In Münsingen war der Zweite Weltkrieg bereits am 26. April 1945 zu Ende (wir haben berichtet). Zwölf Tage später endeten offiziell alle Kampfhandlungen im Deutschen Reich – Deutschland hatte am 8. Mai endlich kapituliert. Während in Europa damit eine Zeit des Schreckens, des Terrors und der Gewalt endete, wurde in Asien noch bis Anfang September des Jahres weitergekämpft. In Münsingen und den anderen Teilen des Deutschen Reiches interessierte man sich allerdings nicht sonderlich fürs weitere Kriegsgeschehen. Selbst in den Tagen nach der Besetzung Münsingens dürften sich die wenigsten für die weiteren Kriegshandlungen bis zur offiziellen Kapitulation Deutschland interessiert haben.

Der anfängliche Lebensmittelmangel und die Sorge vor den französischen Siegern dürften wohl die wichtigsten Themen gewesen sein, die die Menschen umtrieben. Hinzu kam ein Wohnungsmangel wegen Stadtflüchtlingen, also evakuierten Einwohnern größerer Städte, und Requisitionen der Besatzungsmacht. Überhaupt stellten die Requisitionen der Franzosen die Bevölkerung vor große Herausforderungen. Nicht nur dass Arbeitsdienste verlangt wurden, es wurden neben Wohnraum auch Möbel, Bettwäsche und sogar Kaffeetassen und Likörgläser beschlagnahmt.

Vor allem in den ersten Tagen der Besatzung hatten die Menschen stark unter teils willkürlichen und unrechtmäßigen Beschlagnahmungen und Requisitionen zu leiden. Etliche Berichte geben Auskunft, wie die französischen Soldaten gehaust und geplündert haben, wie der Tagebucheintrag von Joseph Hirrlinger, Redakteur beim Alb Bote, vom 26. April zeigt: „Wir schauen zu Hause nach. Es sieht bös aus. So wie nun eben Soldaten übernachten. Schreibmaschine fehlt, auch Briefpapier. Wein und Sekt, ebenso der Schmuck. Wir sind dem Schicksal dankbar, daß es nicht schlimmer war.“

Strenge Ausgangskontrollen schränkten die Bevölkerung zusätzlich ein. Mit Anordnung vom 14. Mai 1945 wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, der Gebrauch von Autos und Fahrrädern verboten, Cafés und Gaststätten waren der Besatzungsarmee vorbehalten. Das Verlassen des Wohnorts war nur mit einem Passierschein möglich. In vielen Familien fehlten zudem die Männer die, je nach Einsatzort, teilweise weit verstreut in Gefangenenlager der Alliierten festsaßen. Die Ungewissheit über das Schicksal der Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder belastete die Familien zusätzlich, die erst mal alleine die Landwirtschaft oder den Betrieb fortführen mussten.

Berater für Bürgermeister

Doch recht schnell zeigte sich, dass die Besatzer am Aufbau eines geordneten Lebens für die Bevölkerung interessiert waren – trotz aller Verbote, Requisitionen und anderen Maßnahmen, die aus Sicht der Bevölkerung ungerecht erschienen. Die Militärregierungen griffen dabei auf die vorhandenen Verwaltungsstrukturen zurück. Das Landratsamt in Münsingen fungierte als koordinierende Stelle und gab die Anweisungen und Direktiven der Franzosen an die Bürgermeisterämter weiter. Freilich waren der Landrat und die Bürgermeister nun reine Befehlsempfänger, trotz allem kam den Besatzern und damit auch der Bevölkerung zu Gute, dass die Verwaltung recht schnell wieder arbeiten konnte, so den Austausch zwischen Siegern und Besiegten leiten konnte.

Erste Anweisungen des Landratsamtes wurden bereits vor dem offiziellen Kriegsende veröffentlicht und an die Gemeinden weitergeleitet. Die Bürgermeister konnten, sofern sie keine Belasteten im Sinne der NS-Ideologie waren, vorerst im Amt bleiben, Gemeinderäte wurden mit Anordnung vom 30. Juni 1945 ihrer Ämter enthoben. Damit die Bürgermeister nicht allein entscheiden mussten, sollten sie je nach Gemeindegröße zwei bis vier „Berater“ benennen. Bei schwierigen Entscheidungen sollten diese den Bürgermeister beraten, Entscheidungen musste dieser dann aber in eigener Verantwortung treffen. Erst am 1. Oktober 1946 wurden dann reguläre Gemeinderatswahlen durchgeführt.

Mit Bezugsscheinen

Die wichtigste Aufgabe, um die sich die französische Besatzungsmacht und die militärische Verwaltung in der ersten Zeit kümmern musste, war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Bereits zur Zeit der NS-Regimes herrschte, vor allem in den Städten, in manchen Bereichen Mangel. Requisitionen und fehlende Arbeitskräfte in der Landwirtschaft verschärften das Problem. Zusätzlich mussten Landkreis und Gemeinden auch die Versorgung der Besatzer und des Lagers für Displaced Persons, also ehemalige Kriegsgefangene, im „Neuen Lager“ in Münsingen übernehmen. Der Landrat weist in einem Schreiben vom 11. Mai die Bürgermeister ausdrücklich auf die wichtige Feldbestellung und die damit verbundene Lebensmittelversorgung der Bevölkerung hin. Offenbar waren dem ersten Aufruf nicht alle Bürgermeister gefolgt. Obwohl die Versorgungslage in Münsingen nie gefährdet war, musste man dennoch auch bei den wichtigen Grundnahrungsmitteln haushalten. Bezugsscheine für Kartoffeln und Fleisch regelten die Verteilung.

Der Wiederaufbau beginnt

Die Franzosen machten sich in den folgenden Tagen auch an den Aufbau zerstörter Gebäude oder Straßen, da sie diese selbst nutzten. Es wurden ebenfalls andere, durchaus sinnvolle, Arbeitseinsätze mit zwangsrekrutierten Zivilisten durchgeführt. Im eigenen Interesse der Besatzer sollte das besetzte Gebiet wiederaufgebaut werden.

Daneben wurden aber auch Anordnungen getroffen, die uns heute reichlich befremdlich anmuten. So mussten alle Deutschen die Fahrzeuge mit französischen Offizieren, erkennbar am Wimpel, grüßen. Eine weitere Belastung für einen Teil der Bevölkerung waren die Entnazifizierungsmaßnahmen, die für manchen den Verlust des Arbeitsplatzes und möglicherweise sogar die Ausweisung aus dem Kreis Münsingen bedeuteten.

Rückblickend betrachtet, kam Münsingen aber recht gut durch die Zeit, selbstverständlich gab es auch Plünderungen, Vergewaltigungen und Diebstähle, aber man arrangierte sich recht schnell mit einem Großteil der französischen Soldaten. Bei allem berechtigten Hass und der Wut auf die Deutschen, kümmerten sich die Besatzungsmächte doch recht anständig um die Bevölkerung.