Engstingen Lang den kranken Schultes vertreten

Hat fast vier Jahrzehnte das Geschehen in der Engstinger Kommunalpolitik mitbestimmt: Gemeinderat Werner Freudigmann. Foto: Joachim Lenk
Hat fast vier Jahrzehnte das Geschehen in der Engstinger Kommunalpolitik mitbestimmt: Gemeinderat Werner Freudigmann. Foto: Joachim Lenk
JOACHIM LENK 16.06.2014
Noch eine Sitzung am 25. Juni, dann ist für Werner Freudigmann nach fast vier Jahrzehnten Schluss. Der 63-jährige Unternehmer kehrt nach 39 Jahren dem Engstinger Gemeinderat den Rücken.

Werner Freudigmann, der seit 39 Jahren für die CDU im Engstinger Gemeinderat sitzt, hört im Sommer nach acht Amtsperioden auf. Der heute 63-Jährige, der 1975 erstmals ins Gremium gewählt wurde, ist der einzige Gemeinderat, der alle drei Engstinger Bürgermeister erlebt hat: Kurt Stemmer (1975 bis 1984), Klaus-Peter Kleiner (1984 bis 2013) und Mario Storz (seit 2013). Das Interesse und die Freude an diesem Ehrenamt muss Freudigmann von seinem Vater Valentin geerbt haben, der von 1968 bis 1975 die Geschicke der Gemeinde mitbestimmt hat. Beide waren stellvertretende Bürgermeister. Der Senior während seiner gesamten Amtszeit, der Junior von 1999 bis 2014.

Als Werner Freudigmann vor fast vier Jahrzehnten mit 25 Jahren als Jüngster ins Gremium gewählt wurde, war gerade die Gemeindereform vollzogen. Deshalb tagten er und seine Kollegen noch abwechselnd in Groß- und Kleinengstingen sowie in Kohlstetten. Damals waren ausschließlich Männer am Ratstisch. Zigaretten und Zigarren waren während der Sitzung erlaubt. Die Einwohnerzahl lag bei knapp 3500, auf der Haid marschierten die Soldaten und im Lager Golf lagerten noch Atomsprengköpfe.

Heute sind es fast 1800 Bürger mehr. Aus der Eberhard-Finckh-Kaserne wurde ein blühender Gewerbepark, die atomaren Waffen sind verschrottet. Inzwischen wird ausschließlich im Rathaus in Großengstingen getagt, zu den Kollegen gehören Frauen, und im inzwischen vergrößerten Sitzungssaal wird seit langer Zeit nicht mehr geraucht.

Zu Beginn seiner kommunalpolitischen Karriere hatte Freudigmann großen Respekt vor seinen Ratskollegen. Kein Wunder. Neben ihm saßen sein ehemaliger Kompaniechef Major Peter Groß aus Bundeswehrzeiten, zwei Stühle weiter seine frühere Lehrerin Ingrid Schneider. Ab und zu holte er sich bei ihnen und anderen Gemeinderäten auch mal einen Rat, wenn ihm das eine oder andere kommunalpolitische Thema zu hoch war. Heute ist es anders herum. Jetzt wird Freudigmann von seinen Kollegen gefragt. "Wir haben nie gegeneinander, sondern miteinander, zum Wohle der Gemeinde gearbeitet", sagt der 63-Jährige.

Wer meint, dass so ein Ehrenamt Vorteile bringt, der irrt. Als Freudigmann 1979 einen Bauplatz in Engstingen kaufen wollte, "um eine Familie zu gründen", wurde sein Wunsch abgelehnt. "Damals haben Ledige noch keinen Grund und Boden von der Gemeinde kaufen können, auch keine Gemeinderäte."

In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich in Engstingen viel getan: die Kläranlage in Kohlstetten und der Bauhof wurden gebaut, die Ortskernsanierung in Gang gebracht, das Automuseum eröffnet, das Jugendhaus eingerichtet, neue Baugebiete ausgewiesen, die Feuerwehrgerätehäuser in allen Ortsteilen umgebaut und die Kindergärten erweitert. Ein anderes Thema hat den scheidenden Gemeinderat während seiner acht Amtsperioden ebenfalls beschäftigt: die Schulen in der Gesamtgemeinde. Für sie mussten in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Euro für Renovierungs- und Erneuerungsmaßnahmen ausgegeben werden.

Apropos Schulen. Dass sich Freudigmann für die Waldorfschule am Ort stark gemacht hat und den Lehrern ein ehemaliges Fabrikgelände in der Grieserstraße vermietet hat, haben ihm einst viele Bürger krumm genommen. "Als Gemeinderat steht man immer in der Kritik, weil man es nie allen recht machen kann", weiß Freudigmann. Viel Lob und Anerkennung erhielt der Gemeinderat, als er mit Ratskollegen einen Hilfstransport nach Birthälm in Rumänien und eine Brillensammlung für Afrika organisiert hatte.

"Es hat mir immer Spaß gemacht, auch als ich einige Monate lang den ehemaligen Bürgermeister während seiner schweren Krankheit im Rathaus vertreten musste", sagt Freudigmann rückblickend. "Jetzt ist aber Schluss, jetzt sollen Jüngere die Arbeit im Gemeinderat übernehmen", sagt der 63-Jährige, der noch Mitglied im Zweckverband Gewerbepark Haid und bei der Haid-Energie Strom und Wasser GmbH ist.

Er bedauert, dass es während seiner langen Amtszeit nicht gelungen sei, die Ortschaftsverfassung abzuschaffen, Engstingen mit einer Umgehungsstraße und einem Kreisverkehr auszustatten und keine Patenschaft mit Chur in der Schweiz zustande kam. "Was nicht ist, kann ja noch werden", fügt er hinzu.