Zufrieden schnurrt Flocke vor sich hin, während er von Gabriele Brendle und Uschi Rollmann, den Vorständen des Münsinger Tierschutzvereins, liebevoll gekrault wird. Dass es ihm einmal so gut gehen wird, hätte sich der Kater wohl auch nicht träumen lassen. Denn das wunderschöne weiße Tierchen mit seinen blauen Augen war eine von vielen verwilderten Hauskatzen, die mit schlechtem Immunsystem und alles anderem als artgerechten Bedingungen draußen umherirren und nach Futter suchen – laut Tierschutzbund handelt es sich deutschlandweit um etwa 200 Millionen streunende Katzen. Heute wohnt Flocke bei Gabriele Brendle und fühlt sich trotz seines ständig wiederkehrenden Schnupfens miezenmäßig wohl. „Das Elend nimmt kein Ende, dauernd kommen neue Junge ohne echte Heimat auf die Welt. Auf der Schwäbischen Alb ist das besonders schlimm“, wissen die beiden Tierschützerinnen, die sich seit mehreren Jahrzehnten für das Wohl aller hilfebedürftigen Vierbeiner sowie Flug- und Krabbelwesen aktiv einsetzen. Der Geiz, Geld für die Kastration der Katzen zu investieren, mag ein Grund sein, warum die Flut an hungernden und kranken Kitten niemals zu enden scheint. Weil man es schon seit eh und je so gemacht hat, ein anderer. „Noch immer werden Baby-Katzen den Sauen zum Fraß vorgeworfen oder in einem Sack zum Ertrinken ins Wasser geschmissen“, berichten die Samtpfoten-Expertinnen. „Wir rennen gegen Windmühlen – insbesondere bei älteren Landwirten“, erklären sie.

Kein Kavaliersdelikt

Dabei ist vielen Menschen noch immer nicht klar, dass das Töten einer Katze keinenfalls ein Kavaliersdelikt darstellt.  Laut Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes ist dies eine Straftat und kann mit hohen Geldstrafen belegt werden. Ebenso das Auslegen von Giftködern oder aber das Aufstellen von Katzen- beziehungsweise Marderfallen. „Diese dürfen ausschließlich von Jägern aufgestellt werden, da diese Lebendfallen dem Jagdrecht unterliegen“, insistiert Rollmann. „Zudem stehen Marder unter Artenschutz“, ergänzt sie.

Ein Hoffnungsschimmer seien derzeit durchaus die Hof-Nachfolger und junge Ehefrauen, die von den umliegenden Städten aufs Land ziehen und das Drama um die Mini-Kätzchen beobachten. „Manch eine ruft uns anonym an und bittet um Hilfe“, weiß Gabriele Brendle. Und dies sei auch gut so, niemand solle sich scheuen, Kontakt mit den ehrenamtlich Tätigen aufzunehmen. Schließlich solle kein Tier leiden müssen. „Wer beobachtet, dass eine Katze oder ein Hundewelpe geschlagen wird oder ein Haustier im verdreckten Keller lebt, muss unbedingt die Polizei alarmieren oder bei uns durchklingeln“, ergänzt Uschi Rollmann. Auch Fotos oder Zeugenaussagen seien hilfreich, denn im Nachhinein steht meist Aussage gegen Aussage.

Fatale Folgen

Gerade auf landwirtschaftlichen Gehöften oder in Pferdeställen gäbe es die meisten Katzen. „Die gehören uns nicht, die sind uns kürzlich zugelaufen oder längst wieder abgehauen“, lauten oftmals die Ausreden der Bauern. Und den Tierschützern sind die Hände gebunden. Die Folgen sind fatal. Die Katzen pflanzen sich hemmungslos weiter fort – bis zu zwei Würfe mit jeweils drei bis sechs Jungen sind üblich. Inzucht und die Vermehrung örtlicher Krankheitskeime nehmen zu. Krankheiten wie zum Beispiel Katzenschnupfen oder die Katzenseuche belasten neugeborene Welpen ihr Leben lang und breiten sich immer mehr aus – auch Freigänger-Hauskatzen werden so einem hohen Ansteckungs-Risiko ausgesetzt.

Da die Mutterkatze mit ihrem Wurf auf sich alleine gestellt ist, fehlt der Kätzin oft die ausreichende Menge an Milch und die kleinen Säuger leiden an Unterernährung und können sich nicht optimal entwickeln.

Auch das Finden geeigneter Unterschlupfe gestaltet sich für die Katzen zunehmend schwieriger. Denn auch die Landwirtschaft hat sich sehr verändert. Offene Ställe, die mit Stroh ausgelegt sind, seien seltener geworden, die Kuhhaltung mit Spaltböden habe stark zugenommen. „Die einst so gemütliche Symbiose zwischen Katze und Kuh gibt es nicht mehr. Dabei genossen dies beide. Die Kuh wurde auf dem Rücken gekrault und die Katze konnte sich an das Rind kuscheln“, bedauert Uschi Rollmann.

Eben aus diesen Gründen kämpfen die Tierschützer in Deutschland seit vielen Jahren für eine Kastrationspflicht der Straßenkatzen. Damit könnte man die Anzahl an verwahrlosten, ungeimpften und unterversorgten Katzen massiv eindämmen. Aber die Gesetzesmühlen mahlen diesbezüglich langsam.

Nicht einfach wegsehen

Dennoch kann auch schon heute ein wichtiger Beitrag geleistet werden, indem Hofbesitzer die dort lebenden Tiere freiwillig kastrieren lassen und Personen, die herrenlose oder hilfsbedürftige Tiere finden, Kontakt mit dem Tierschutzverein aufnehmen. Auch das Ordnungsamt und die Polizei stehen bei Bedarf zur Seite.

Tierschutzverein Münsingen


Der Verein wurde vor über 30 Jahren von Gisela Kaiser und ihrer Schwester gegründet und zählt heute etwa 100 Mitglieder. Aktiv im Einsatz sind eine Handvoll Personen, die sich ehrenamtlich um kranke und verletzte Tiere oder entlaufene Haustiere kümmern. Dabei arbeitet das kleine Team eng mit dem Tierheim in Reutlingen und privaten Pflegestationen zusammen.

Wer Unterstützung benötigt oder einen Vorfall zur Anzeige bringen möchte, wendet sich bitte an die örtliche Polizeibehörde, das Tierheim in Reutlingen unter (0 71 21) 14 48 06 60 oder an Gabriele Brendle vom Tierschutzverein in Münsingen unter (01 74) 98 195 26.