Theater Keiner hat den ersten Stein geworfen

Bei der Judenschau wird Andri als „Jud“ identifiziert.
Bei der Judenschau wird Andri als „Jud“ identifiziert. © Foto: Maria Bloching
Münsingen / Von Maria Bloching 09.07.2018

Zum ersten Mal hat Daniel Obergfell als Nachfolger von Matthias Fuchs die Regie geführt. Dass er sich mit „Andorra“ ein höchst anspruchsvolles Stück ausgesucht hat zeigt, wie viel er seinen Akteuren zutraut. Und er wurde nicht enttäuscht. Was die Akteure bei der Premiere am Sonntagabend in der Zehntscheuer dargeboten haben, forderte Respekt, Bewunderung und Hochachtung ab.

Mit einer dem Stück angemessenen Ernsthaftigkeit stellten sie wie schon Max Frisch vor 50 Jahren beim Erscheinen von „Andorra“ die gleichen wichtigen Fragen: Wie gehen wir mit dem vermeintlich Fremden, wie gehen wir miteinander um? Immer wieder halten die Schüler dem Publikum den Spiegel vor, sprechen die Zuschauer direkt an und zeigen die Probleme und Folgen von Rassismus und Vorurteilen gegenüber Minderheiten schonungslos auf.

Die Theater AG bringt ein Werk auf die Bühne, das mit einer einfachen Geschichte an die Einsicht des Zuschauers appelliert, das anrührt, betroffen macht und auch fragen lässt, ob die jungen Akteure dieser Handlung mental gewachsen sind. „Du sollst dir kein Bildnis machen vom Menschen“, schreibt Max Frisch und verweist auf die Schuld dessen, der andere an diesem Bild misst. So wie das Volk in Andorra, einem fiktiven Kleinstaat.

Die Menschen sind stolz auf ihrer Hände Arbeit, blicken mit sich im Reinen auf die Vergangenheit und zuversichtlich in die Zukunft. Man weiß, was einen guten Andorraner ausmacht und kennt sich gut mit den Schwächen der Zugezogenen aus. Andri ist anders: er kann mit Geld umgehen, reibt sich ständig die Hände und hat eine bestimmte Art zu gehen – echt jüdisch eben, das ist genetisch bedingt. Carolin Brändle füllt diese Charakterrolle äußerst authentisch aus. Formvollendet spielt sie den Leidensweg von Andri nach, der sich von einem fröhlichen, glücklichen Jungen mit Hoffnung auf ein gutes Leben zu einem hasserfüllten Jungen entwickelt, der nicht mehr an sich und das Gute im Menschen glaubt. Sie charakterisiert Andri als einen Menschen, der in die Rolle des „Jud“ gedrängt wird ohne Rücksicht auf Wahrheit und Wesen, der aufgrund gesellschaftlicher antisemitischer Vorurteile zu Fall gebracht wird.

Ein halbes Jahr lang hat sich die Theater AG mit dem Werk von Max Frisch auseinandergesetzt und bringt nun mit einer ausdrucksstarken Aufführung das fragile Sozialgefüge von Andorra ins Wanken. Für die Andorraner ist der Lehrer Can (Maren Grießhaber) ein Vater, der seinen Ziehsohn Andri als Judenkind vor dem sicheren Tod bewahrt hat. Er hat ihn vor den „Schwarzen“ aus dem Nachbarland gerettet, die von jeher Juden verfolgen. Für die Andorraner sind Juden ehrgeizige Leute, und weil sie handwerkliche Arbeit nicht im Blut haben, gehören sie in den Verkauf. Dabei würde Andri so gerne Tischler werden. Er sucht seine Identität, seinen Platz in der Welt und will ein gemeinsames Leben mit Barblin (Marlene Paczensky), der Tochter seines Ziehvaters.

In Wirklichkeit aber ist Andri tatsächlich Cans Sohn, die Judengeschichte war erfunden. Andri aber hat sich 20 Jahre lang die Zuschreibungen der anderen zu eigen gemacht und fühlt sich jetzt als Jude. Das Bild, das sich die Andorraner von ihm gemacht haben, ist stärker als seine wirkliche Identität und wird von ihm so verinnerlicht, dass er es nicht mehr loswird. Und der Judenschauer (Lea Kaden) scheint dies zu bestätigen. Am Ende der Geschichte ist Andri tot, Andorra endlich wieder strahlend weiß und sich keinerlei Schuld bewusst. So sehr die Andorraner auch versuchen, die Ereignisse zu rekapitulieren, es bleibt unaufgeklärt, wer den ersten Stein geworfen hat und warum.

Auf eindrucksvolle Weise machen die Akteure deutlich, dass jeder Mensch eine Maske trägt, dass er eine oder mehrere Rollen spielt. Daniel Obergfell hat mit seinen Schülern diesen modernen Klassiker aufgeführt, weil er in diesen Tagen seine bleibende Aktualität beweist. Mit wenigen, geschickt gewählten Bühnenelementen und schnellen Rollen- und Schauplatzwechseln zeigen die Darsteller Rassenwahn und Diskriminierung, Schwarz-Weiß-Denken und Machtansprüche in einer paranoiden Gesellschaft auf, in der Beziehungen und die Liebe zwischen den Menschen völlig aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Zu Beginn bringen Andri und Barblin so viel Glückseligkeit auf die Bühne, dass das folgende Geschehen umso mehr aufwühlt. Die Charaktere im Stück sind von vielen Facetten geprägt: der Lehrer und seine Frau (Maren Grießhaber und Lena Frey) leben mit der Lüge, Johannes Reutter überzeugt als harsch auftretender Soldat und Jenny Bell als stets einfühlsamer aber doch scheinheiliger Pater, Matti Schramm präsentiert sich als allwissender Doktor, der seine Hände in Unschuld wäscht. Alle räumen sie ein, Andri nicht gemocht, an seinem Tod aber dennoch keine Schuld zu haben: der Wirt (Laura Heller), der Tischler (Niklas Wiedenmann), der Geselle (Sina Runke). Die Schuld wird herumgereicht, jeder schüttelt sie ab, keiner hat den Stein geworfen.

Info Weitere Aufführungen in der Zehntscheuer sind am Freitag, 13. Juli, um 19 Uhr, am Samstag, 14. Juli, um 19.30 Uhr sowie am Montag, 16. Juli, um 19 Uhr.

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