Nach fast 18 Jahren hat der Gynäkologe Bernd Angermann seine Frauenarztpraxis in Münsingen jetzt aufgegeben und freut sich auf das Leben als Ruheständler. Schon zwei Jahre zuvor hatte er den Belegarztvertrag mit den Kreiskliniken nicht mehr verlängert und war daher neben der Arbeit in seiner Praxis nicht mehr zusätzlich als Bereitschaftsarzt für die Geburtshilfe an der Albklinik im Einsatz. Genau diese berufliche Doppelrolle hatte zusehends an den Kraftreserven des heute 66-Jährigen gezehrt, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung hervorhebt. Er hat jetzt seine Kassenzulassung abgegeben, am Dienstag vergangener Woche seinen letzten Arbeitstag in der Praxis gehabt. „Jetzt freue ich mich darauf, endlich einmal ohne schlechtes Gewissen nichts tun zu dürfen“.

Berufswunsch Lehrer

Ein Luxus, der dem engagierten Mediziner in seinem Berufsleben nicht vergönnt war. Eigentlich hatte er nie im Sinn gehabt, Arzt zu werden. „Mein Wunsch war, als Lehrer an einem Gymnasium zu unterrichten“. Doch als 18-Jähriger wurde er als Beifahrer bei einem Autounfall sehr schwer an den Stimmbändern und dem Kehlkopf verletzt. Mehrere Monate lang konnte er nur mit einer Luftröhrenkanüle atmen, seine Stimmbänder wuchsen zusammen und mussten operativ getrennt werden. Ein ganzes Jahr und neun Operationen später erklärten ihm die Ärzte, nun nichts mehr für ihn tun zu können. Es war klar, dass ein Beruf, bei dem er viel reden muss oder – Architekt stand ursprünglich ebenfalls auf seiner Wunschliste – auch mal schwere Sachen tragen, nicht mehr in Frage kam. „Meine Wahl fiel auf Medizin, ich hatte das Gefühl, mich da bereits gut auszukennen“. Das Abitur legte er unter erschwerten Bedingungen ab, überbrückte die Zeit bis zum Beginn des Studiums im Februar 1980 als Krankenpflegehelfer. Im Sommer 1987 begann er mit seiner Facharztausbildung an der Kreisklinik in Schorndorf, war dort in der Geburtshilfeabteilung eingesetzt. Sechs Jahre später wechselte er als Oberarzt an die gynäkologische Geburtshilfeabteilung am Klinikum am Plattenwald in Bad Friedrichshall und arbeitete dort neun Jahre lang – dann entdeckte er die Anzeige, mit der ein „Praxisnachfolger“ im Kreis Reutlingen gesucht wurde. „Ich habe am 1. August 2002 die Praxis von Günter Thunemann übernommen, der 27 Jahre lang als Frauenarzt in Münsingen gearbeitet hat“. Dieser hatte auch das Belegarztmodell für Geburtshilfe an der Albklinik eingerichtet. „Obwohl mir meine damaligen Kollegen davon abgeraten haben, war mir klar, dass ich dies natürlich fortführen werde“. Zu Beginn waren es 250 Geburten jährlich, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Gerhard Schnitzer als Belegarzt begleitet hat. Die Zahl stieg kontinuierlich an und lag zuletzt bei 543 Babys, die in der Albklinik auf die Welt kamen. „Das war nicht mehr zu schaffen“, unterstreicht Angermann.

Geburten nicht planbar

In den Jahren als praktizierender Gynäkologe und Belegarzt hat die „Nichtplanbarkeit“ den Alltag dominiert. „Wenn ich Rufbereitschaft hatte, musste ich zu jeder Tages- und Nachtzeit so schnell wie möglich in der Klinik sein“. Jeder der beiden Ärzte war unter der Woche mit Ausnahme eines freien Nachmittags für seine Patientinnen da, wenn diese zur Geburt in die Klinik kamen. An den Wochenenden und im Urlaub haben sie sich abgewechselt. „Wenn wir Freunde eingeladen haben, kam garantiert ein Notfall dazwischen“. Ohne die verlässliche Unterstützung seiner Frau und die Akzeptanz seiner Tochter hätte das nie funktioniert, zeigt sich Angermann dankbar für den Rückhalt in der Familie. „Geburten sind eben nicht planbar“.
Damit mussten auch die Patientinnen in seiner Praxis leben und gegebenenfalls lange Wartezeiten akzeptieren oder gar ein zweites Mal kommen. „Aber es war mir immer wichtig, den Patientinnen die Zeit zu geben, die für sie notwendig war, um ihnen eine Therapie zu erklären oder Fragen zu beantworten“. Entscheidend waren für Angermann die Erlebnisse in dem Jahr nach seinem Unfall, als die Ärzte ihm nicht allzu viel erläutert hatten. „Das hat mich geprägt“. Seinem Mitarbeiterteam zollt er Anerkennung. „Ich bin dankbar, dass sie alle Unwägbarkeiten in dem nicht berechenbaren Praxisalltag mitgemacht haben“. Das gelte natürlich auch für „die tolle Leistung der Hebammen“ an der Albklinik. „Den Erfolg der Geburtshilfe mit ihren permanent steigenden Zahlen haben wir als gut funktionierendes Team, das sich aufeinander verlassen konnte, erreicht“, unterstreicht er.

„Stolz“ gemacht

Neben der Geburtshilfe waren er und sein Kollege auch als Konsiliarärzte an der Albklinik für die interne Begutachtung von Patienten aus anderen Abteilungen bei Verdacht auf gynäkologische Befunde zuständig und haben Operationen ausgeführt. „Wir waren für die Patienten sozusagen die gynäkologische Abteilung, obwohl wir ja eigentlich niedergelassene Ärzte waren“. Und genau das hat ihnen auch noch vier oder fünf weitere Wochenenddienste im Jahr beschert, weil sie von den Kassen – im Unterschied zur Praxis beispielsweise in Bayern – in den Notfalldienst eingebunden worden sind. „Für die benötigten Fortbildungen blieb natürlich auch nur an den Wochenenden Zeit“. Als Selbständiger musste sich Angermann zudem um die Bürokratie in der Praxis genauso kümmern wie ihn die Umsetzung immer neuer technischer Vorschriften und Anforderungen beschäftigt hat. „Obendrein hat das alles Geld gekostet und war oft einige Zeit später bereits wieder überflüssig“. Doch unterm Strich hat ihn die Arbeit als Arzt natürlich auch ein bisschen „stolz“ gemacht. „Es war schön, dass unsere ‚Abteilung’ so gut funktioniert hat“. So hat er nie daran gedacht, den Beruf zu wechseln. „Ich habe als Arzt hier begonnen und es war klar, dass ich weitermache“.
Umso mehr freut er sich jetzt auf sein Leben als Pensionär, auf Zeit für Sport, das Haus und den Garten sowie Freunde. „All das ist viel zu kurz gekommen“. Und er freut sich darauf, all das zusammen mit seiner Frau genießen zu können, die zum Ende des Schuljahrs als Lehrerin an der Lautertalschule ebenfalls in den Ruhestand gehen wird.