Münsingen Künstler tauchen in eine andere Welt

Gefangenengedanken vermischten sich in einer Zelle mit Schloss und Riegel bei den Fotografien, die Katja Spinnler bei der Ausstellung zeigte.
Gefangenengedanken vermischten sich in einer Zelle mit Schloss und Riegel bei den Fotografien, die Katja Spinnler bei der Ausstellung zeigte. © Foto: szr
Münsingen / Sabine Zeller-Rauscher 04.07.2018

Augenblicke können platzen wie Seifenblasen, Sekunden später sind ganz viele von ihnen schlichtweg für immer und ewig vergessen. Nicht die eingefangenen Augenblicke, die im alten Münsinger Stadtgefängnis ausgestellt waren. Ganz unterschiedliche Fotografien und Kunstwerke, die sich in neun Einzelausstellungen mit ganz verschiedenen Blickwinkeln im alten Gefängnis verteilten.

Mal geprägt vom fotografischem Perfektionismus, mal vom Auge fürs Bestimmte oder von fremden Menschen und Kulturen. Hinter den Fotografen steckten Freunde und Bekannte der „Knastbesitzer“ Nina und Carsten Speidel, die ihre Räumlichkeiten nicht zum ersten Mal für die Kunst zur Verfügung stellten. Der Stoiber-Witz, mit welchem Carsten Speidel bei der Eröffnung für einen Lacher sorgte, hatte mit der eigentlichen Ausstellung nichts zu tun, hob jedoch den Stellenwert der eingefangen Augenblicke deutlich an, weil es in Münsingen zwischenzeitlich bei wichtigen Anlässen, wie zum Beispiel dem Neujahrsempfang oder auch in der Kirche üblich wäre, zur Einführung ein Witz zu erzählen.

Fernweh kam bei den Aufnahmen von Sascha Tscharotschkin auf, welcher Bilder seiner Kambodscha- und Vietnamreise im Gefängnisstall ausstellte. Sahnehäubchen dabei, die Bilderrahmen, die sich in Originalfensterrahmen des Gefängnisses zeigten. Auch die Aufnahmen von Sigi Heid aus Münsingen entführten in die weite Welt. Rainer Weiblen hingegen konzentrierte sich bei seinen fotografischen Arbeiten vor allem auf den Metzinger Raum – mal in schwarz-weiß, mal in knalligen Farben. Erstklassige Portraitfotographie im Großformat präsentierte Lothar Dörfer aus St. Johann und im Raum nebenan zeigten sich teils abstrakte Oberflächenfotografien von Dietmar Klädtke.

Oberflächenfotografien? Mal die überstrichene Wand, von welcher etwas abgerissen wurde und dann der erste Anstrich zum Vorschein kommt. Mal ein Teilabschnitt einer Plakatwand, an der Plakat über Plakat geklebt und dann wieder abgerissen wurde oder die Spuren der Brandung, die für einen kurzen Moment am Strand einzigartige Bilder hinterlassen.

Auf das Thema Schloss und Riegel konzentrierte sich Katja Spinnler, wobei sie in die Vollen ging und bei allem Klick machte, was nach Schloss oder Riegel aussah. Mal die alte Scheunentürschnalle, mal den alten Türknauf oder die Liebesschlösser an zahlreichen Brücken. Aus dem eigenen Fotolabor stammten die Aufnahmen von Kalli Hoffman, der zur Ausstellung das Thema Lokomotive in schwarz-weiß wählte.

Keine Fotos dafür gemalte Kunst präsentierte Tanja Robisch in einer der Zellen. Knastherrin Nina Speidel gelang es Fotografie und Acrylmalerei zu vereinen, welche im mit Stacheldraht bestückten „Auslaufbereich“ des Gefängnisses ausgestellt waren. Zudem sorgte die Hausherrin mit ihrem Saxophon auch für den passenden musikalischen Rahmen und bot den Ausstellern zudem eine ganz persönliche Knastführung an.

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