Münsingen Haus unter Wert verkauft

Das ehemalige Schoell-Haus in Münsingen
Das ehemalige Schoell-Haus in Münsingen © Foto: RALF OTT
Münsingen / 28.11.2013
Neuer Vorwurf gegen Werner Leichtle, ehemaliger Vorstandssprecher der Volksbank Münsingen: Das Schoell-Haus wurde nicht gegen das Höchstgebot verkauft. Die Bank weist dazu 426 263 Euro Verlust aus. Noch im Mai diesen Jahres wurde der frühere Vorstandssprecher der Volksbank Münsingen, Werner Leichtle, mit stehenden Ovationen verabschiedet. Das Bild des Vorstandsprechers, der die Bank über mehr als drei Jahrzehnte hinweg pflichtbewusst geführt hat, erhält in letzter Zeit zusehends Risse. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Leichtle (wir haben berichtet). Zu dem bisherigen Vorwurf der Urkundenfälschung kommen nun seit kurzem „Betrug“ und „Untreue“ hinzu. Auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte Oberstaatsanwalt Dr. Michael Allmendinger die Ausdehnung der kriminalpolizeilichen Ermittlungen, mit denen geprüft werde, ob ein „strafbares Verhalten“ vorliegt. Auslöser ist die anonyme Anzeige eines Mitarbeiters der Volksbank Münsingen, die auch unserer Zeitung vorliegt. Der Betreffende erhebt darin den Vorwurf, die Volksbank habe das Schoell-Gebäude in der Hauptstraße 17 an Werner Leichtles Sohn verkauft, obwohl ein höheres Angebot vorgelegen habe. Heute residiert dort das „Kulturhaus Innenstadt“, das nach einem fünfmonatigen Umbau mit Kosten in Höhe von rund einer Million Euro im November 2011 eröffnet worden war. Wie es in der anonymen Anzeige heißt, sei das Schoell-Gebäude zum Preis von rund 600 000 Euro zwei Jahre zuvor von der Volksbank erworben und dann in verschiedenen Bereichen renoviert worden. Dafür seien in das frühere Geschäftshaus, das in den 70er Jahren errichtet worden war, rund 100 000 Euro gesteckt worden, schreibt der Anzeigenerstatter. Der Verkaufspreis habe bei rund 300 000 Euro gelegen. Zudem wird Leichtle in der anonymen Anzeige bezichtigt, beim Umbau seines Hauses „Privatrechnungen fingiert und über die Volksbank abgerechnet zu haben“. Leichtle wollte „zur Sache selbst nichts sagen“. Doch er sieht sich zu Unrecht am Pranger. „An den Vorwürfen ist absolut nichts dran“, betonte er gegenüber unserer Zeitung. Die Verkaufsverhandlungen für das Schoell-Gebäude habe nicht er, sondern der Aufsichtsrat geführt. Er habe sich in dieser Sache richtig verhalten und brauche sich keine Vorwürfe zu machen, unterstrich Leichtle, der die Anschuldigungen „als schlimme Kampagne“ gegen sich einstufte. Zurück zum Schoell-Haus: Dem Ergebnis unserer eigenen Recherchen zufolge betrug der erzielte Verkaufspreis damals rund 325 000 Euro. Offenbar lag der Erlös aus dem Hausverkauf damit tatsächlich weit unter der Summe, die die Münsinger Volksbank zuvor für Ankauf und Renovierung des Gebäudes ausgegeben hatte. Das legt zumindest ein Blick auf den Jahresabschlussbericht für das Geschäftsjahr 2011 nahe: Dort weist das Münsinger Finanzinstitut unter dem Punkt Erläuterungen zur Gewinn- und Verlustrechnung einen „Verlust aus Abgang Rettungserwerb Schoell, Hauptstr. 17, 72525 Münsingen“ in Höhe von genau 426 263 Euro aus. Geld also, das der genossenschaftlichen Bank unwiderruflich verloren ging. Doch warum wurde das Gebäude zu einem Preis unterhalb des maximal erzielbaren Verkaufswerts an Werner Leichtles Sohn verkauft? Schließlich lagen höhere Gebote vor, wie unsere Zeitung aus zuverlässiger Quelle erfahren hat. Demnach hatte die Volksbank ein Angebot für den Kauf des Gebäudes in der Hauptstraße 17 in Münsingen in Höhe von 450 000 Euro erhalten. Darin eingeschlossen war sogar die Option auf eine Kaufpreiserhöhung. Dieser Sachverhalt ist übrigens auch Gegenstand der anonymen Anzeige und wird derzeit durch Ermittlungen der Kriminalpolizei geklärt. Wie unsere eigenen Recherchen zu dem Fall ergeben haben, war der Aufsichtsrat der Volksbank zwar – wie dies auch Werner Leichtle betont – für den Verkauf des Schoell-Gebäudes zuständig, doch dem Gremium war von einem höheren Angebot schlichtweg nichts bekannt. Folglich konnte es auch keine Einwände gegen einen Zuschlag an den Sohn von Leichtle geben. Derzeit gibt es in der Volksbank Münsingen heftige Auseinandersetzungen um den Kurs nach der Ära Leichtle (wir haben mehrfach berichtet). So erhielten die beiden Vorstände Christian Bückle und Jadranka Werner vor rund drei Wochen ihre Kündigung und am Montag dieser Woche wurden sie mit sofortiger Wirkung ihrer Ämter enthoben. Interimsweise führen Michaela Pöhler, die Tochter von Werner Leichtle, und Marc Auer die Geschäfte des Vorstands. Pöhler hatte bereits zu Jahresbeginn – und damit genau zu dem Zeitpunkt, als die Prokura für Werner Leichtle aufgehoben wurde – „in Verbindung mit einem Vorstandsmitglied“ die Gesamtprokura für die Volksbank erhalten, so wie übrigens Auer im November 2011 und Anfang 2010 Christian Bückle. Laut Satzung wird der Bankvorstand seit Ende 2007 von jeweils zwei Mitgliedern vertreten. RALF OTT
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