Ehestetten Kloker versorgt Ehestetten mit Wärme

Ehestetten / Reiner Frenz 07.06.2018

Manfred Kloker hat mehrfach großen Mut bewiesen – und der Erfolg hat ihm bislang Recht gegeben. 2004 entschied sich der Ehestetter statt eines Kuhstalles eine Biogasanlage zu bauen. Seit einem Jahr versorgt er knapp die Hälfte der Ehestetter Haushalte mit Wärme, die in seiner Anlage gewonnen wird. Vor allem Letzteres war durchaus ein Wagnis, eines, das letztlich viele Gewinner hat.

Doch der Reihe nach. „Vor 14 Jahren waren die Milchpreise im Keller und auch die Getreidepreise waren schlecht“, erinnert sich der 42-Jährige. Er wollte damals eigentlich südlich des Ortsrandes einen neuen Milchviehstall bauen, doch die Entwicklung am Markt ließ die Zweifel immer größer werden, ob dies ein guter Plan sein würde. Stattdessen schaute sich Kloker im Bayerischen um nach Biogasanlagen, deren Bau durch das damals erlassene Erneuerbare Energien Gesetz schmackhaft gemacht wurde. Von Biogas-Pionier Erwin Köberle aus Obermarchtal ließ er sich beraten.

Entstanden ist schließlich eine 180 kW-Anlage, die im September 2005 ans Netz ging. Sie bestand aus einem Fermenter und einem Gärrestlager mit jeweils 1500 Kubikmeter Fassungsvermögen, großen Rundsilos aus Edelstahl. „Gefüttert“ wird die Anlage mit Gülle, Mist, Gras-, Mais- und Ganzpflanzensillage, wobei mehr als die Hälfte des Eintrags aus Klokers Landwirtschaft stammen. Mehr als 100 Hektar bewirtschaftet der Ehestetter Ortsvorsteher, der im Dorf einen Stall mit 100  Kälbern hat. Mehr als 90 Prozent der nachwachsenden Stoffe, die in der Biogasanlage zu Strom und Wärme umgewandelt werden, stammen aus einem Umkreis von zehn Kilometern, erklärt Kloker.

Schon bald stellte sich heraus, dass die Anlage mehr Leistung erzeugen könnte, sodass Kloker sich entschied, 2008 einen größeren Motor zu erwerben, der den Zündstrahlmotor, für dessen Betrieb Heizöl nötig war, ersetzte und nur mit Gas läuft. 250 kW bedeuteten auch einen Leistungszuwachs. Mit der bei den Prozessen im Fermenter entstehenden Wärme heizte Kloker zunächst nur die Maschinenhalle und die Werkstatt. Als die EnBW eine Freileitung ins Erdreich verlegte, die an seinem Nachbar vorbeiführte, wurde dorthin eine Wärmeleitung gleich mitverlegt.

„Was mich jetzt aber noch maßlos ärgerte, war die Tatsache, dass ich mein eigenes Haus im Dorf nicht mit eigener Wärme heizen konnte“, gibt Kloker Einblick in seine Motivation, dies zu ändern. Die ersten beiden Anläufe, dies zu ändern und auch andere Betriebe und Privathaushalte ins Boot zu nehmen, gingen schief. Deshalb stellte Kloker 2015 doch einen Antrag für den Bau eines Kuhstalls, den sich seine Frau Birgit wünschte. Bereits 2011 hatte er ein weiteres Gärrestlager gebaut, was vom Gesetzgeber so verlangt worden war.

Dann aber kam wieder die EnBW ins Spiel, die weitere Freileitungen in die Erde legen wollte, von Maxfelden her kommend und damit an Klokers Biogasanlage vorbei: „Für mich war klar, jetzt bekomme ich die Wärme ins eigene Haus“, lacht Kloker. Etliche der Nachbarn bekundeten damals auch Interesse an Wärme aus der Biogasanlage, sodass Kloker Kontakt mit der EnBW aufnahm, um zu prüfen, ob gemeinsames Leitungsverlegen möglich sei. Freilich musste alles sehr schnell gehen, war der Platz in den Gehwegen nicht ausreichend und das Angebot der Stockacher Firma, die die Arbeiten für die EnBW ausführen sollte, war nicht allzu interessant: „Die wollten mich abzocken“. Mein Planer meinte, da könnten wir gleich selber bauen“, so Kloker.

Der Landwirtschaftsmeister ging jetzt nicht etwa Klinken putzen, um weitere Interessenten zu finden – „das ist nicht mein Ding“ – sondern Gespräche, die sich ohnehin ergaben, verteilte Flyer, ein Treffen für alle Interessenten, all das führte dazu, dass am Ende 40 Verträge zustande kamen. Klokers Wunsch nach einer Genossenschaft freilich wurde nicht erfüllt.

Die großen Abnehmer waren alle dabei, die „Rose“, die Stadt mit ihren Gebäuden, das Schloss, die Pilzzucht, sodass sich Manfred Kloker entschloss, das Projekt anzupacken. Es ging dabei um eine Investition von mehr als 1,5 Millionen Euro, eine, die sich erst in 17 Jahren amortisiert hat, wenn alles normal läuft.

Baubeginn vor zwei Jahren

Vor zwei Jahren war Spatenstich, später als erhofft, aber das Warten auf Zuschusszusagen dauerte. Der erste Bauabschnitt war am 22. Dezember 2016 fertiggestellt und Kloker hatte an Weihnachten Wärme aus seiner Anlage im Haus. Ebenfalls sofort angeschlossen wurde ein Neubau, wo man schon dringend darauf wartete. Die Bauphase – errichtet wurde unter anderem eine Heizzentrale – sei Stress pur gewesen, erinnert sich der 42-Jährige. Bis zu 30 Arbeiter aus fünf Firmen waren gleichzeitig tätig.

Nach Neujahr 2017 war es die „Rose“, bei der es Probleme mit der bestehenden Hackschnitzelanlage gab, die ans Wärmenetz ging. Bis März waren 20 Haushalte angeschlossen. Im zurückliegenden Winter erhielten bereits 33 Haushalte ihre Wärme von der Anlage im Höhenweg 12. Zwei Häuser werden absehbar folgen, fünf weitere haben die Anschlüsse am Haus liegen.

Den vergangenen Winter bezeichnet Kloker als Feuerprobe – und sie wurde mit Bravour bestanden. Auch am kältesten Tag sei bei den Abnehmern mindestens 80 Grad Wärme angekommen. Fünf Grad Wärmeverlust von der Heizanlage bis zu den Haushalten seien erstaunlich gut. Die Wärme kommt bei den Häusern in Übergabestationen an, von wo aus die Heizung in den Häusern gesteuert wird.

Klokers Bilanz: „Vergangenes Jahr wurden vier Millionen Kilowattstunden Strom und Wärme verkauft, davon 1,5 Millionen Wärme. Erzeugt wurde eine Millionen KWh mehr, von denen er die Hälfte für seinen Betrieb benötigte. Fast die Hälfte der Ehestetter heizte kostengünstig mit Wärme aus der Biogasanlage.

Für den Fall der Fälle hat Kloker übrigens vorgesorgt. Sollte die Biogasanlage einmal ausfallen, sorgt ein Gas-Öl-Kombibrenner für das nötige Back-Up. Für Leistungsspitzen ist zudem ein 100 Kubikmeter fassender Warmwasserspeicher in der Heizzentrale eingebaut worden: „Damit können wir auch einige Stunden Motorausfall überbrücken“.

Um die hochmoderne Anlage zu betreiben, benötigt Kloker keinen Techniker: „Das allermeiste beherrsche ich selber und wenn es Probleme gibt, dann werden die von der Firma Keimer aus Tigerfeld gelöst“. Am PC kann der Ehestetter übrigens eine wahre Datenfülle verwalten. Hier werden sind nicht nur alle Maschinen der Heizzentrale gesteuert, sondern es sind 50 Einzelparameter jedes einzelnen Abnehmers abrufbar.

Kloker ist froh, dass er sein Projekt durchgezogen hat, auch wenn ihn das in der heißen Phase manch schlaflose Nacht kostete. „Wärme wird in einer Biogasanlage weit effektiver genutzt als in einem Kraftwerk“. Der Wirkungsgrad seiner Anlage liegt bei bis zu 90 Prozent: „Das tut auch der Umwelt gut“, weiß Kloker, der übrigens auch einer der Mitwirkenden beim kürzlich vorgestellten Projekt „Bienenstrom“ ist.

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