Münsingen Musik mit Zug drin - und mit Pfiff

Münsingen / OTTO PAUL BURKHARDT 11.06.2012
So ein Konzert gibt es nicht alle Tage. Es riecht nach Öl. Vorn stehen sechs Hebebühnen. Und unterm Sitz sieht man Schienen. Die Philharmonie spielt im Lokschuppen - aber wie! Schmissig, wuchtig, zügig, mit Pfiff.

Es war ja mehr als "nur" ein Konzert - es war ein gelungenes Treffen von Musik, Technik und Kulinarik. Klassik-Fans und Bahn-Freunde (oft auch in Personalunion) genossen gemeinsam einen Benefizabend mit Orchesterklängen und regionalen Spezialitäten (Motto: "Unter Dampf") - alles zu Gunsten "dieser Dame da draußen", wie Bernd-Matthias Weckler, der Vorsitzende der Schwäbische-Alb-Bahn (SAB), launig verkündete.

Direkt vorm Lokschuppen stand sie denn auch, die stolze Dampflok 86 346 Baujahr 1938, von der es im Steckbrief heißt: Gewicht 84 Tonnen, Wasser 9 Kubikmeter, Kohle 4 Tonnen, Gestängebauart. Und irgendwie verstehen auch Bahnlaien, dass dieser mächtige Stahlkoloss in voller Fahrt ein Faszinosum sein kann. Überhaupt, die ersten feurigen Dampfrösser im 19. Jahrhundert wirkten wie ein Versprechen: Verheißung, Fernweh, Aufbruchstimmung. Kein Wunder, dass damals ein Ärztegutachten als Tempofolgeschaden bei Zugbenutzern ein "delirium furiosum" befürchtete. Trotzdem ließen sich auch Komponisten vom Eindruck der ersten Lokomotiven anstecken, die manchen wie feuerspeiende Ungetüme vorkamen. Doch davon später.

Weckler hofft, dass die "86er" 2013 auf der Alb wieder fahren wird. Oder wieder schnaufen wird, wie es hier heißt. Damit das Publikum spenden kann, ließ Landrat Thomas Reumann stilgerecht eine Ölkanne durchgehen. Zur Pause zählte SAB-Schriftführer Simon Niemann bereits 1743 Euro. Die "Dame" ließ zum Dank ihre Frontlichter aufleuchten. Und wie eröffnete Weckler das Konzert? Na klar, ebenfalls stilgerecht mit einem gellenden Pfiff.

Die Württembergische Philharmonie Reutlingen (WPR), erzählt Intendant Cornelius Grube, spielt normalerweise in klassischen Konzertsälen - durchaus weltweit: im Wiener Musikverein etwa oder in der Suntory Hall Tokio. Jetzt also in Münsingen und dann noch in einem Lokschuppen: eine doppelte Premiere.

Die Musik? Ein Erlebnis. Es zischt und faucht, es stampft und hämmert. Und immer wieder schrille Pfiffe: So klingt es, wenn Musik eine Zugfahrt beschreibt. Ein Konzert mit viel Tonmalerei - und die Philharmonie unter Thomas Herzog ließ es richtig krachen. Gleich bei Meyerbeers "Festouvertüre" zur Londoner Weltausstellung 1862, blies das Orchester "im Marschstyl" dem Publikum ein Fortissimo entgegen, dass die Wände wackelten. Mit Aaron Coplands "John Henry. A Railroad Ballad" gings dann musikalisch ab in den Wilden Westen und zurück in die Zeiten des Schienenbaus, der viele Opfer forderte: John Henry, erzählt Grube, kam dabei ums Leben - beim heldenhaften Wettkampf zwischen der menschlichen Arbeitskraft und einer neuartigen Tunnelbohr-Maschine. Die Philharmonie stürzte sich mit Verve in Coplands kontrastreiches Stück - zwischen grellen Dissonanzen und großen, strahlenden Melodien am weiten Westernhorizont. Überhaupt, der Schienenbau: In "Constructions of the Railroad" des Mexikaners Silvestre Revueltas klang das Orchester wie live von der Baustelle, und in "Railway Fugue" des Schweden Hilding Rosenberg wuchert klangmalerisch ein "Gleisgewirr" - in gewaltigem Crescendo.

Fast vergessen: Fußball. Dass der Lokschuppen trotz des deutschen EM-Auftaktspiels ausverkauft war, zeigt wieder mal, dass das Leben, dass das Bedürfnis nach Kultur deswegen nicht stillsteht. Immerhin, der Landrat hatte einen guten Riecher: 1:0 durch Philipp Lahm in der 63. Minute, lautete Reumanns Voraussage. In der Konzert-Halbzeit jedenfalls gönnte sich das Publikum, schwer beeindruckt von der knalligen Akustik des Lokschuppens, regionale Spezialitäten, Kulinarisches wie Bremelauer Weiderind oder Ehestetter Champignons - auch wenns, um im Bild zu bleiben, etwas "zugig" geworden war.

Die zweite Hälfte: leichter, beschwingter. Vor allem im "Kopenhagener Eisenbahn-Dampf-Galopp" von Hans Christian Lumbye, dem dänischen Johann Strauß, versprühte das Orchester mit Glöckchen-Sounds und Dampf-Geräuschen viel Charme - und im Lokschuppen herrschte alsbald eine lockere Stimmung, fast wie bei den Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker. Bei der Schnellpolka "Mit Dampf" zeigte das Orchester, dass es auch im leichten Genre zupacken kann: Kirmesmusik mit mächtig Tschingderassabum. Der folgende Walzer aus Richard Rodney Bennetts Filmmusik zu "Mord im Orient-Express" wurde zum glanzvollsten Stück des Abends, toll gespielt: in glamouröser Hollywood-Manier und vollster Ravelscher Orchesterpracht.

Getoppt wurde das alles nur noch vom Klassiker der Eisenbahnmusik, von Arthur Honeggers "Pacific 231" (1923/24), benannt nach der damals schnellsten Dampflok. Die Philharmonie machte ein tönendes Kolossalgemälde daraus - vom Stillstand mit leisem Zischen übers Anfahren bis hin zur furiosen Volltempo-Fahrt mit Trommeldonner und bratzendem Blech. Bis die Lok bremst und ächzend wieder zur Ruhe kommt: Kompliment ans Orchester!

Die neue Reutlinger Stadthalle wird Anfang 2013 eröffnet. Noch sechs Monate muss sich die Philharmonie also mit der altgedienten, aber akustisch saumäßigen Listhalle begnügen. "Das halten wir aus", sagt Grube. Weckler kann sich gut vorstellen, dass das Orchester bald wieder in Münsingen spielt. Er hofft auf viele Besucher seiner Bahnfahrten: "Kommet Se, bsuchet Se ons!" Dazu passte auch die Zugabe: Johann Strauß "Vergnügungszug".

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