Immer schon hatte der gebürtige Münsinger Reinhard Krehl ein Interesse an der Natur und an Pflanzen, was sich auch an seinem Studium der Landschaftsplanung und Spaziergangwissenschaft zeigt. Sehr schnell fand er zur Kunst, denn „Landschaft und Kunst sind eng miteinander verzahnt“. Seit 2001 lebt und arbeitet Krehl in Leipzig, doch immer wieder findet er zurück in die Heimat.

Erinnerung an Kindheit

So auch im vergangenen Spätsommer, als er von der Stiftung Anton Geiselhart ein Arbeits- und Aufenthaltsstipendium erhielt. „Ich kenne den Ort noch aus meiner Kindheit. Es war für mich eine große Ehre, hier sein zu dürfen und mich mit dem direkten Anknüpfungspunkt zwischen Heimat, Landschaft und Kunst zu beschäftigen“. Bei all seinen künstlerischen Arbeiten,reagiert er auf den jeweiligen Ort, in dem sie entstehen: „Es gibt kein Konzept. Ich komme an und arbeite mit dem Ort“.
In Gundelfingen ließ er sich von den Gedichten des amerikanischen Poeten Walt Witman inspirieren: „Ich schlendere und lade meine Seele ein, ich bücke mich, schlendere behaglich und betrachte einen Halm des Sommergrases“. Also hat er sich aufgemacht, ist durch die Landschaft gewandert und erschnupperte den Duft von frischem Heu. Er sah angesichts der vielen darin enthaltenen Pflanzen, der Heuhüpfer und summenden Tiere Parallelen zu den Gedichten von Whitman, der sich mit der aus vielen verschiedenen Individuen bestehenden Gesellschaft auseinandersetzt. „Alle sind gleichberechtigt und bilden einen Kosmos“, beschreibt Krehl. So sei es auch mit dem Heu, in dem sich ein ganzer Sommer mit Gras, Kräutern, Blumen und Tieren konsumieren lasse. Für ihn ist Heu ein Material, das Freiheit widerspiegelt, einem  umfassenden Universum zu gleichen scheint.

Voller Leben

Heu sei für ihn das Abbild eines warmen Sommernachmittags in einer bunten Wiese voller Leben. Also lag es für ihn nahe, dieses zur Grundlage seiner Ausstellung zu machen und ihr den Titel „Leaves of Grass“ zu geben. Bereits im Außenbereich wird der Besucher mittels eines einzigartigen Hörprojekts neugierig gemacht: Wie zu früheren Zeiten sind zwei „Hoiza“ – also Stangenkonstruktionen aus Holz zur Heutrocknung – aufgestellt und mit Gras behängt worden. Aus dem Inneren spricht die Stimme von Krehl im Kanon: „Hai hau – viel Hai hau sodda mer“ und „I hau Hai“.

Pressen und drucken

In der Ausstellung selbst sind Drucke auf Chinapapier zu sehen, die in einem komplizierten Prozesses entstanden sind. Für den Künstler war es ein Experiment, hat er doch zum ersten Mal überhaupt mit Heu gearbeitet. „Es ist ganz anders, als gepresste Pflanzen zu drucken“, räumt er ein. Das in Gundelfingen gesammelte Alb-Heu hat Krehl platt gepresst und vorsichtig mit schwarzer Druckfarbe eingestrichen. Danach führte er behutsam das Papier zum Heu, stets darauf bedacht, Konturen der darin verborgenen Grashalme, Dolden und Blüten hervorzuheben. Mit Kohle hat er den Hintergrund nachgearbeitet und anschließend mit PVC-beschichtetem Papier einen farbigen Druckkontrast gesetzt. Eins war ihm bei der Arbeit immer wichtig: „Das Heu muss im Mittelpunkt stehen. Die einzelnen Schritte müssen zueinander passen, nur so gelingt es, dass die farbigen Drucke nicht über das Heu dominieren“. Dem Künstler ist es gelungen, das zum Einsatz kommende Naturmaterial widerspruchsvoll und in gewissem Sinne formlos darzustellen, er hat poetische Naturselbstdrucke geschaffen: mit Gefühl für Worte und Sätze, mit Alb-Passagen und Interpunktion.
Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Oktober Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr in Gundelfingen zu sehen.