Für die Eltern, die am Mittwoch zum Informationselternabend an die Schillerschule gekommen waren, war es ein Ausblick, für die Schulleitung und das Lehrerkollegium auch ein Rückblick auf 100 Tage Gemeinschaftsschule. Ein seitens der Lehrer merkbar zufriedener Rückblick auf ein hier in der Gegend noch ziemlich unbekanntes Schulsystem. Ein System, welches durchaus eine gewisse Skepsis bei den Eltern, die sich bald für eine der Schulformen entscheiden müssen, hervorruft.

Eine Schule ohne Noten

„Schule ohne Noten, kann das funktionieren?“. Eine Frage die viele der Eltern, die mit dem 1938 ins Leben gerufenen Notensystem aufgewachsen sind, beschäftigt. Eingeteilt in G-Niveau (Hauptschule), M-Niveau (Realschule) und E-Niveau (Gymnasium), je nach aktuellem Leistungsstand, bekommen die Schüler in der Gemeinschaftsschule keine Noten, sondern Beurteilungen.

„Die Beurteilung sagt doch eigentlich viel mehr aus als Noten“, stellt eine Mutter nach der Vorstellung des Systems durch Schulleiterin Nicole Breitling im anschließenden offenen Eltern-Lehrergespräch fest. Schnell war eine interessante Diskussion über Noten ausgebrochen. Schnell war dabei auch klar, dass die Eins des Schülers, der abgeschrieben hat oder der sich stets die Arbeiten der Vorjahre organisiert, weil er genau weiß, dass sich sein Lehrer nicht die Mühe macht, immer neue Arbeiten zu erstellen, überhaupt nichts aussagt über den tatsächlichen Leistungsstand des Schülers oder der Schülerin. Genauso wenig wie die Fünf im Zeugnis, die möglicherweise aus einer einzigen Arbeit im Halbjahr resultiert.

„Zum Angeben mit den Einsern des Kindes ist das Schulsystem etwas schwierig“, scherzt Techniklehrer Frieder Sigloch. Das Lehrercoaching hat sich bereits nach 100 Tagen bestens bewährt. Alle 14 Tage steht für die Schüler ein zwanzigminütiges Einzelgespräch mit einem Lehrer an, wobei anhand von Eigeneinschätzungen des Schülers und denen des Lehrers ermittelt wird, wo der Schuh möglicherweise drückt, um ganz gezielte, auf das jeweilige Kind zugeschnittene, Lernstrukturen zu ermitteln. Ganz nach dem Motto „Schwächen schwächen, Stärken stärken“.

Bewährt haben sich im „Neuland“ Gemeinschaftsschule auch die pädagogischen Profilsäulen, die seit Jahren bereits das Dach der Schillerschule stützen.

Berufsorientierung, demokratische Erziehung, bewegte Schule, Bildung für nachhaltige Entwicklung und die Elternarbeit konnten nahtlos im neuen Schulsystem aufgenommen werden.

„Säulen des wahren Lebens“, stellt eine Mutter, die dennoch etwas mit dem System hadert, fest. „Mein Herz und mein Verstand sagen mir, dieses Schulsystem ist top, die Angst vor dem Unbekannten lässt mich hadern“.

Vertrauen aufbauen

Vertrauen in das neue System aufzubauen, rät eine zufriedene Mutter im eigens fürs kleine 100-Tage-Jubiläum gedrehten Film. Ein Film, der zufriedene Kinder zeigt, die bereit sind, sich zu organisieren, selbstständig zu arbeiten und keine Scheu davor haben, sich bei Problemen an die Lehrer zu wenden. Interessant sind im Film Szenen des individuellen Lernens, welches außer dienstags, immer in den ersten zwei Schulstunden ansteht. Kinder, welche die Ruhe bevorzugen, ziehen sich dabei ins Lernbüro an abgeschirmte Schulbänke zurück. Kinder, die hingegen mehr Bewegungsdrang verspüren, haben die Möglichkeit, sich während des Lernens frei zu bewegen, was nicht heißt, dass das Individuallernen mit der Sportstunde verwechselt werden kann.

„Wir sind glücklich“, resümiert Nicole Breiting zufrieden im Schlusssatz des Streifens. Die Schulleiterin ist sich durchaus bewusst, dass auch nach 100 Tagen in vielen Köpfen noch die „Hauptschule“, welche die Schillerschule über Jahrzehnte war, steckt.

Noch nicht angekommen

Im offenen Gespräch wurde doch klar, dass in den Köpfen der Bevölkerung oft noch nicht wirklich angekommen ist, was die Gemeinschaftsschule eigentlich tatsächlich bietet. Etwas, was sich ganz viele Eltern in G8-Zeiten wünschen. Eigentlich ein G9 (Gemeinschaftsschüler, welche das Abitur anstreben, wiederholen im Gymnasium die Klasse 10), auch Schüler, denen in der vierten Klasse noch keine Gymnasialempfehlung ausgesprochen wurde.