Irgendwann, im letzten Sonnenlicht, wenns langsam dunkel wird, beschleicht einen ein seltsam unwirkliches Gefühl - beim Spazieren durch all die stillen Alleen, beim Besichtigen verlassener Bataillonsgebäude, leerstehender Kantinen und nicht mehr genutzter Kapellen. Es ist wie der Besuch einer Geisterstadt: Hier überall war mal Leben drin, und jetzt sieht man nur noch Spuren des Verfalls.

"Wohin man blickt: Nichts bleibt", sagt dann der seltsame Mann im grünen Ganzkörper-Overall auf seinem Segway (Jürgen Kärcher). Er ist einer von vier Reiseleitern, die uns durch den Abend-Parcours der Kunstbiennale Interim führen. Ein Marsmännchen? Vielleicht. Auf jeden Fall gibt er sich als schwäbelnder Umweltschützer zu erkennen, als Schmetterlingsforscher, der von seinen Lieblingen schwärmt: vom Bläuling, vom Admiral, vom afrikanischen Monarchen.

Und weil es mit der Koordination der Besuchergruppen am Premierenabend noch etwas hakt, singt er halt zur Überbrückung der Wartezeit gleich zwei Mal seine Danyel-Gérard-Schmonzette "Butterfly, my butterfly, jeder Tag mit Dir war schön" - und das Publikum, versunken in den Anblick einer surrealen Kunstinstallation (ein pinkfarbenes Boot auf einer grünen Wiese), singt leise mit.

Und so gehts weiter: Eine neue Reiseleiterin (Kathrin Hildebrand) kommt auf dem Segway angeschwebt, schwätzt irgendwas von "Schaffa muasch em Bluat han" und geleitet ihr Zuschauerhäuflein zur alten Verpflegungsküche. Keine Ahnung, warum sie uns allen beim Betreten des Gebäudes "Beileid" wünscht. Später, nach einer fulminanten "Klangmahlzeit in drei Gängen", geklöppelt, getrommelt und gegroovt auf allerlei Spülbecken, Fässern, Eimern und Dunstabzugshauben (Christian Dähn mit Musikschülern), wird einem klar: Das war ein musikalischer Leichenschmaus. Denn die neue Reiseleiterin gibt sich, ganz in Schwarz, als alte Gruornerin zu erkennen, deren Mutter die Zwangsräumung des Dorfes 1938 (wegen Erweiterung des Truppenübungsplatzes) nicht überlebt hat. Drinnen im Bataillonsgebäude BT 26 erzählt sie uns ihre Geschichte, und zwei weitere Schülerinnen der Musikschule Leichtle (verborgen hinter einer Himmeltreppen-Rauminstallation der "Filderbahnfreundemöhringen") zupfen dazu engelsgleiche Harfenmusik ("Christmas Canon"). So belebt dieser Parcours - Station um Station - verschiedene Aspekte der Geschichte dieses ehemaligen Militär-Areals. Kein Wunder, dass irgendwann eine schwungvolle Generalin die Segway-Führung übernimmt (Martina Guse) und bis zu Kaiser Domitian zurückgreift. Also zurück in Zeiten, da die Römer hier auf der Alb (angeblich) "eine Teststrecke für Streitwagen" eingerichtet haben. Andernorts, in einem mit Kunstnebel zugewaberten Raum, in einer Art "Ursuppe" sozusagen, werden die Zuhörer bei der ernsten Frage "was blieb von all den Menschen, die hier waren?" mit Marsch-Geräuschen und Glockengeläut beschallt - eine beklemmende Szene.

Und während manche beim Weitergehen darüber sinnieren, wie der Brecht-Weill-Song heißt, der da aus einem Mannschaftsbau tönt ("Das Lied vom Weib des Nazi-Soldaten"), ist die Gruppe schon an der nächsten Station angelangt, wo ein bizarres Slow-Motion-Ballett sich öffnender und schließender Fensterläden zu besichtigen ist (Installation: Anja Luithle). In der ehemaligen Kantine wiederum offenbart eine putzmuntere Köchin (Andrea Leonetti) ihren deutsch-französischen Migrationshintergrund, plaudert über die Absinth-Tradition im Albdorf Wasserstetten, derweil vor den Augen der Zuschauer in kleinen Kochtöpfen eine gespenstische Rührlöffel-Choregraphie anhebt.

Bis in die Urgeschichte greift der eigens formierte Biosphärenchor dann im Feuerwehrhaus zurück (Susanne Hinkelbein), singt vom Urmeer, vom Ichthyosaurier und vom "Dottinger Kastellan" - sehr schwungvoll zu Tango, Saxofonsound und Walzer interpretiert.

Gut, nicht alles lief bei Premiere perfekt. Doch allen Beteiligten um die Kuratorinnen Ulrike Böhme und Susanne Hinkelbein ist ein kleines Wunder gelungen. Ein Gesamtkunstwerk aus Kunst, Musik und Theater. Einen Abend lang scheint es, als ob das seit 2005 großenteils verlassene Areal in der Dämmerung aus seinem verwunschenen Dornröschenschlaf erweckt wird. Als ob die schlafenden Geister zu erzählen beginnen - von der Geschichte des Geländes und von seiner Zukunft.

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