Der Vergleich kommt aus der Runde und wird sogleich relativiert. Das Jubiläumsjahr zur Reformation gleiche einem Marathonlauf. Es benötige viel Vorbereitung, Ausdauer, es hat unterwegs ordentlich Fahrt aufgenommen, schwierige und leichte Abschnitte gebracht, es war deutlich auf die Begeisterung der Mitstreiter – auf dem Weg selbst und entlang der Strecke – angewiesen und steuerte einem großen Ziel entgegen.  Es ist jener Tag, der vor 500 Jahren eine Zeitenwende markierte: Am 31. Oktober hat Martin Luther seine 95 Thesen in Wittenberg an die Kirchentür geschlagen und sich damit öffentlich gegen Missstände gewandt. Dies war die Geburtsstunde des Protestantismus, ein neues geistliches und geistiges Fundament entstand, auf das bis heute aufgebaut wird.

Der kommende Dienstag markiert also die Ziellinie, auf die alle aus unterschiedlichen Richtungen über Monate, ja sogar Jahre zugesteuert sind. Dem Münsinger Dekan Norbert Braun, er ist erst seit dem 9. Juli im Amt und darf deshalb als Quereinsteiger betrachtet werden, gefällt das Bild vom langen Lauf, „nur von Erschöpfung ist keine Spur“.

Es herrscht Vorfreude. Gefeiert wird die Rückbesinnung der Christen auf seine unveräußerliche Freiheit und Autonomie. Die reformatorische Erkenntnis fasst Pfarrerin Barbara Wurz (Dottingen-Rietheim) so zusammen: „Man bekommt das, was man  von Gott braucht.“ Ohne diesen Leistungsdruck, „der die Menschen zuvor zu Boden gedrückt hat“. Pfarrerin Maren Müller-Klingler ergänzt: „Es bedeutet, dass man etwas ist, ohne etwas sein zu müssen.“ Dieser neue Zugang, die Befreiung aus einer elementaren Angst und Abhängigkeit hin zu einem großen Vertrauen auf Gottes Liebe, findet auch Dekan Norbert Braun ganz wesentlich.  Die Freiheit des selber Denkens und Mitgestaltens der Kirche, das Finden der eigenen Bestimmung und der Berufung bedeute einen Riesenfortschritt.

Nicht alles geht auf das Konto der Reformation. Barbara Wurz bezieht den Humanismus ebenfalls als „Vorboten für die Aufklärung“ mit ein und richtet den Blick nach vorne: „Die neuen Impulse von Freiheit müssen aktuell gehalten werden, sonst rutscht es in die falsche Richtung.“ Das Ende der Feierlichkeiten ist in ihren Augen gleichzeitig ein Anfang. „Die Kirche muss sich permanent reformieren“, gibt auch  der Münsinger Geistliche zu bedenken. „Das stellt für die Zukunft eine wichtige Aufgabe dar.“

Man ist bereit zu lernen. Auch von anderen Konfessionen. Die „schuldbeladene“ Geschichte der evangelischen und katholischen Kirche soll aufgearbeitet, die Ökumene weiter gemeinsam vorangetrieben werden. Zahlreiche „gute Kontakte“ (Maren Müller-Klingler) geben Anlass zur Hoffnung. Es bewegt sich viel.

Wer hätte es sich vor Jahren vorstellen können, dass auch im Münster in Zwiefalten eine „Ökumenische Feierstunde zur Reformation“ (Beginn um 10 Uhr) stattfinden wird?

Christen beider Konfessionen werden bei vielen Veranstaltungen an  Luthers Glaubensgrundsätze erinnern, seinen Weg vom einfachen Mönch zur bedeutenden Figur des 16. Jahrhunderts nachzeichnen und der Frage nachgehen, wie seine Courage in die heutige Zeit übertragbar ist.

In Münsingen wird mit Freude zur Kenntnis genommen, dass viele Jugendliche Interesse für Martin Luther zeigen. „In aller Freiheit“ gehe es darum, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, Werte zu vermitteln und Verantwortung zu übernehmen. „Da kommen die tollsten Ideen“, lobt beispielsweise Barbara Wurz ihre Konfirmanden. Ein Jugendgottesdienst in Trailfingen (Montag, 30. Oktober, 19.30 Uhr in der Andreaskirche) wird unter dem Thema „Freiheit“ stehen, ab 21 Uhr wird dazu ein passender Film gezeigt. Wer möchte, kann im Gemeindehaus übernachten und in der Gemeinschaft in den „Tag der Tage“ starten.

Dass der Dienstag als einmaliger bundesweiter Feiertag begangen wird, ist ein Zeichen für die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Verknüpfungen. Die Veranstaltungen im Vorfeld waren vielseitig, reichten von der ernsthaft-gründlichen Auseinandersetzung bis zum spielerisch-kreativen Umgang. Pfarrerin Maren Müller-Klingler ist durch eine witzige Aktion positiv aufgefallen: „Dr Ludder kommt rom“ brachte dem Förderverein der Martinskirche  Geld  und allen Beteiligten viel Spaß. Die Playmobil-Figur, die mehr als eine Million mal verkauft worden ist, eroberte die Welt. Zwei Beispiele: Eine Stewardess setzte den kleinen Luther ins Cockpit, eine Urlauberin fotografierte ihn auf einem Markt in Südafrika. Auf die Frage, warum er keine dunkle Hautfarbe hat, antwortete sie: „Das ist nicht Martin Luther King. Das ist unser Martin Luther.“ In der SWR-Landesschau wird heute um 18.45 Uhr über die Aktion berichtet.

Gottesdienste und ein Spaziergang zur Trailfinger Andreaskirche


Zum Reformationsjubiläum sind viele Aktionen geplant: Am Montag, 30. Oktober, beginnt um 16.30 Uhr der Reformationsweg von Münsingen nach Trailfingen. Start ist am Gemeindehaus.  Die erste Station ist am Alten Kameralamtsgefängnis, außerdem stimmen sich die Teilnehmer in der Natur an mehreren Stellen auf das Thema ein. Bei der Ankunft in Trailfingen gibt es ein Abendessen im dortigen Gemeindehaus.
Am Dienstag, 31. Oktober, ist um 9 Uhr Gottesdienst in der Trailfinger Andreaskirche. Gäste werden ab 10 Uhr mit einem Kirchenkaffee begrüßt.

Der große Festgottesdienst zum Reformationstag in der Münsinger Martinskirche beginnt um 10.15 Uhr. Er steht unter dem Thema: „Grund zum Feiern – 500 Jahre Reformation“. Mitgestaltet wird er von der Kantorei und dem Posaunenchor. Abgeschlossen wird die Fotoaktion „Dr Ludder kommt rom“. Die Bilder werden präsentiert und der gute Zweck – der Erlös geht an den Förderverein Martinskirche Münsingen – nochmals herausgestellt.

In Auingen ist am Reformationstag um 10 Uhr Gottesdienst, in Buttenhausen ist um 19 Uhr ein Jugendgottesdienst in der Michaels­kirche geplant. Der Gottesdienst wird von Jugendlichen gestaltet und organisiert. In Mehrstetten und in Magolsheim beginnt der Gottesdienst um 19 Uhr. Die Feier in Magolsheim ist auch für die Gemeinden Böttingen, Dottingen und Rietheim gedacht.
Am Sonntag, 5. November, wird das Reformationsjubiläum um 19 Uhr mit einem Gottesdienst in Dottingen gefeiert. Beteiligen werden sich der Kirchenchor und die Konfirmanden.
Geplant ist außerdem am Sonntag, 12. November, 11.15 Uhr, ein Krabbelgottesdienst zum Reformationsjubiläum in Rietheim.