Münsingen In der bunten Flüchtigkeit des Augenblicks

"Mein Medium ist der Ton, mein Thema das Gefäß": Joachim Lambrecht stellt seine Werke in der Zehntscheuer aus. Foto: Maria Bloching
"Mein Medium ist der Ton, mein Thema das Gefäß": Joachim Lambrecht stellt seine Werke in der Zehntscheuer aus. Foto: Maria Bloching
Münsingen / MARIA BLOCHING 25.04.2014
Joachim Lambrecht ist ein Meister der Bildhauerei und für sein künstlerisches Wirken bereits mehrfach ausgezeichnet. Seine Werke sind ab Sonntag in der Zehntscheuer zu sehen. Um 11 Uhr ist Eröffnung.

Der Künstler aus Großschönach ist kein Freund von Verspieltheit oder Schnörkeleien. Vielmehr liebt er Einfachheit, Klarheit und Strenge, die seinen gebauten und gedrehten keramischen Objekten enorme Ausdruckskraft verleihen. "Mein Medium ist der Ton, mein Thema das Gefäß", beschreibt er seine Arbeiten.

Innen Gefäß, außen Skulptur - jedes der 21 Werke ist ein Blickfang und ein Unikat, das bei der Herstellung Zeit, Aufmerksamkeit, technisches Können, jahrzehntelange Erfahrung und höchste Konzentration erfordert hat. In schöner Regelmäßigkeit tauchen lineare Elemente und ständige Umrisslinien auf, in der Vielfalt entstehen Skulpturen, die jeglichen Zuordnungen entbehren. "Ich gehe stets nach abstrakten Ansätzen vor, denke formal und archaisch", sagt Lambrecht. Bewusst gibt es keine Titel zu den ausgestellten Skulpturen, denn nichts liegt dem Künstler ferner als die Darstellung von Begrifflichkeiten. Die Formen sind es, die hier im Vordergrund stehen. Deshalb liebt der Bildhauer auch das angenehme Anthrazit, das sich - warm und weich - dezent zurücknimmt und der bildhauerischen Ausdruckskraft den Vorrang lässt.

Die Ursprünge der Raku-Technik gehen auf das 16. Jahrhundert in Japan zurück und sind erst seit den 1940er Jahren im Westen bekannt. Bei 1000 Grad Celsius brennt Joachim Lambrecht seine Werke in einem speziellen Raku-Ofen. Nach dem Ausschmelzen der Glasur wird der Ofen geöffnet, mit langen Zangen das Brenngut entnommen, in Sägemehl gesteckt und unter Luftabschluss geräuchert. Etwa 30 Minuten später werden die Stücke mit Wasser abgelöscht. "Ich habe schon viele Scherben produziert", schmunzelt der Künstler und lässt erahnen, dass der gesamte Vorgang unberechenbar ist.

Jene Werke, die die gesamte Prozedur unbeschadet überstehen, tragen die Spuren von Zange und Rauch, beeindrucken auch deshalb durch eine enormen Lebendigkeit und Individualität. Ebenfalls in Raku-Technik bearbeitet sind die 14 keramischen Wandbilder, die auch in der Zehntscheuer zu sehen sind. Sie sind in derselben Brenntechnik, aber in einem völlig anderen Prozess entstanden. Hierbei kommen zeichnerische Elemente zum Tragen, die intuitiv mit Messer, Spachtel, Sägeblätter oder Stempel solange aufgebracht werden, bis ein stimmiges und kraftvolles Bild mit wenigen Farben aus Metalloxyden entsteht. Schon vor über 30 Jahren hat Lambrecht eine Ausbildung zum Keramiker und ein Studium der Bildhauerei absolviert.

Auch die Fotografie liegt ihm am Herzen. Angespornt durch die digitale Fototechnik hat er in den letzten Jahren sein Hobby aus Kindertagen neu für sich entdeckt und zur Kunst gemacht. "Das ist der Gegenpol zu meinen Raku-Arbeiten". Seine Fotos leben von Leichtigkeit, Schnelligkeit und Flüchtigkeit, sie sind aus fahrenden Fahrzeugen heraus entstanden. Motive sind kaum zu erkennen, denn auch hier will Lambrecht nicht die Welt abbilden, sondern den Prozess der Bewegung sichtbar machen. Immer wieder ist es ihm gelungen, den richtigen Moment punktgenau zu erwischen und stark farbige Flächen mit malerischen Elementen auf Papier zu bringen. Für den Betrachter ist es völlig unwichtig, hier und da noch verschwommen einige Bäume zu erkennen. Gerade in der bunten Flüchtigkeit des Augenblicks liegt eine eindrucksvolle Ausdruckskraft, die sich im rustikalen Ambiente der Zehntscheuer entfalten kann.

Info Am Sonntag, 27. April,11 Uhr, wird die Ausstellung eröffnet. Die Einführung übernimmt Edgar Braig, Interessengemeinschaft Kunstraum Zehntscheuer. Ende der Ausstellung ist am 11. Mai.

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