Nicht jedes Kind, das verhaltensauffällig ist, ist automatisch Autist oder hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Doch häufig gehen beide Entwicklungsstörungen mit einem speziellen Schülerverhalten einher, ohne dass sie diagnostiziert werden. Das stellt für die Persönlichkeitsentwicklung und das Wohlbefinden der Schüler sowie für das Gelingen des Schulalltags ein großes Problem dar.

"Es gibt an allen Schulen Kinder mit Asperger Autismus und ADHS. Allerdings wissen Lehrkräfte oft nicht, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollen. Das wird durch die stattfindende Inklusion immer schwieriger", sagt Manuela Sailer-Müllerschön, Schulsozialarbeiterin an der Gustav-Heinemann-Schule. 43 Kinder werden hier unterrichtet, außerdem befinden sich weitere 30 Kinder im inklusiven Unterricht an anderen Schulen. Davon sind laut Sailer-Müllerschön fast 50 Prozent verhaltensauffällig. Aus diesem Grund hat die Förderschule zu ihrem pädagogischen Tag Spezialisten eingeladen, die Lehrer, Schulsozialarbeiter, Eltern und Erzieherinnen von Kindergärten über Asperger Autismus und ADHS informierten. "Wir wollen wissen, wie man betroffenen Kindern besser begegnen und was man ihnen im Unterricht anbieten kann, ohne sie zu überfordern". Dr. Gottfried Mario Barth ist Kinder- und Jugendpsychiater in Tübingen und sprach über das Spannungsfeld beim Asperger Autismus, der bis zur absoluten Grenze belasten kann.

"Entscheidend ist zu merken, dass da jemand autistisch tickt", meinte er. Denn ein Autist nehme die Welt und Situationen anders wahr und handle anders. Er könne Gestik, Mimik, Tonfall und Blickkontakt seines Gegenübers nicht einordnen und dahinter stehende Gefühle nicht nachempfinden. Das mache ihm Angst. Es fehle ihm an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Was Autisten brauchen, so Dr. Barth, seien geregelte Tagesabläufe ohne Abweichungen. Und sie brauchen gesonderte Schulen und Lehrer, die auf Autismus eingestellt sind. "Lehrer sitzen an zentraler Stelle, deshalb sollte auch ihr Verdacht auf Asperger-Syndrom ernst genommen werden". Mittlerweile leiden rund zwei Prozent aller Kinder in Deutschland daran, die Ursachen sind nach wie vor ungeklärt. Autismus ist keine Krankheit, sondern eine Persönlichkeitseigenschaft mit besonderen Fähigkeiten, die nicht ins übliche Raster passen. Heilung gibt es nicht, häufig aber verfügen Autisten über außergewöhnliche Begabungen. Auffällig werden sie, weil sie sozial inaktiv sind, nicht sprachlich kommunizieren und keinen Blickkontakt halten, darüber hinaus zeigen sie Widerstand gegen Veränderungen und bestehen auf Wiederholungen. Was in der Allgemeinheit skurril wirkt, macht im Erleben eines Autisten Sinn. "Autisten brauchen Rücksicht, aber Verrücktheiten sollte man nicht mitmachen", riet der Referent.

Häufig wird das Asperger-Syndrom von Ängsten, ADHS, Zwängen, Phobien und Tourette begleitet. Insbesondere die Überschneidung mit ADHS kommt häufig vor. ADHS kann medikamentös behandelt werden, Autismus nicht. Menschen mit ADHS können sich nur schwer konzentrieren, sind einfach abzulenken und reagieren sehr impulsiv. "Schulen müssen sich auf Autismus und ADHS einstellen, nicht anders herum", so Dr. Barth. Das Problem sei allerdings, dass die Schulen auf die damit einhergehenden Aufgaben nicht vorbereitet seien. Sein Appell: "Nutzen sie die Möglichkeit einer zusätzlichen Unterrichtsbegleitung. Davon kann eine ganze Klasse profitieren".