Kino Moll-Töne zu traurigen Szenen

Roger Makowski stimmt zum Chaplin-Streifen „Goldrausch“ im Tonfilmtheater in Böttingen an.
Roger Makowski stimmt zum Chaplin-Streifen „Goldrausch“ im Tonfilmtheater in Böttingen an. © Foto: Joachim Lenk
Böttingen / Joachim Lenk 14.03.2018

Wer vor 100 Jahren ins Kino ging, konnte auf der Leinwand zwar bewegte Schwarz-Weiß-Bilder sehen, jedoch ohne Ton. Damals war die Technik noch nicht soweit. Um zu wissen, was in den Filmen passierte, wurden Zwischentitel eingeblendet. Ab und zu begleitete ein Erzähler die Vorstellung. Die Musik kam, je nach Lichtspielhaus, von einem Grammophon, einem Orchester, einem selbstspielenden Piano oder einem Klavierspieler.

Nächsten Monat am Freitag, 27. April, haben Ci­ne­asten und Fans von Stummfilmen nach mehr als einem Jahrhundert wieder die Möglichkeit, einen Klassiker ohne Worte auf der Leinwand zu sehen: Charlie Chaplins „Goldrausch“, untermalt mit Klaviermusik, so wie anno dazumal.

Möglich macht das das Truppen-Tonfilm-Theater in Böttingen, das seit vergangenem Juli zweimal pro Woche alte Blockbuster auf die Leinwand bringt (wir berichteten). „Und zwar Tonfilme in Schwarz-Weiß oder in Farbe“, berichtet Hans-Jochen Kraft, der zusammen mit seiner Frau Sandra das Nostalgiekino betreibt.

Die Idee, im Mitte der 1930er-Jahre gebauten Truppen-Tonfilm-Theater einen Stummfilm mit muskalischer Liveuntermalung zu zeigen, hatte Kraft schon lange. Konkret wurde die Idee, als der Kinobetreiber ein originales Kinoklavier für schlappe 50 Euro aus dem inzwischen abgerissenen Lichtspielhaus Kali in Reutlingen kaufen konnte.

Instrument von 1890

Krafts Bekannter Roger Makowski aus Hayingen stimmte das Instrument aus dem Jahr 1890. Nach kurzem Überlegen waren sich die beiden Männer einig, einen Stummfilm mit Livemusik im Kino zu zeigen. Gemeinsam fuhr man ins Theater am Torbogen in Rottenburg (Landkreis Tübingen), um dort einen Stummfilm-Nachmittag mit Klavierbegleitung live zu erleben, den es dort schon seit geraumer Zeit gibt.

„Das war ein tolles Event“, schwärmen Kraft und Makowski. Sie wissen, dass es nicht mehr viele Kinos in Europa gibt, die so etwas Spezielles anbieten. Spontan fallen Kraft Lichtspielhäuser in Wien, Dresden, Berlin, Zürich und Locarno ein. Und: Aktuell findet in Karlsruhe das 16. Stummfilmfestival statt.

Begleitung ist neu

„Und bald kommt Böttingen hinzu“, schmunzelt Makowski, der sich schon auf Chaplins „Goldrausch“ vorbereitet, der als ein Meisterwerk der Stummfilmzeit gilt. Der 54-jährige Pianist spielt schon seit seinem zehnten Lebensjahr Klavier. Die Stummfilm-Begleitung ist für ihn jedoch neu.

96 Minuten dauert der Film aus dem Jahr 1925. „So lange zu spielen, ist anstrengend, aber eine Herausforderung“, sagt Makowski, der während der Vorführung links neben der Leinwand in die Tasten haut. „Ich habe den Film ständig im Auge, damit alles passt“, erklärt der Musiker, der seiner musikalischen Fantasie freien Lauf lässt und eigene Ideen einbringt. Er liebt es, zu improvisieren. Um durchzuhalten, gönnt sich der Pianist anstatt der obligatorischen Klavierbank einen Stuhl mit Rückenlehne.

„Mit der rechten Hand spiele ich die Melodie, mit der linken die passende Begleitung“, erklärt der Hayinger, der mit seinem Partner im „Stadtschloss“ ein Café betreibt, wo er, zur Freude der Gäste, ab und zu in die Tasten haut.

Wenn es in Chaplins „Goldrausch“ traurig zugeht, untermalt Makowski die Szene mit Moll-Tönen, Gewitter mit einem doppeltverminderten Septakkord und Liebesszenen mit Walzertönen. Man darf also gespannt sein.

Wer sich dieses einmalige Erlebnis nicht entgehen lassen möchte, muss sich sputen. Nach Auskunft des Tonfilm-Theater-Betreibers sind schon mehr als die Hälfte der 72 Eintrittskarten im Vorverkauf weggegangen.

Weitere Informationen zum Film

Der Streifen „Goldrausch“ aus dem Jahr 1925 mit Klavierbegleitung von Pianist Roger Makowski ist am Freitag, 27. April, von 19 Uhr an im Tonfilm-Theater am Alten Lager in Böttingen in der Hahnsteig 11 zu sehen. Der Film ist für Kinder von sechs Jahren an freigegeben. Der Eintritt beträgt zwölf Euro. Weitere Informationen gibt es unter www.Tonfilm-Theater.de im Internet. lejo

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