriger Weg aus der Trauer ist die Schuldverdrängung. Nicht wahrhaben wollen, was versäumt wurde oder wie der andere eigentlich war, bewahre nur vermeintlich vor Enttäuschung.

Oftmals werde der Verstorbene idealisiert, wichtig sei jedoch das echte Bild des Verstorbenen zu bewahren, ihn als Menschen mit allen Facetten, Sonnen- und Schattenseiten, Stärken und Schwächen zu sehen: "Keiner in einer Beziehung ist perfekt - auch der Verstorbene war es nicht." Diese Akzeptanz erweise größere Ehre als jede Idealisierung. Gelänge es, beide Seiten zu sehen, im Trauerprozess die richtige Balance zwischen eigener Schuld und der des Verstorbenen zu finden, könne besser mit Schuldgefühlen umgegangen werden, erläuterte die Pfarrerin und verwies auf das Buch "Trauern" von Verena Kast, erschienen im Kreuz Verlag.

Info Das Trauercafé findet jeden letzten Freitag im Monat zwischen 17 und 18.30 Uhr in der Begegnungsstätte Germania statt.