Münsingen / Von Reiner Frenz Der FDP-Ortsvereinsvorsitzende Helmut Kaden legt sein Amt nieder und blickt im Gespräch mit unserer Zeitung auf eine spannende Zeit zurück.

Ist die Münsinger FDP ohne Helmut Kaden denkbar? Wohl kaum, ist man spontan geneigt zu sagen. Seit 46 Jahren steht er an der Spitze des Ortsverbandes, den er seinerzeit gemeinsam mit dem damaligen ALB BOTE-Redakteur Hagen Kluck und dem 1. Landesbeamten am Landratsamt Münsingen Albert Greiner gegründet hatte. Eine halbe Ewigkeit, in der Politik ohnehin. Dass der 78-Jährige einmal auf eine derartige kommunalpolitische Karriere würde zurückblicken können, das hätte er in jungen Jahren nicht glauben mögen.

Kein Glück mit Medizin

Da versuchte sich der gebürtige Reutlinger nach dem Schulabschluss zunächst einmal am Studium der Medizin – und scheiterte krachend: „Wenn der Chirurg an einem schönen Mädle das Messer ansetzte und ich das Blut fließen sah, war ich sofort weg“, lacht er heute zurückblickend. Da konnte schließlich nur ein Fachwechsel helfen, der in die Pädagogik führte. Beim Studium lernte er seine spätere Frau Elke kennen. Diese bekam eine Stelle an der Zwergschule in Magolsheim, wohin man auch ins Lehrerhäusle zog, kurz zuvor verheiratet, weil das damals sonst nicht gegangen wäre. Helmut Kaden unterrichtete im ersten Jahr als frisch gebackener Lehrer in Eglingen, weiß noch gut, dass er an manchem Wintertag drei Stunden vor Unterrichtsbeginn schon mitten in der Nacht losfuhr, weil er die nicht geräumte Steige nur zu Fuß bewältigen konnte. Es folgte ein Jahr in Ennabeuren, ehe Helmut Kaden an die Münsinger Schillerschule versetzt wurde, an der er 39 Jahre lang unterrichtete. 1974 zogen die Kadens nach Münsingen, wo sie ein Haus gebaut hatten.

Im Jahr zuvor war der Pädagoge zu einer privaten Diskussionsrunde eingeladen worden, an der Helmut Haussmann, der spätere FDP-Generalsekretär und Bundeswirtschaftsminister, teilnahm: „Haussmann hat mir mit seinen Gedanken und Ideen und seiner geradlinigen Art schwer imponiert“, blickt Kaden zurück: „Am nächsten Tag bin ich in die FDP eingetreten.“ Damit erteilte er der CDU eine Abfuhr, deren Staatssekretär Ventur Schöttle ihm zuvor einen „schönen Posten“ in seiner Partei versprochen hatte.

Und dann war es eben der umtriebige Redakteur Hagen Kluck, der Albert Greiner und Helmut Kaden zur Ortsvereinsgründung gewinnen konnte, was 1973 geschah. Er kandidierte auch gleich 1975 für den Gemeinderat und wurde prompt gewählt. Gerne erinnert er sich an die ersten Jahre, als Heinz Kälberer Schultes war, als man in den Nachsitzungen bei Bäcker Hans Gaub oft bis zum frühen Morgen fraktionsübergreifend zusammensaß und tatsächlich manche kommunalpolitische Weiche stellte. Mehrfach änderte die Fraktion ihren Namen, bis mit „Liberale Bürger“ der ideale gefunden war, deren Fraktionsvorsitzender Helmut Kaden von 1980 bis 2009 war.

1984 war er Zweitkandidat für die Landtagswahl und 1992 gar Erstkandidat der FDP im „Bananenwahlkreis“, „aus Anstand“. Aus seinem Wahlkampf in Erinnerung sind ihm vor allem die Veranstaltungen mit dem damaligen Bundesaußenminister Klaus Kinkel, der ja jüngst verstorben ist. Der Hechinger fühlte sich mit Kaden verbunden, rief ihn sogar aus seinem Dienstwagen heraus an, erkundigte sich nach dem Verlauf des Wahlkampfs, gab dem Münsinger Tipps: „Kinkel hat mir Mut gemacht, dafür bin ich ihm noch heute dankbar“, so Helmut Kaden. Mit dem Wahlergebnis konnte er am Ende sehr zufrieden sein, lag er doch über dem Landesdurchschnitt.

Im Hause Kaden traf übrigens immer wieder Politikprominenz ein, so Lieselotte Funke als Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, so der Bundesinnenminister Gerhart Baum, von dem Kaden wusste, dass er Pralinen mochte: „Im Café Rauscher kaufte ich kräftig ein und Baum verputzte das Pfund Pralinen während einer Telefonaktion ratzeputz“, lacht Kaden.

Baum mochte Pralinen

Helmut Kaden war immer ein Menschenfänger, einer, der auf die Leute zugehen, mit ihnen reden, sie überzeugen konnte von den liberalen Grundsätzen. Zu denen, die er für die FDP begeistern konnte, zählten Dr. Horst Glück und dessen Sohn Andreas, der sich anschickt, Politik in Brüssel zu machen, was Kaden mit einem lachendem und auch einem weinenden Auge sieht: Die Liberalen werden wohl ein bis zwei Sitze im Münsinger Gemeinderat verlieren, weil ihr Stimmkönig dort nicht mehr antritt.

Zu den Erfolgen, die er mit seinem Parteifreunden erzielen konnte, zählt der Münsinger Friedwald, für den er fünf Jahre lang Vorarbeit leistete und zuletzt noch gegen den Widerstand des katholischen Bischofs Fürst ankämpfen musste. Auch die Ablehnung eines Ritterlandes in Münsingen schreibt sich Kaden auf die Fahnen.

Monatlicher Stammtisch, Betriebsbesichtigungen, bald steht der 92. Firmenbesuch an: Die Liberalen sind vor allem dank Helmut Kaden in und Münsingen so aktiv und rege wie wohl kaum andernorts im Land. Das zahlt sich aus: 79 Mitglieder zählt der Ortsverein aktuell, das sind mehr als im fast zehnmal so großen Reutlingen. Zehn neue Mitglieder konnte Kaden im vergangenen halben Jahr gewinnen. Bis zum Schluss hat er also alles für seine Partei getan, freut sich aber doch, jetzt das Ruder aus der Hand geben zu können. Gesundheitlich geht es ihm zwar nach Krebsdiagnose vor einem Jahr – „ein Schuss vor den Bug“ – vergleichsweise sehr gut, doch es sei jetzt an der Zeit, zur Ruhe zu kommen.

Und er werde auf jeden Fall loslassen, nicht eine Art Schatten-Vorsitzender sein, was er seinem designierten Nachfolger Wolfgang Reiser auch so zu verstehen gegeben habe. Helmut Kaden, der Strippenzieher im Hintergrund, hat sich über alle Maße für die Münsinger Liberalen eingesetzt. Das werden sie ihm am Donnerstag, 21. März, auch danken, wenn im Stationsbuffet seine Verabschiedung ansteht.

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